Zeitung Heute : Spezialisten sind gefragt

Anwälte können zwar nicht zur Fortbildung gezwungen werden. Wer auf dem Markt bestehen will, hat aber gar keine andere Wahl

Silke Zorn

Wer rastet, der rostet, meint Bernhard Dombek, Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) – und wünscht sich eine sanktionierbare Fortbildungsverpflichtung für seine Berufskollegen. Bisher gibt es die nicht. Doch bei über 130 000 Anwälten in Deutschland ist umfassendes Spezialwissen ohnehin unerlässlich, um sich aus der Masse abzuheben. „Ein Anwalt, der sich nicht fortbildet, wird auf dem Markt nicht bestehen können“, sagt Stefan Wegerhoff vom Deutschen Anwaltsinstitut (DAI). „Die Rechtsfragen werden immer komplexer, die Konkurrenz immer größer und die Mandanten immer anspruchsvoller.“

Dass ein Anwalt sein Fachwissen stets auf dem neusten Stand halten muss, gehört laut Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) zwar zu seinen Grundpflichten. „Allerdings wird diese Verpflichtung – sieht man von den Bestimmungen der Fachanwaltsordnung ab – nicht weiter konkretisiert“, sagt Stefan Wegerhoff. Kontrollmechanismen und Sanktionen für „Weiterbildungs-Verweigerer“ fehlen. Anders sieht das in vielen europäischen Nachbarstaaten aus, etwa in England, Frankreich, Holland, Belgien oder Finnland. Auch die deutsche BRAK fordert vehement ähnliche Mechanismen – stößt bei Justizministerin Brigitte Zypries allerdings auf taube Ohren. Zu einem freien Beruf gehöre auch die Freiheit, selbst darüber zu bestimmen, wie dieser Beruf sorgfältig ausgeübt werde, so die Ministerin.

Dem stimmt im Wesentlichen auch Cord Brügmann vom Deutschen Anwaltvereins (DAV) zu: „Wir halten hier das Zuckerbrot für sinnvoller als die Peitsche.“ Deshalb beschloss der DAV vergangene Woche die Einführung eines freiwilligen Zertifizierungsmodells. „Ab 2006 stellen wir Zertifikate für den Besuch bestimmter Fortbildungen aus“, sagt er. So könne auch der Verbraucher besser auf die Qualifikation eines Anwalts schließen.

Bisher ist gerade das eher schwierig. Mit einer Ausnahme: den Fachanwaltstiteln. Nur wer sich in bestimmten Rechtsgebieten nachweislich spezialisiert hat, darf sich Fachanwalt nennen. „Der Titel ist wirklich ein Prädikat“, sagt Stefan Wegerhoff. „Man muss einen Lehrgang mit mindestens 120 Stunden besuchen.“ Hinzu kommen Klausuren, deren Bestehen nicht selbstverständlich ist. Ein Anwärter auf den Fachanwaltstitel muss außerdem die selbstständige Bearbeitung einschlägiger Fälle nachweisen – je nach Materie zwischen 50 (zum Beispiel im Steuerrecht) und 120 (etwa im Familienrecht). Und für Fachanwälte gilt, was die BRAK gerne für alle Berufskollegen durchsetzen würde: eine Fortbildungspflicht von mindestens 10 Stunden jährlich; sonst wird der Titel aberkannt. Doch auch der normale Anwalt darf mit seinem Können werben, sich zum Beispiel als „Spezialist für Erbrecht“ oder „Experte im Arbeitsrecht“ bezeichnen. „Das Berufsrecht ist in dieser Hinsicht deutlich liberalisiert worden“, sagt Cord Brügmann. Ob der „Experte“ hält, was er verspricht, wird nicht überprüft.

Wer sich jenseits verpflichtender Vorgaben in Eigeninitiative weiterbilden will, hat viele Möglichkeiten. Die größten Anbieter sind das Deutsche Anwaltsinstitut (DAI) der Rechtsanwalts- und Notarkammern und die Deutsche Anwaltakademie des Deutschen Anwaltvereins. Auch die örtlichen Kammern und Vereine bieten Fortbildungen an. Das ist wichtig, findet Stefan Wegerhoff. „Gerade der Verdienstausfall durch lange Abwesenheit aus der Kanzlei hält viele Anwälte von einer Fortbildung ab.“

Nahezu alle großen Kanzleien verfügen darüber hinaus über eigene Weiterbildungsstrukturen. „Wir bieten die verschiedensten Kurse an – von der Inhouse-Schulung bis hin zu Trainings durch externe Anbieter“, sagt Thorsten Ashoff, Personalleiter bei der internationalen Großkanzlei Lovells. Je nachdem, wie lange sie in der Kanzlei tätig sind, können die Mitarbeiter zwischen verschiedenen Materien wählen, von juristischen Themen, über Bilanzkunde, Rhetorik und Zeitmanagement bis hin zu Personalführung – auf Kosten der Firma. Die Kanzlei setzt dabei auf Freiwilligkeit. „Bei uns arbeiten ohnehin nur die Besten“, meint Ashoff. „Da ist jeder motiviert, sich fortzubilden.“

Für kleine wie große Kanzleien gilt: Spezialisierung ist das Gebot der Stunde. Einzelanwälten, die immerhin über die Hälfte der deutschen Anwaltschaft ausmachen, rät Cord Brügmann zum Zusammenschluss mit Kollegen, damit den Mandanten eine Rundum-Versorgung angeboten werden kann.

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