Zeitung Heute : Spiel ruhig mit den Lehrerkindern

Susanne Vieth-Entus

Vergleichsarbeiten sind sinnvoll – solange die Schüler sie nicht vorher kennen

Wäre Berlins Bildungssenator Klaus Böger ein Zauberer – er hätte ein leichtes Leben. Denn einige wichtige Zauberformeln für ein Gelingen der Schulreform sind ihm bekannt: Vergleichsarbeiten, Ganztagsschulen, frühere Einschulung, mehr Unterricht. Das alles hat er in Angriff genommen, ganz wacker und entschlossen.

Aber leider ist er kein Zauberer und somit geht erst mal einiges schief. Jüngstes Beispiel: die Pannen bei den Vergleichsarbeiten. Eine unbekannte Zahl von Schülern hat sich die Aufgaben, mitunter sogar die Lösungen, vorab beschaffen können. Das war gar nicht schwer, denn zumindest die Aufgaben waren in unverschlossenen Umschlägen in hunderten Lehrerhänden. Nach dem, was man bisher weiß, haben sich Lehrerkinder in den Besitz der Aufgaben gebracht und sie an Freunde weitergegeben.

Wenn die Bildungsverwaltung jetzt versucht, den Missbrauch klein zu reden mit dem Hinweis, das selbst Abiturarbeiten schon mal vorab im Internet gestanden hätten, stärkt das nicht gerade das Zutrauen in die Relevanz und Aussagekraft der mit so viel Aufwand betriebenen Vergleichsarbeiten. Im Gegenteil: Wie sollen Eltern denn das Abschneiden ihrer Kinder ernst nehmen, wenn die Ergebnisse nicht unter vergleichbaren Bedingungen zustande gekommen sind?

Nicht weniger ärgerlich als die laxe Verteilung der Prüfungsunterlagen ist aber die Naivität, mit der der Senator die Forderung abtut, die Vergleichsarbeiten durch fremde Lehrer korrigieren zu lassen. Böger meint, der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, stelle „die Welt auf den Kopf“, wenn er sage, dass Lehrende nicht prüfen sollten.

Anscheinend hat Böger noch nie etwas davon gehört, dass Zweit- und Drittgutachter, dass ganze Prüfungskommissionen eine Selbstverständlichkeit im Schul- und Universitätsgeschäft sind: Wenn es drauf ankommt, darf eben nicht nur der entscheiden, der für Unterricht und damit für Schüler- oder Studentenleistung mitverantwortlich ist.

Und es kommt drauf an! Denn die Schulen dürfen ihre Gesamtergebnisse veröffentlichen, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Und das ist nicht unwichtig in Zeiten von Schülerschwund und Schulschließungen. Vor allem aber kann die Vergleichsarbeit den Werdegang eines Schülers erheblich beeinflussen: Von ihrem Bestehen hängt nämlich ab 2006 nicht nur die Zensur in dem einen Fach ab, sondern auch die Vergabe des mittleren Bildungsabschlusses. Böger hat also allen Grund, das Prozedere bei den Vergleichsarbeiten zu korrigieren.

Zaubern können muss er dafür gewiss nicht. Schließlich genügt ein Blick nach Baden-Württemberg, um zu erfahren, dass Zweitgutachter bei den Arbeiten von Neunt- oder Zehntklässlern ebenso selbstverständlich sein können wie beim Abitur. Es ist also gar nicht schwer, aus den Vergleichsarbeiten eine richtig zuverlässige Aussage über das Berliner Schulsystem zu gewinnen. Böger sollte sich hier ruhig etwas „abgucken“ und seine Kraft für die ganzen anderen Reformen aufheben, die sonst noch auf ihn warten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!