Zeitung Heute : Spezialistin für Anfänge

Kohls Mädchen, Schäubles Generalin, nun mit Stolpern Kanzlerkandidatin. Angela Merkels Karriere war nie elegant, aber erfolgreich

Robert Birnbaum

Wer Angela Merkel einmal kurz in die Werkstatt gucken will, muss den richtigen Zeitpunkt erwischen und über Land reisen. Kein schlechter Moment ist dieser Tag im August 2004 gewesen, an dem die CDU-Chefin frisch aus dem Urlaub gekommen ist. Drei Wochen Wandern in den Dolomiten, viel Höhenluft, wenig Zeitung gelesen, mit dem Kopf noch weit weg vom Politbetrieb – und dann zu „Rotkäppchen“ nach Freyburg an der Unstrut. In der Union tobt der Gesundheitskrieg, auf den Straßen der Anti-Hartz-Protest.

In Freyburg toben – und auch das einstweilen nur als Ankündigung für Samstag auf kopierten Zetteln an Laternenpfählen – äußerstenfalls „Joe Eimer und die Skrupellosen“. Es ist sonnig und idyllisch und leicht ostalgisch, auch weil „Rotkäppchen“ eine dieser seltenen Erfolgsgeschichten ist, in denen eine Ost-Firma den West-Konkurrenten geschluckt hat. Merkel plaudert mit der Belegschaft. Ob Bundeskanzler ein Traumberuf sei? Ja, sagt die Besucherin. Erläutert das länger, Arbeitsplätze, aus Deutschland ist mehr rauszuholen, kleine Abschweifung in gemeinsame DDR-Zeiten und die Rätsel der Planwirtschaft, die einfach nie genügend Zahnbürsten vorsah. Und dann fällt auf einmal dieser Satz. „Man muss sich davon frei machen, dass man einen Prozess über längere Zeit steuern kann.“

Für jemanden, der Politik als Beruf betreibt, ist das ein ungewöhnlicher Satz. Politiker pflegen sich als Menschen hinzustellen, die – aber hallo! – ganz viele Prozesse souverän steuern, vom Bundesfernstraßenbedarfsplan bis zum Frieden im Nahen Osten oder gegebenenfalls einer vorgezogenen Neuwahl. Merkel hat diese Rolle inzwischen auch gelernt. Aber eigentlich tickt sie anders. Die Frau Doktor der Chemie Angela Merkel, Spezialistin für Zusammenbrüche und Wiederaufbauten, hat Politik von Anfang an als Versuch betrieben.

In der Mohrenstraße hieß sie „Angela Ahnungslos“. In der Mohrenstraße saßen die West-Journalisten und guckten dem Ende der DDR zu. Das Zugucken war damals, professionell betrachtet, eine sehr bequeme Sache. Die streng geheime Koalitionsvereinbarung der ersten frei gewählten DDR-Regierung fand ein Journalist eher versehentlich im Kopierraum. Wer sonst etwas wissen wollte, rief direkt beim zuständigen Minister an oder beim Regierungssprecher, der zur Gitarre christlich bewegte Lieder sang und es für seine Demokratenpflicht hielt, nach bestem Wissen Auskunft zu geben.

Bei der stellvertretenden Regierungssprecherin anzurufen galt als weniger gute Idee. Es hat länger gedauert, bis einige erkannten, dass diese Angela Merkel überhaupt nicht ahnungslos war. Die hatte bloß als Erste begriffen, wie das Spiel im freien Westen wirklich funktioniert: dass ein Sprecher im entscheidenden Moment schweigen können muss.

Es war der erste von vielen Momenten, in denen die Frau mit dem eigentümlichen Potthaarschnitt unterschätzt werden sollte. Endgültig aufgehört hat das erst an jenem legendären 11.Januar 2002 im Hotel Herrenkrug in Magdeburg. Es hatte der ganzen enormen List des CSU-Landesgruppenchefs Michael Glos bedurft und der Drohung, dass Roland Koch seinen Skiurlaub unterbrochen hatte, um ihr die Kanzlerkandidatur zu entreißen. Und dann war sie schon wieder schneller gewesen: heimlich im Charterjet nach München, Frühstück in Wolfratshausen. In der Politik ist Etikette manchmal noch wichtiger als bei besseren Herrschaften. Weil und nur weil sie Edmund Stoiber selbst den Vortritt ließ, war jener eisige Januartag nicht ihr Ende, sondern ein Anfang.

Wieder einer. Die politische Geschichte der Angela Merkel lässt sich gut als eine der ständigen Anfänge schreiben: vom Demokratischen Aufbruch über Helmut Kohls „Mädchen“ für Umweltgedöns im Kabinett zu Wolfgang Schäubles Generalin, zur gescheiterten, zur stolpernden, zur letztlich aber doch Kanzlerkandidatin. Man kann sie auch als Geschichte der Merkel-Siege Marke „Albatros“ erzählen. Der Riesenvogel von der Südhalbkugel kann sehr ausdauernd segeln, nur seine Landetechnik ist eigenwillig: mal krachend auf den Bauch, mal mit Überschlag. Hinterher steht er und schüttelt die gezausten Federn – miese Haltungsnoten, nichts mit elegantem Abschluss, aber immerhin so ungefähr ins Ziel getroffen. Angela Merkel hat ihrer Partei selten Gelegenheit geboten, ihre Landungen zu bejubeln.

Der letzte, quälende Merkel-Sieg hängt ihr bis heute schwer nach: Dass sie den Kleinkrieg über ihre Kopfpauschale bis zum vorerst letzten Gefecht des Horst Seehofer eskalieren ließ, hat sie viel Sympathie in den eigenen Reihen gekostet, noch mehr Zutrauen. Das Experiment ging daneben. Überhaupt ist die Angela Merkel von heute ja nicht mehr die Angie, dieses Wesen ohne Geschichte, in das ganze Regionalkonferenzen ihre Hoffnungen projizieren konnten – die Alten, die im Geist ihre Tochter da oben stehen sahen, die Jüngeren, die das Unideologische heraushörten, die Übrigen, denen ihre alte CDU gerade zusammengestürzt war: Kohl weg, Schäuble weg, Kanther vor dem Staatsanwalt. Solche Tage sind ihre Zeit, Spezialistin für Zusammenbruch und Wiederaufbau, für Versuch und Irrtum, und dann eben noch ein Versuch.

Am Mittwoch dieser Woche steht Angela Merkel an einem Podium in der alten Kommandantur Unter den Linden und referiert vor dem Zentralverband der Werbewirtschaft über das Menschenbild der CDU. „Jetzt ist das Zittern ja vorbei“, hat sie beim Reinkommen dem Verbandschef gesagt, was nicht politisch gemeint war, sondern der Sorge des Gastgebers galt, dass eine designierte Kanzlerkandidatin derzeit Besseres zu tun haben könnte. Ansonsten stimmt es aber auch. Eine sehr gelöste CDU-Chefin ist seit letztem Sonntag zu beobachten, seit Nordrhein-Westfalen fiel und Gerhard Schröder sich hinterherwarf. „Die hat ja knallblaue Augen“, hat am Wahlabend einer beim Fernsehen erstaunt ausgerufen. Hat sie, seit 50 Jahren; fällt aber jetzt erst auf.

Merkel also und das Menschenbild. Hat die eins, haben früher ihre innerparteilichen Gegner gefragt? „Kalte Neoliberale“, rufen die Gegner von der anderen Seite heute – Maggie Merkel! Aber die Sache ist anders und komplizierter. Man muss dafür wieder mal Merkel selber zuhören. Nützlich ist es, dabei ein bisschen von der DDR zu wissen. Von der steckt, vielfach gebrochen, ziemlich viel in ihr. Seit einiger Zeit lässt sie vorsichtige Blicke darauf zu; auch so ein Versuch: Ob die mich verstehen? „Als wir noch hier im Osten lebten“, sagt Merkel und wirft einen Seitenblick aus dem Fenster auf das Skelett des Palasts der Republik, „da haben wir gedacht, dass die Dinge in der Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft nach dem gesunden Menschenverstand geregelt sind.“

Dass es nicht so ist, hat sie in den letzten 15 Jahren ausführlich studiert. Nur hat sie aus dem Wirklichkeitsschock einen anderen Schluss gezogen als die Meisten anderen. Nicht den, dass einfach ihr Bild vom Westen falsch war. Sondern dass der Westen falsch ist, weil er nicht ist, was er sein könnte. Dass deshalb die feinen Vorzeichen des drohenden Niedergangs, die sie aus Erich Honeckers Land ja nur zu gut kennt, dieser Rückzug in die Resignation, auch hier sich häufen. Und dass das alles aus eigenem Verschulden passiert. Weil Eurokraten, Bürokraten, Öko- und Sozial- und andere Gutmenschenkraten das Gleiche anrichten, was in der DDR die Partei getan hat: Den Leuten mit Vorschriften und mit Bequemlichkeiten Fesseln anzulegen, „die uns hindern, mit den Menschen dieses Landes das zu machen, was in ihnen steckt“. In Honeckers Land haben sie das oft ganz ähnlich gesagt, in den ersten Jahren, als viele an den Aufbau glauben wollten, später nur noch seufzend: „Wenn die uns doch einfach bloß machen ließen!“

Aber ist es nicht bestenfalls naiv, dieses Zutrauen in die Leute, und schlimmstenfalls nur ein Gute-Laune-Trick? Wenn Merkel solche Sätze vor größerem Publikum sagt oder auch Sätze wie „Wir müssen so viel besser werden, wie wir teurer sind“, dann gucken viele im Saal zweifelnd. Einige, weil sie aus alledem nur die nächste Kürzungsrunde heraushören. Die meisten, weil sie viel kleinmütiger sind als die Frau am Rednerpult, und viele mit allzu viel Grund. Nachdenkliche in der CDU haben das Probem immer gesehen. „Sie kriegt ihren eigenen Optimismus nur schwer auf die Leute übertragen“, räumt einer ein.

Vielleicht auch deshalb, weil sich eine Konstante in der öffentlichen Wahrnehmung der Angela Merkel sehr hartnäckig gehalten hat: Die weiß nicht, was sie will. Oder jedenfalls wissen wir es nicht. Dabei weiß sie recht gut, was sie will, und sie hat in den letzten paar Jahren eigentlich auch wenig Zweifel daran gelassen, welche Mittel ihr dafür vorschweben. Jene Berliner Rede von 2003, die in den Parteitag von Leipzig mündete, der die Kopfpauschale im Gesundheitswesen und Friedrich Merz’ Bierdeckelsteuerreform jubelnd absegnete – das ist alles inzwischen verwässert und konfusverhandelt. Aber, sagt einer ihrer durchaus kritischen Anhänger: „Sie hat nie widerrufen.“ Andere sagen, man möge sich in der Entschlossenheit dieser Frau nicht schon wieder täuschen: Die habe doch nicht einen Norbert Blüm und einen Seehofer beiseite geräumt, nur um sich von Edmund Stoiber weichspülen zu lassen.

Trotzdem wirkt sie oft unscharf, unfassbar auch für die eigenen Truppen. Anders, als man das als Unionsanhänger sonst gewohnt ist, wo schon der Ortsvorsitzende der Jungen Union in, sagen wir, Fallingbostel ohne eine Sekunde Nachdenkens und mit wenigen markigen Worten ein festes Weltbild in ein Gasthofhinterstübchen reinzimmern kann. Merkel kann das nicht, auch keine flammenden Wahlkampfreden. Da ist sie norddeutsch. Die Landstriche, in denen der Wind von vorn bläst und über denen der Himmel größer ist als anderswo, bringen nüchterne Menschen hervor mit Schlag ins Ironische. In der halb rheinisch verschmitzten, halb süddeutsch barocken Union ist das ein Standortnachteil.

Aber es ist nicht nur der Norden. Es ist auch die Folge des Satzes aus Freyburg an der Unstrut. Übrigens stammt der, jene Erkenntnis der menschlichen Begrenztheit, von dem Hirnforscher Wolf Singer. Merkel hat ihn auf die Politik angewandt. Weil sie, anders als die JU-Chefs von Fallingbostel und anderswo, nicht immer schon zu wissen meinte, wie der Prozess Deutschland gesteuert werden muss. Die Sorte felsenfeste Glaubensfestigkeit geht ihr ab. Wenn Politik ein Versuch ist, ist die Anordnung des Experiments zwar nicht beliebig, und es gibt Zutaten, die geeigneter erscheinen für das gewünschte Ergebnis als andere. Aber wenn Politik ein Versuch ist, ist der Ausgang letzten Endes offen.

Es ist diese kleine theoretische Skepsis, die ihr das Zeug zur Volkstribunin nimmt. Alles andere ist da. Der Wille zur Macht, die Fähigkeit, im engsten Kreis Loyalität zu binden. Und neuerdings dieses kampfeslustige Lächeln. Sie kann sich das ja ausmalen, wie seit Sonntag allerlei Parteifreunde im Album nachschauen, ob sie nicht für ihre Wahlkampfbroschüre ein Foto finden: ich mit Angela. Sie kriegt jetzt diese Anrufe, bei denen unterschwellig die Frage mitschwingt: „... und wenn es geklappt hat, denkst du doch an mich?“ Ihr größtes Experiment hat angefangen. Dass auch hier der Ausgang offen ist – wer wüsste das besser als sie selbst.

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