Zeitung Heute : Spezielles Know-how gesucht

Der Wandel von der Aktienkultur hin zur Investmentkultur stellt höhere Ansprüche an den Anleger

Udo Rettberg

Das Thema „Aktienkultur“ war Ende des vergangenen Jahrtausends weltweit in aller Munde. Die Finanzierungs-Erfordernisse des Hightech-Zeitalters führten für einige Jahre zu einem bis dahin in Europa nie zuvor erlebten Aktienfieber. Anleger setzten auf die Aktie und die Wirtschaft nahm diese Chance der Eigenkapital-Beschaffung dankbar an. Sehr rasch erwies sich jedoch, dass sowohl die Banken und die Wirtschaft als auch die Anleger für die von vielen Seiten propagierte Zeitenwende noch längst nicht reif waren. Als die Spekulationsblase platzte, war das Wehklagen laut und das Leid groß.

Noch heute leidet die Weltwirtschaft unter den Exzessen dieser Zeit. Doch hat so mancher Anleger nun erkannt, dass die Aktie zwar ein wichtiger – vermutlich sogar weiterhin der wichtigste – Bestandteil der Kapitalanlage und des Vermögensaufbaus ist. Doch immer mehr Anleger haben auch begriffen, dass die optimale Vermögensaufteilung im Zeitalter des modernen Risikomanagements neben der Aktie und der Anleihe auch andere Investmentformen einbeziehen muss.

Alternative Investments

In diesem Zusammenhang besinnen sich die Anleger zum einen immer stärker der zeitweise arg in Vergessenheit geratenen Kapitalanlagen mit langer Tradition wie Immobilien und Rohstoffe. Zum anderen sind es neue alternative Investments wie Hedge Fonds und Private Equity, die das Interesse der Anleger auf sich ziehen.

Hedge Fonds sind Kapitalsammelstellen, die das ihnen von den Anlegern anvertraute Geld in der Form einsetzen, dass sie zum Beispiel auf steigende und auf sinkende Aktienkurse setzen. Zahlreiche Hedge Fonds unterliegen dabei im Gegensatz zu den traditionellen Investmentfonds nur geringen Beschränkungen in der Wahl ihrer Mittel, ihrer Strategien und der Märkte, an denen sie aktiv sind.

Unter dem Begriff Private Equity sind aller außerbörslichen Unternehmensbeteiligungen zu verstehen. Der größte Teilbereich von Private Equity ist der Markt für Venture Capital – also für Wagniskapital –, der im Zuge der Börsenbaisse ebenfalls stark gelitten hat, derzeit allerdings wieder erste Lebenszeichen von sich gibt.

Auf die veränderten Bedürfnisse und Erfordernisse ihrer Klientel reagieren die deutschen Banken mit der Schaffung neuer interessanter Anlageprodukte. So kann heute davon gesprochen werden, dass sich nach der Aktienkultur nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Teilen der Welt eine moderne „Investmentkultur“ entwickelt. Diese stellt wesentlich höhere Ansprüche, nicht nur an die Privatanleger, sondern an alle Marktteilnehmer. Fachwissen ist an den Finanzmärkten daher zu einem nur schwer bezahlbaren Gut geworden.

Dort, wo für private Anleger bislang nur wenige Möglichkeiten bestanden, in bislang weitgehend institutionellen Investoren vorbehaltenen Investmentformen zu investieren, suchen die findigen Köpfe in den Banken nach Lösungen. Diese werden in der Regel in der Form von strukturierten Produkten gefunden.

Dabei werden nicht selten größere Assets – also Vermögenswerte – gestückelt, in Anleihen, Zertifikate, Optionsscheine oder andere innovative Finanzierungs- und Anlageformen verpackt, in Form von Wertpapieren verbrieft und fungibel gemacht. Durch die Einführung an organisierten Börsen werden diese neuen Finanzinstrumente wie Zertifikate für den Anleger somit als Wertpapiere handelbar gemacht.

Risiken transportieren

Auf diese Weise profitieren auch die zahlreichen neuen Märkte, die durch die Deregulierung und Liberalisierung bislang staatlich organisierter Einheiten entstanden sind und noch entstehen. In diesem Zusammenhang ist an die Kommunikationsbranche und an die Versorgungswirtschaft zu denken, wo neue Märkte entstanden sind, auf denen zum Beispiel Telefonminuten, Strom oder Gas in investierbare Produkte verpackt wurden. Hierdurch kann die Wirtschaft jene Risiken transportieren, die für sie durch die Liberalisierung der Märkte entstanden sind. Diese Risiken werden von jenen übernommen, die solche Risiken mit der Chance auf in der Zukunft liegende Erträge suchen.

Die Besonderheiten dieser oftmals recht komplexen Instrumente und deren Einbeziehung in ein modernes Vermögensmanagement erfordern von den Anlegern ein spezielles Know-how.

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