Spielbergs Film "Gefährten" : Kampfhunde und Schlachtrösser

In Steven Spielbergs neuem Film zieht ein Pferd in den Krieg. Doch auch Schweine, Tauben und Elefanten mussten an die Front. Von tierischen Einsätzen.

Brieftauben wurden im Ersten Weltkrieg in tragbaren Verschlägen zur Front gebracht.
Brieftauben wurden im Ersten Weltkrieg in tragbaren Verschlägen zur Front gebracht.Foto: p-a/Mary Evans Pictures

Der Flug endet auf offener See, 120 Meilen vor der schottischen Küste. Das zweimotorige Kampfflugzeug vom Typ Bristol Beaufort ist bei seinem Einsatz über dem von deutschen Truppen besetzten Norwegen schwer beschädigt worden. Nun bleibt der britischen Crew nichts anderes übrig, als auf der Nordsee aufzusetzen – mitten im Winter, es ist der 23. Februar 1942. Während der Bomber versinkt, können sich vier Männer in ihr Schlauchboot retten, allerdings ist es ihnen nicht mehr gelungen, ihre Position durchzugeben. Das ist der Moment, in dem all ihre Hoffnungen auf dem fünften Überlebenden des Absturzes ruhen, auf Winkie, der Brieftaube.

Winkies Gefieder ist ölverschmiert, ihre Aussichten sind schlecht. Läge ihr Taubenschlag in Südengland, wären sie noch düsterer. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals haben die Deutschen angeblich Raubvögel im Einsatz gegen feindliche Brieftauben. Doch am Morgen des folgenden Tages erreicht die Taube ihre schottische Basis. Die Crew wird gerettet, und Winkie ist die erste britische Brieftaube, die mit der eigens dafür gestifteten Dickin Medal ausgezeichnet wird, der Tapferkeitsmedaille für Tiere im Krieg.

Bis heute ist die Dickin Medal 63-mal vergeben worden, zuletzt im Jahr 2010 an Treo, einen Labrador, der seinen Orden bekam, weil er in Afghanistan Sprengstofffallen erschnüffelt hatte.

Keine andere Nation würdigt ihre tierischen Kampfgefährten derart offensiv. Die Briten haben 2004 im Hyde Park sogar eine Nationale Gedenkstätte errichtet, das „Animals in War“-Monument. Auf 17 mal 17 Metern zeigt es die Silhouetten von Pferden, Maultieren, Eseln, Brieftauben, Elefanten, Ochsen, Kamelen – „Sie hatten keine Wahl“, heißt es in der Inschrift.

Da wundert es nicht, dass eine der rührendsten Geschichten zu diesem Thema gleichfalls aus England kommt: „War Horse“, zu Deutsch so viel wie Schlachtross, 1982 von dem Briten Michael Morpurgo verfasst, handelt von einem Pferd, das 1914 in den Ersten Weltkrieg geschickt wird. Das Kinderbuch hat auch dem Amerikaner Steven Spielberg gefallen. So gut, dass er sich entschloss, die Geschichte ins Kino zu bringen. Der Film läuft kommenden Donnerstag in Deutschland an, hier allerdings unter dem weniger martialischen Titel „Gefährten“.

In Deutschland hat man schon schwer daran zu tragen, an all die menschlichen Opfer zu erinnern. Ein Monument für gefallene Tiere zu errichten, wäre mindestens merkwürdig gewesen. Doch auch Deutschland griff in allen Kriegen auf seine tierischen Ressourcen zurück. Über Jahrtausende waren sie das Rückgrat jeder Armee.

Vielleicht ältester, aber nicht wichtigster Kamerad war der angeblich beste Freund, der Hund. Den führenden Rang machte ihm das Pferd streitig. Früheste Funde deuten darauf hin, dass sich die ersten Reiter vor 6000 Jahren auf den Pferderücken geschwungen haben. Vorderasiatische Kulturen gründeten auf der Schlagkraft ihrer Streitwagen. 1906 wurde auf dem Gebiet der alten Hethiterhauptstadt Hattusa in Anatolien eine hippologische Sensation entdeckt: das mit 3500 Jahren älteste Lehrbuch für die Ausbildung von Streitwagenpferden, verfasst von Kikkuli, dem Pferdetrainer, wie er sich nannte.

Griechen und Römer, beide zunächst nicht so gut zu Pferde, demonstrierten, dass es auch anders ging. Solange die griechischen Hopliten, mit Schild und Panzer geschützte Krieger, ausgerüstet mit bis zu fünf Meter langen Lanzen, zusammenblieben, war ihnen ebenso schwer beizukommen wie später einer römischen Legion, die sich in der Schildkröten-Formation auf den Gegner zuwälzte. Auch dagegen gab es Mittel. Dokumentiert sind Bienenkörbe, die in die feindlichen Reihen geschleudert wurden, oder Kampfhunde, die man von der Leine ließ, um die Reihen des Gegners in Unordnung zu bringen. Das alles war aber nichts gegen das, was noch kommen sollte.

Im Frühling des Jahres 280 vor Christus waren die Römer dabei, den gesamten italienischen Süden zu erobern, auch die Kolonien, die griechische Siedler dort gegründet hatten. Die Griechen riefen einen der ihren zu Hilfe, Pyrrhus, König von Epirus. Bei Heraclea am Golf von Tarent trafen die Armeen aufeinander, 30 000 Römer und die beinahe ebenso große Streitmacht des Pyrrhus. Nach stundenlangem Kampf brachte Pyrrhus seine Geheimwaffe: 20 Kampfelefanten. Der Auftritt versetzte die römischen Reihen in Panik, Pferde gingen durch, Soldaten liefen weg, Pyrrhus triumphierte.

Es war nicht der erste Elefanten-Einsatz. Alexander der Große, der von Griechenland bis Indien stürmte, traf am Grenzfluss Hydaspes auf eine indische Streitmacht mit 200 Kampfelefanten, bunt bemalte Riesen, furchteinflößend, in den turmartigen Aufbauten saßen Speerwerfer und Bogenschützen.

Der Elefant war der Panzer des Altertums, doch seine Ausbildung war langwierig. Der britische Historiker John Kistler hat das Phänomen erforscht und behauptet, indische Mahouts, die Elefantenführer also, hätten ihre Tiere auf bis zu 30 Kommandos gedrillt: von Upasthana, dem Überwinden von Hindernissen wie Mauern oder Zäunen, bis Vadhavadha, der Anordnung, die Feinde mit den Füßen zu zertrampeln.

Ein Heer von 200 Elefanten aufzustellen, ist eine ungeheure logistische Herausforderung. Jedes einzelne Tier braucht 150 Kilo Nahrung und 80 Liter Wasser am Tag, dazu kriegt es einen Eimer Branntwein, um die von Hause aus eher scheuen Tiere für den Kampf aufzuputschen. Außerdem müssen bei 200 Elefanten bis zu 20 Tonnen Kot täglich entsorgt werden, damit das Lager nicht binnen kurzem im Dung versinkt.

Die Mühe war vergebens. Alexanders multiethnische Truppe kannte Elefanten bereits, wusste, dass sie keineswegs unbesiegbar waren. Sie wurden ganz einfach ausmanövriert. Schlimmer, die in die Enge getriebenen und überdies betrunkenen Tiere machten keinen Unterschied mehr zwischen Freund und Feind. 80 der 200 Elefanten blieben auf der Strecke. Indien lag offen vor Alexanders Streitmacht, doch diese verweigerte ihm die Gefolgschaft, wollte endlich nach Hause.

In Italien vertraute Pyrrhus nach dem Sieg in Heracleia weiter auf seine grauen Riesen – bis zur Schlacht von Beneventum, sieben Jahre später. Entscheidend war eine neue Geheimwaffe: das Kampfschwein im erzwungenen Selbstmordeinsatz. Roms Konsul Manius Curius Dentatus ließ Schweinen den Rücken mit einer brennbaren Flüssigkeit bestreichen und anzünden. Vor Schmerzen quiekend wurden sie in die feindliche Elefantenformation getrieben, wo das Chaos ausbrach. Geschlagen verließ Pyrrhus Italien.

Auch Hannibal hatte kein Glück mit seinen Elefanten. Wenn überhaupt, brachte er bei seinem Marsch auf Rom nur ein oder zwei Tiere heil über die Alpen. Der Einsatz von Elefanten lohnte sich nicht mehr. Als Arbeitstiere allerdings blieben sie noch bis ins 20. Jahrhundert auf den südostasiatischen Kriegsschauplätzen von Birma bis Vietnam präsent.

Ganz anders das Pferd. Mit Pfeil und Bogen ausgerüstete Reitertruppen asiatischer Völker stürmten bis tief nach Europa – wo man schnell nachrüstete. Die Ritter des Mittelalters leiteten aus dem Besitz eines Pferdes ihren Herrschaftsanspruch ab. Seit auch in Europa im achten Jahrhundert der Steigbügel eingeführt worden war, schien nichts eine anreitende Formation aufhalten zu können. Der Anpralldruck war so groß, dass mehrere Männer hintereinander weggeschleudert wurden. Bis zum Tag von Crecy. An diesem 26. August 1346 standen sich in Nordostfrankreich zwei Heere gegenüber, 14 000 französische Ritter hoch zu Ross gegen 1200 englische. Die Engländer hatten allerdings noch 6000 Fußsoldaten mitgebracht, die etwas Neues vorführten: den mannshohen Langbogen mit bisher ungekannter Durchschlagskraft. Ein großer Teil des französischen Hochadels wurde in Crecy ausgelöscht.

Fortan musste die Kavallerie vorsichtiger agieren. Auch Pferde wurden gepanzert, neue Taktiken erprobt. Leichte Kavallerie ergänzte die schwere, Preußens Friedrich der Große führte die schnelle, von Pferden gezogene Artillerie ein. Trotz Crecy: Selbst mit dem Aufkommen immer besserer Schusswaffen blieb die Kavallerie, richtig eingesetzt, eine tödliche Gefahr für jeden Gegner. In napoleonischer Zeit war eine durchschnittliche Muskete auf rund 100 Meter treffsicher, eine lächerliche Distanz für ein galoppierendes Pferd. Der Schütze hatte einen Schuss, und während er nachlud, war der Gegner mit erhobenem Säbel schon bei ihm.

1861 brach in den USA der Bürgerkrieg aus. Europäische Beobachter bemerkten, wie der amerikanische Militärhistoriker James McPherson schreibt, dass beide Seiten gar keine richtige Kavallerie hätten. Statt eine Attacke zu reiten, stieg man rechtzeitig ab, suchte Deckung und verlegte sich aufs Schießen. Traditionalisten gingen davon aus, dass die Vettern in Übersee eben keine Ahnung hätten. Tatsächlich war eine neue Munition entwickelt worden, die auf deutlich größere Entfernungen zielgenau war und die Reiterattacke höchst gefährlich machte.

Das erkannte man in Europa etwas verspätet im Ersten Weltkrieg, in dem die letzten Kavallerieattacken im Feuer der neuen Maschinengewehre untergingen. Auch wenn sich hartnäckig die Legende hielt, polnische Ulanen hätten noch im Zweiten Weltkrieg die deutschen Panzer für Attrappen gehalten und sie frontal mit der Lanze angegriffen. In Wahrheit handelte es sich dabei um eine nationalsozialistische Propaganda-Lüge, die deutsche Überlegenheit symbolisieren sollte.

Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 war der erste industrialisierte Krieg. Tiere, so schien es, hatten ausgedient. Tatsächlich machten sie einen Konflikt in dieser Größe überhaupt erst möglich. Allein die Deutschen boten 1,5 Millionen Pferde auf. Vor allem als Trag- und Zugtier für die Gespanne vor Wagen und Kanonen. Pferde waren so wichtig, dass auf beiden Seiten die ersten Veterinärkorps aufgestellt wurden, die Deutschen unterhielten mehr als 400 Pferdelazarette und konstruierten Gasmasken für die Tiere. Trotzdem blieben eine Million ihrer Pferde auf der Strecke, erschossen, verendet oder als Nahrungsreserve geschlachtet. Auf allen Kriegsschauplätzen zusammen waren es acht bis neun Millionen, das entspricht beinahe der Zahl der gefallenen Soldaten im Ersten Weltkrieg.

Doch nicht nur Pferde wurden eingesetzt. Die Deutschen hatten bei Kriegsbeginn 6000 Hunde in der Armee. Sie wurden mit Kabeltrommeln auf dem Rücken über die Gräben gehetzt, um Telefonleitungen zu verlegen. Sie brachten Munition nach vorn und Nachrichten nach hinten. Die Zahl der Tauben belief sich an allen Fronten zusammen auf Hunderttausende, unentbehrlich in der Nachrichtenübermittlung oder in der Spionage, wo sie in Kisten verpackt an Fallschirmen abgeworfen und von Agenten am Boden entgegengenommen wurden.

Esel und Maultiere versorgten Gebirgstruppen. In den Schützengräben wurden Tiere als Frühwarnsystem im Gaskrieg gehalten: Katzen reagieren sehr empfindlich auf Phosgen, Kanarienvögel fallen bei Blausäure und Kohlenmonoxid als Erste tot von der Stange, Schnecken geben schon bei sehr geringen Mengen Senfgas ein milchiges Sekret ab.

Die industrialisierte Landwirtschaft bedarf der Käfighühner, der Turbokühe und der Mastschweine, deren Schicksal die Schlachtbank ist. Für sie alle gilt ebenso wie für ihre Artgenossen auf dem „Animals in War-Memorial“ die Losung „Sie hatten keine Wahl“, nur dass ihnen noch kein Denkmal errichtet wurde. Der industrialisierte Krieg bedurfte sämtlicher Reserven, Mensch wie Tier. Und das galt erst recht für den „totalen“, den Zweiten Weltkrieg, von dem man geglaubt hatte, er würde nun ein Krieg der Maschinen.

Die Zahl der eingesetzten Pferde verdoppelte sich im Zweiten Weltkrieg nahezu. Die vollmotorisierten deutschen Divisionen existierten nur in der Propaganda, wie Thomas Menzel vom Bundesarchiv feststellt. Bis zum 31. Dezember 1944 waren von 2,8 Millionen eingesetzten deutschen Pferden anderthalb Millionen tot, danach verloren die Buchhalter der Wehrmacht den Überblick.

Die Zahl der Hunde, die jetzt auch das Sprengstoffschnüffeln lernten, und die als Selbstmordattentäter mit Minen bepackt darauf konditioniert waren, unter feindlichen Panzern nach Futter zu suchen, verfünffachte sich gegenüber dem Ersten Weltkrieg. Hatten die Briten damals 100 000 Tauben eingesetzt, so waren es nun 250 000, obwohl Funkverkehr und sogar Radar bereits bekannt waren. Und Winkie war nicht ihr einziger gefiederter Held. 32 Brieftauben wurden von den Briten im Zweiten Weltkrieg mit einem Orden ausgezeichnet.

Dabei war Winkie zunächst nur eine Nummer, den Namen erhielt sie erst später. Dieser Hang zur Personalisierung war zu allen Kriegszeiten typisch. Alexander der Große ritt seinen Bukephalos, das berühmteste Pferd der Antike, in allen Schlachten bis zu dessen Tod am Hydaspes. Über dem Pferdegrab ließ er zu Ehren des Rosses eine Stadt errichten, das heutige Jhelam in Pakistan. Die Soldaten der modernen Kriege konnten sich nur noch als Rädchen im Getriebe begreifen. Das Tier an ihrer Seite war oft das Einzige, auf das sie einen Rest Zuneigung projizieren konnten, für die in ihrem Alltag kein Platz mehr war. Riesig war die Zahl tierischer Maskottchen, unverzichtbar ihr Beitrag zur Hebung der Moral.

Selbst im Zeitalter des Cyber Wars spielt der inzwischen archaisch anmutende Einsatz von Tieren in den Planungen eine Rolle. Neu sind noch unausgereifte Experimente mit Bienenvölkern, nachzulesen in „Tiere im Krieg“ des Paderborner Historikers Rainer Pöppinghege, dem einzigen wissenschaftlichen Buch zum Thema. Die Bienen lassen sich als Aufklärer unter elektronischer Beobachtung ausgerechnet auf Minen nieder.

Streng geheim waren lange die Versuche des „United States Navy Marine Mammal Program“. Seelöwen und vor allem Delfine wurden dort für die Minensuche und zur Abwehr von Tauchern ausgebildet und zuletzt im Irak-Krieg 2003 eingesetzt. Die Russen hatten ein ähnliches Programm, das sie inzwischen aufgegeben haben. Die Militärtümmler sollen verkauft worden sein, manche leisten heute in Freizeitparks Zivildienst.

Doch selbst an Land scheinen Tiere als Militärtransporter keineswegs ausgedient zu haben. Seit 2004 investierte die US-Armee einen zweistelligen Millionenbetrag in die Entwicklung eines gruselig aussehenden, geländetauglichen Tragroboters mit dem Namen „BigDog“, der allerdings nicht zur Serienreife kam. Jetzt, so meldete das Fachmagazin „National Defense“ im vergangenen Jahr, prüfe man die Rückkehr zu einer preiswerteren Alternative, wie sie Special Forces am Hindukusch bereits einsetzten: dem Maultier.

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