Zeitung Heute : Spiel-Konsolen: Dreamcast gegen die Play Station 2

Klaus Angermann

Beim Ausfüllen des Wunschzettels könnten Spielsüchtige in diesem Jahr Ratlosigkeit plagen: Gut einen Monat vor Heiligabend kam der ersehnte Nachfolger von Sonys Spielkonsole Playstation in Deutschlands Läden und macht seither der schon seit über einem Jahr erhältlichen Dreamcast von Sega mächtig Konkurrenz. Welche Konsole soll nun auf die Weihnachtsliste? Welche ist besser?

Die Play Station 2 lockt mit integriertem DVD-Player, aber einem hohen Preis von 870 Mark, die Dreamcast mit Internet-Zugang und günstigen 400 Mark Anschaffungskosten - ordentliches Spielvergnügen liefern hingegen beide. Doch gehört die gute, alte Dreamcast nach dem Play-Station-2-Launch vielleicht nicht schon zum Alteisen?

Sega baut mit seiner Konsole auf eine 64-Bit CPU, die in Verbindung mit einem 128-Bit Grafikprozessor sowie 200 MHz Taktfrequenz für flüssige Spielabläufe sorgt. Sony setzt dem eine 128-bittige CPU mit 32 MByte Speicher und 300 MHz Taktfrequenz entgegen und bietet zudem für die Klangkulisse einen Dolby-Digital-Ausgang. Anders als Sonys DVD-Laufwerk setzt Sega auf ein GD-ROM für ein GByte fassende Medien - mit DVD-Filmen kann die Dreamcast nichts anfangen. In die Konsole ist aber ein Modem integriert, das mit 33,6K-Geschwindigkeit nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit ist. Zugang ins Internet wird es für die PS2 erst im nächsten Jahr geben, derzeit machen schon Gerüchte über eine Kooperation mit AOL die Runde. So hält sich Sony die Option für einen breitbandigen Zugang durch externe Geräte noch offen.

Mehr Spiele im Frühjahr

Im Einstiegspaket der PS2 ist kein Spiel enthalten, dafür bietet sie durch die Abwärtskompatibilität zur PS1 Zugriff auf 900 alte Titel. Segas neues Flaggschiff hingegen spielt Vorgänger-Titel nicht ab, profitiert aber von seiner größeren Marktpräsenz und verfügt über mehr und auch bessere Games als die PS2. Außergewöhnliche Titel wie das Angel-Spiel "Sega Bass Fishing", "Ecco the Dolfin" oder das Online-Spiel "Planet Ring" mit Internet-Telefonie fehlen derzeit im Sortiment der PS2. Das sollte sich im Frühjahr 2001 ändern, wenn weitere der über 250 geplanten Spiele in den Handel kommen.

Fakten, Fakten - was sagt der Praxistest? Midways Klassiker "Ready 2 Rumble" ist für beide Konsolen erhältlich: Im direkten Vergleich bestehen kleinere grafische Unterschiede in der Ausführung der Details bei der PS2-Version. Pluspunkte verdient auch das Sony-Game "Ridge Racer V", das Rennen fährt sich sehr flüssig, obwohl echte Rennatmosphäre wie bei Acclaims Ferrari-Rennen F 355 für die Dreamcast fehlt.

Die ebenfalls von Sony stammende Prügelspielumsetzung "Tekken Tag Tournament" setzt neue Standards. Während des flotten Kampfes sorgen Figuren im Hintergrund für Lebendigkeit, und Grasbüschel im Vordergrund suggerieren beinahe Dreidimensionalität. Sega kontert mit dem neuen Abenteuer- und Rollenspiel "Shenmue", dessen Spieltiefe im Konsolenbereich bislang einzigartig ist und die Performance der Dreamcast vollends auslotet. Insgesamt ist der Vorsprung der PS2 jedenfalls kleiner als erwartet - erst wenn die ersten Titel die Konsole richtig ausreizen, also im kommenden Jahr, wird er wohl richtig ausgebaut werden.

Bei der "Zusatz"-Hardware zeigen beide Konsolen Komfortmängel. Die Benutzung des integrierten DVD-Players per Analog Controller ist nur etwas für sehr geduldige Menschen, glücklicherweise gibt es bereits erste Fernbedienungen im Handel. Wer dagegen PC-verwöhnt zur Entspannung eine Runde mit der Dreamcast surfen möchte, wird sich kaum an den pixligen Mattscheiben-Browser ohne Java-Unterstützung gewöhnen wollen, die Geschwindigkeit der festgelegten Verbindung reißt gleichfalls noch keine Bäume aus. Die Achillesferse der Playstation 2 bleibt auf jeden Fall der Kaufpreis, denn auch für die Zielgruppe der über 20-Jährigen sind 870 Mark kein Pappenstiel. Vor allem, weil für die nicht komplette Konsole Folgekosten einzukalkulieren sind: Hinzuzurechnen sind ein zweiter Controller (60 Mark), eine Memory Card (80 Mark) und mindestens ein Spiel (rund 120 Mark), bei dem allein es natürlich nicht bleiben wird. Weiter eine Fernbedienung für den DVD-Player, im nächsten Jahr noch die zusätzliche Anschaffung eines Modems sowie die dazu erforderliche Festplatte; so summieren sich die Kosten schnell auf 2000 Mark.

Welche Konsole ist nun die Beste? Von den Daten her hat die neue PS2 die Nase vorn, die Dreamcast kontert mit dem günstigeren Preis und einem großen Angebot an ausgereiften Spielen. Zudem vermiest sich Sony mit Lieferproblemen selbst das Geschäft, die Dreamcast steht dagegen in ausreichender Anzahl in den Regalen - in Amerika macht sich das bereits bemerkbar.

Und wenn der Käufer schon im Besitz eines DVD-Spielers ist, fehlt ein nicht unwichtiges Kaufargument zugunsten der PS2. Wer auf jeden Fall noch vor Weihnachten eine neue Spielkonsole kaufen möchte, aber auf lange Sicht plant, wird mit den erweiterungsfähigen PC-Standards wie USB-Anschluss der Sony-Konsole besser fahren. Und bald wird es genügend spannende Spiele geben, die die Leistungsfähigkeit der PS2 demonstrieren.

Oder man wartet, bis im nächsten Jahr die Preise purzeln und kauft sich solange eine Play Station 1 für unter 250 Mark. Wer sich absolut nicht entschieden kann, sollte das nächste Jahr abwarten, wenn mit der konkurrierenden "Xbox" von Microsoft der Konsolenmarkt erneut aufgemischt wird. Vielleicht sinken dann die Preise.

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