Zeitung Heute : Spiegel einer sich verändernden Gesellschaft

Seit 1994 durchläuft Johannesburg einen dynamischen Verwandlungsprozess und setzt architektonisch Zeichen des Aufbruchs

Jürgen Tietz

Johannesburg ist in Bewegung – und es scheint aufwärts zu gehen. Das war nicht immer so: Ende der neunziger Jahre drohte die Kriminalität in Johannesburg überhand zu nehmen, mit fatalen Folgen für die Stadt. Ohnehin sei „Johannesburg eine Stadt mit zwei Gesichtern“, meint die Architektin Dagmar Hoetzel. Seit 1996 ist sie fast jedes Jahr nach Südafrika gefahren, hat Kontakte zu Architekten und Stadtplanern geknüpft. Gerade erst ging ihre erfolgreiche Ausstellung „Fast forward Johannesburg“ über neue Architektur und Stadtplanung in der Galerie Aedes East zu Ende, die sie kuratiert hatte. „Einerseits ist Johannesburg überraschend dynamisch, besitzt eine eigene kreative Energie. Doch andererseits ist nirgendwo in Südafrika die Gewalt so schnell und unmittelbar zu spüren wie hier“, weiß Hoetzel.

Bei jedem ihrer Besuche in der Stadt hatte sich die Stimmung dort gewandelt. Konnte man in den ersten Jahren nach dem Ende des Apartheidregimes 1994 noch bedenkenlos in die Innenstadt gehen, so änderte sich die Lage Ende der neunziger Jahre. Die Kriminalität nahm dramatisch zu. Firmen verlagerten daraufhin ihre Zentralen und mit ihnen gingen die Leute und die Läden. „Touristen kamen hier ohnehin nicht mehr hin“, so Hoetzel. Um die City zurückzugewinnen, musste man neue Wege einschlagen. Die Stadtverwaltung rief das „inner city development program“ ins Leben: Rund eine Milliarde Euro wurden für die Verbesserung der Infrastruktur, für Industrie, Dienstleistung, Tourismus und Wohnungsbau zur Verfügung gestellt. Überwachungskameras wurden in der Innenstadt installiert. Sie sorgten dafür, dass die Kriminalitätsrate zurückging und auch die gefühlte Sicherheit stieg.

Schnelles Wachstum und dramatische Umschwünge sind keineswegs eine neue Situation für Johannesburg. Bereits wenige Jahre nach den ersten Goldfunden 1886 wuchs in der einstigen Savannenlandschaft eine Großstadt, in der 100 000 Menschen lebten. Das lang gestreckte Band aus Goldminen und Abraumhalden prägte auch die Topografie der Stadt. Südlich der Minen entstanden Arbeitersiedlungen, wie das einstige Township Soweto. Die Innenstadt lag dagegen nördlich. Das jahrzehntelang auf Ausgrenzung und Unterdrückung ausgerichtete Apartheidsystem spiegelte sich daher auch in der Stadtstruktur und in den Planungsprozessen wider.

Seit 1994 werden neue, partizipatorische Städtebauprozesse in Gang gesetzt, werden Maßnahmen und Eingriffe mit der Bevölkerung diskutiert und abgestimmt. Der Städtebau wird so wiederum zum Spiegel der veränderten gesellschaftlichen Situation. Ein Beispiel für neue Investitionen sind die Markthallen für die fliegenden Händler, die nach 1994 in das Straßenbild der Stadt kamen. So etwa die 2003 errichtete „Metro Mall“, in der sie ihre Waren auch über Nacht lagern können. Doch nicht nur in der Innenstadt wird investiert: In dem dicht besiedelten Township Alexandra, wo über Jahre hinweg jeder freie Fleck illegal bebaut wurde, werden Maßnahmen ergriffen, um einstige Freiflächen zurückzugewinnen. Dadurch wird zwar die Lebensqualität dort gesteigert, aber es kommt auch zu Konflikten unter den Bewohnern. Die Spaltung der Gesellschaft aufzuheben, die durch das Apartheidsystem entstanden ist, erweist sich als ein langwieriger Prozess.

Eine wichtige Rolle kommt dabei Bauten mit hohem Symbolgehalt zu, wie dem neuen Verfassungsgericht. Es entstand auf dem Areal eines als Gefängnis genutzten Forts. Ein Ort mit doppelter symbolischer Bedeutung, waren doch hier einst sowohl Mahatma Gandhi als auch Nelson Mandela politische Gefangene. Das neue Südafrika drückt sich heute in der Architektur des Verfassungsgerichts aus, das von den Büros omm design workshop (Durban) und Urban Solutions (Johannesburg) errichtet wurde. Zu seinen Leitmotiven gehören architektonische Transparenz und die für Johannesburg keineswegs selbstverständliche öffentliche Wegeführung.

Die Entwicklung in Johannesburg, das inzwischen als Einkaufscenter für den gesamten Kontinent gilt, erscheint keineswegs gradlinig. Viele kleine und große Eingriffe und Konzepte sind in der Stadt notwendig. Ein entscheidender Erfolg ist es, dass die Sicherheit in der Innenstadt erhöht werden konnte. Derweil setzt sich die Veränderung an den Rändern der Stadt fort. Neue Wohnbauten entstehen, vielfach Einfamilienhäuser. Johannesburg hat mit dem Programm „Joburg 2030“ auch eine langfristige Vision formuliert. Mit ihr will es Anschluss an die großen Weltstädte finden.

Literatur: Stadtplanung und Architektur im Aedes Katalog „Fast Forward Johannesburg" (10 Euro). Aktuelle Informationen: www.joburg.org.za.

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