Zeitung Heute : Spiegel-Affäre

Er ist kein gewöhnliches Möbelstück, sondern ein Inquisitor: Der Spiegel sieht alles und zeigt alles. Trotzdem sollte man ihn nicht zu ernst nehmen.

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Von Pascale Hugues Man kann sich nicht durch den Tag bewegen, ohne sich fortwährend an seinem eigenen Spiegelbild zu stoßen. Beim Aufstehen, im Badezimmer, zeigt uns der Spiegel über dem Waschbecken ein Gesicht, das noch von der Nacht zerknittert und vom Schlaf geschwollen ist. Damit nicht genug; besonders sadistische Vorrichtungen sollen das eigene Abbild genauer widergeben: Die Neonröhre hebt das zerfurchte Relief der Haut hervor, in ihrem fahlen Schein zeichnen sich Falten und Krähenfüße ab, Tränensäcke und Augenringe. Ähnlich gnadenlos sind die Vergrößerungsspiegel an ihrem Ziehharmonika-Arm. Ob Pickel, Narben, braune Flecken oder blaue Äderchen – alles wächst ins Riesenhafte.

Das Gesicht verwandelt sich in ein impressionistisches Werk, so als hätte ein enthemmter Van Gogh sich in die Aufgabe verbissen, jeden Makel der Haut mit energischen kleinen Pinselstrichen auf die Leinwand zu werfen. Allmorgendlich beim Aufstehen liefert der Spiegel den Beweis, dass es Vollkommenheit nicht gibt und dass die Zeit unerbittlich voranschreitet. Betrug ist ausgeschlossen.

„Ich zögere, das Rasiermesser bereit, finsterer Hohn / für den gespiegelten Mann, dessen Bart meine Beachtung braucht /und frage ihn einmal mehr, warum /er noch so da steht, gerüstet, vermessen wie ein Knabe, / der die Königin in ihrem hellen Seidenzelt umwirbt“, spottet der englische Dichter Robert Graves, wenn er am Morgen seinem zerstörten Gesicht im Spiegel begegnet.

Naiv, wer glaubt, die Qual würde sich auf das Badezimmer beschränken. Ganz im Gegenteil! Unversehens macht der Spiegel sich in unserem Alltag breit. Auch wenn im Flur kein wandhohes Exemplar hängt, an dem man sein Aussehen einer strengen Endkontrolle unterziehen kann – fällt das Jackett gut, ist der Bauch noch flach –, so gibt es doch kein Entrinnen vor dem eigenen Abbild. Auf der Straße muss man sich in den Schaufenstern betrachten, im Lack der Autos, in den Spiegeln, mit denen der Fahrstuhl zum Büro verkleidet ist. Von morgens bis abends stößt man immer wieder auf dieses Double, das einem folgt wie ein Schatten. Auf der Caféterrasse ziehen die Frauen sich die Lippen nach und betrachten sich dabei mit gespitztem Mund im winzigen ovalen Spiegel der Puderdose. Bevor die Männer aus dem Auto steigen, recken sie sich dem Innenspiegel über ihrem Kopf entgegen, um den Krawattenknoten zu kontrollieren. In den Ankleidekabinen der großen Kaufhäuser wird die bleiche Haut reflektiert. Dank der Wandspiegel, die die Restaurants optisch vergrößern, kann man in seiner eigenen Gesellschaft zu Abend essen.

Der Spiegel ist ein genauer Inquisitor, dem nichts entgeht. Ausgeschlossen, sich in dieser Welt zu vergessen, die mit Bildern der eigenen Person gesättigt ist.

Selten trifft man auf jene, die sich in diesen Zeiten der Diktatur von Schönheit und Jugend dem eigenen Spiegelbild liebevoll zuwenden. Allein die Castafiore, Sängerin von der Mailänder Scala, die wir aus „Tim und Struppi“ kennen, singt mit ihrer schrillen Stimme: „Haaa, welch Glück mich zu sehn’ so schön in diesem Spiegel.“ In der modernen Zeit ist Bianca Castafiore der lästige und lächerliche Narziss. Dieser unwiderstehlich schöne Jüngling entdeckt, nachdem er alle Avancen der verliebten Nymphe Echo zurückgewiesen hat, sein Abbild im klaren Wasser einer Quelle und verliebt sich hoffnungslos in sich selbst. Er stirbt aus Verzweiflung, weil er sein eigenes Abbild nie berühren kann. Narziss wird zum Opfer der Kräfte, die vom Spiegel ausgehen. Eine Gefahr, der die meisten von uns – und besonders die Heranwachsenden – heute mehr denn je ausgesetzt sind. Untersuchungen belegen, dass die Mehrzahl der Menschen mit ihrer physischen Erscheinung unzufrieden ist. Sie finden sich zu dick, zu dünn, den Po zu rund, die Schultern nicht breit genug, als sähen sie sich nicht im eigenen Badezimmer, sondern auf dem Jahrmarkt in einem dieser Zerrspiegel, die ein missgestaltetes Bild zurückwerfen und die Wahrnehmung der Mitte, der Symmetrie, der ganzen Erscheinung deformieren.

Im Leben der Kinder gibt es einen magischen Moment: Auf dem Arm der Mutter erkennt das Kleine zum ersten Mal sein Bild im Wohnzimmerspiegel. Es versteht, dass dieses Baby, das es aus wenigen Zentimetern Entfernung anlächelt, nicht ein ferner Anderer und damit unheimlich ist, sondern das Abbild seiner Selbst. Im Alter von 18 bis 24 Monaten entdecken die Kinder ihr eigenes Spiegelbild und so auch die Selbstwahrnehmung.

Der berühmte Spiegeltest ist ganz einfach: Dem Kind wird etwas rote Farbe auf die Stirn getupft. An dem Tag, an dem das Kind nach dem Farbfleck in seinem Gesicht greift, hat es eine Schwelle überschritten. Das Kind weiß: Das Spiegelbild bin ich. Das Kleine ist groß geworden, von nun an ist es Gefangener seines Ebenbildes. Braucht man ein ganzes Leben, um sich von seinem Abbild im Spiegel zu befreien? Ein kleiner Text aus dem Internet resümiert diesen Hindernislauf sehr gut: „Mit drei Jahren: Man betrachtet sich und sieht eine Königin. Mit acht Jahren: Man betrachtet sich und sieht Aschenputtel oder Dornröschen. Mit 15 Jahren: Man betrachtet sich und sieht sich dick, hässlich, mit Pickeln übersät. Erst mit 50 Jahren kommen die Dinge allmählich ins Lot: Sie betrachtet sich, sagt: Das bin ich, lächelt und geht ihrer Wege! Und mit 80 Jahren: Sie sieht nicht mal mehr in den Spiegel, setzt ihr lila Hütchen auf und geht aus, weil sie gerade Lust auf die Welt hat!“ Müssen wir erst die Weisheit und Nonchalance des Alters erreichen, um uns nicht mehr von diesem häuslichen Kontrolleur beeindrucken zu lassen?

„Spieglein, Spieglein an der Wand,wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Der berühmteste Spiegel gehört der bösen Stiefmutter in Grimms Märchen. Die unerträgliche Wahrheit, ausgesprochen vom magischen Spiegel im Schlafzimmer der bösen Frau, die auf die Schönheit ihrer Stieftochter eifersüchtig ist, bedroht Schneewittchens Leben. Die Königin, lange Zeit die Schönste im ganzen Land, wird bei der genießerischen Betrachtung ihrer Selbst gestört. Sie will nicht hinnehmen, dass sie altert, dass eine neue Generation, jünger und im gebärfähigen Alter, dabei ist, ihre Nachfolge anzutreten. Zu den Zeiten der Brüder Grimm ermöglichten weder Schönheitschirurgie noch Botox die Illusion, man könne das Verstreichen der Jahre anhalten.

Die Frau in ihrem Spiegel – seit der Antike ein unsterbliches Motiv. Renoir, Tizian, Paul Delvaux, Picasso, Edgar Degas, Fernand Léger, viele Maler ließen sich von der selbstverständlichen Intimität faszinieren, die zwischen der Frau und ihrem Spiegel besteht. Renoir und Degas malen die frivolen Pariserinnen, die im Spiegel den Sitz ihres koketten Hütchens begutachten. Tintoretto zeigt eine Susanna im Bade, die ihre weißen Rundungen in einem rechteckigen Spiegel bewundert, während ein lüsterner alter Mann aus seinem Versteck im Gebüsch die Szene beobachtet. Als erotisches Objekt, das es ermöglicht, die geheimen Winkel des weiblichen Körpers zu entdecken, war der Spiegel in den Bordellen des 19. Jahrhunderts unerlässliches Accessoire. Er war über dem Bett angebracht und reflektierte die Spiele aus allen Perspektiven.

Man täte dem Spiegel jedoch Unrecht, wollte man ihn als einen gewöhnlichen Haushaltsgegenstand, ein banales Accessoire für die Schönheit ansehen. „Ein Roman: Das ist ein Spiegel, den man eine Straße entlangträgt“, schreibt Stendhal. Gibt der Spiegel tatsächlich die Wahrheit wider? Oder verdunkelt er die Klarheit der Welt? Welches andere Universum verbirgt sich dahinter?

Der Spiegel weist uns darauf hin, dass die Distanz zwischen Bild und Wirklichkeit nur gering ist. Die wirkliche Welt kann jeden Moment einstürzen und sich zwischen Falten und Verunstaltung verlieren. Mythen und Geschichten machen aus dem Spiegel und seiner Reflektion Kräfte der Wahrheit, aber auch Kräfte des Irrtums. Diese Faszination entspringt aus seiner Vermittlerrolle. Und wenn man sich daran erinnert, dass Lewis Carrolls Alice sich „Hinter den Spiegeln“ aufhält, um das verborgene Gesicht der Welt zu entdecken, wenn man sich die Prophezeiung des Sehers Teiresias vor Augen hält: „Narziss wird sehr alt werden – aber nur, wenn er sich niemals sieht“, dann versteht man, dass es an der Zeit ist, morgens dem perfiden Spiegel über dem Waschbecken zu misstrauen.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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