Zeitung Heute : Spezialisten statt Müllkutscher Entsorger brauchen hoch qualifiziertes Personal

Heiko Schwarzburger

Bis Mitte der 90er Jahre konnten sich die Entsorgungsbetriebe über einen Boom freuen. Doch die einstigen Hochgefühle sind längst verflogen: „Wir sind stark von der allgemeinen Konjunktur abhängig“, sagt Petra Blum, Sprecherin des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE). „Weniger Konsum heißt, dass weniger Verpackungen anfallen. Auch das Dosenpfand macht uns zu schaffen.“ Die Pflichtabgabe auf Glas und PET-Flaschen entzieht diese Materialien der Verwertungswirtschaft, die das Altmaterial bisher vom Dualen System, sprich: aus den Gelben Tonnen, erhielt.

Im Wirtschaftsverband des BDE sind 900 Firmen vereint, mit 160 000 Mitarbeitern. Sie entsorgten 2002 rund sechzig Prozent aller deutschen Siedlungsabfälle, 85 Prozent des Gewerbeabfalls und 95 Prozent des Sondermülls. Im vergangenen Jahr betrieben sie 60 Mülldeponien, 450 Kompostierungsanlagen und 550 Recyclinganlagen. Die Firmen des BDE machten 2003 ungefähr 18 Milliarden Euro Umsatz.

„Wir sind eine klassische Mittelstandsbranche“, sagt Petra Blum. Die meisten Firmen beschäftigen weniger als 100 Mitarbeiter. Sie sind im regionalen Geschäft tätig. Große Familienunternehmen wie Alba oder international tätige Konzerne wie der Großentsorger Rethmann, der weltweit 10 000 Mitarbeiter beschäftigt, sind die Ausnahme. Die Zahl der Kunden aus Industrie, Handel und Gewerbe erreicht eine Viertelmillion, hinzu kommen 150 kommunale Kunden.

Die meisten Städte und Gemeinden arbeiten jedoch mit kommunalen Entsorgern und Stadtreinigungsbetrieben – wie der BSR in Berlin – zusammen. Sie sind im Verband Kommunaler Unternehmen in Köln organisiert. Eine Studie der Unternehmensberatung Prognos nannte die Zahl von 17 000 Arbeitsplätzen, die seit der Einführung des Dualen Systems in Deutschland in der Entsorgungsbranche neu geschaffen wurden. Im gesamten Umweltschutz seien rund 1,3 Millionen Menschen beschäftigt.

Ungeachtet der Stagnation hat der BDE eine Ausbildungsoffensive gestartet. „Vier neue Berufe tragen den veränderten Anforderungen an die Unternehmen Rechnung“, sagt Petra Blum. „Wir haben uns vom Müllkutscher zur Hightech-Branche entwickelt.“ Seit 2002 werden junge Leute als Fachkräfte in Kreislauf- und Abfallwirtschaft, in Rohr- und Industrieservice, in Abwassertechnik und Wasserversorgungstechnik ausgebildet.

In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Ausbildungsplätze in den Mitgliedsfirmen fast verdoppelt. Moderne Entsorgungsbetriebe brauchen zunehmend Chemiker, Logistiker, Ingenieure und andere Spezialisten. Managementpersonal wird im Augenblick kaum gesucht. Hinzu kommt, dass große Entsorger dazu übergehen, ihr Angebot an Dienstleistungen zu erweitern, beispielsweise im Landschafts- und Gartenbau oder im Winterdienst. „Dadurch entstehen neue Nischen und Märkte“, meint Petra Blum.

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