Zeitung Heute : Spiele im Dunkeln

Turin – dort feiern sie gerade die Olympischen Spiele. Tromsö – ins nördliche Norwegen sollen die Spiele einmal hin. Lustige Idee: Sport in ewigen Winternächten. Ein Besuch am Rand der Arktis.

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Von Sven Goldmann

Der erste Eindruck ist blau, und für ein paar Sekunden scheint es auch der letzte zu sein. Alles blau. Immer tiefer senkt sich das Flugzeug, die Wellen werden größer, gleich spritzt die Gischt auf die Tragfläche, aber kurz vor dem Aufsetzen schiebt sich doch noch das Grau der Landebahn ins Blickfeld. Willkommen in Tromsö, der blauen Stadt am Eismeer.

Der Flughafen liegt direkt am Wasser, er trägt den lustigen Namen Langnes und besteht aus einer Landebahn und einer zweistöckigen Holzbaracke. Geht es nach dem Willen der Einheimischen, dann werden hier in zwölf Jahren die Jumbojets im Minutentakt landen. Denn Tromsö hat sich Großes vorgenommen: die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele im Jahr 2018.

Olympia in Tromsö – das wären Spiele zwischen Schären, Fjorden und den knapp 2000 Meter hohen Gipfeln der Lyngsalpen. Spiele in Reichweite der Eisbären, denen Tromsös Jäger in der Wildnis vor der Stadt nachstellen. Und es wären Spiele im Schatten der Polarnacht. Die Sonne ist ein seltener Gast im nordnorwegischen Winter. Zwischen dem 25. November und dem 21. Januar ist sie überhaupt nicht zu sehen. In dieser Zeit liegt Tromsö im Dunkeln, und nur ein Streifen am Horizont lässt erahnen, dass sich daran mal etwas ändern könnte.

Es ist gar nicht so einfach, ein passendes Adjektiv zur Beschreibung der Lichtverhältnisse zu finden. „Dunkel“ klingt zu negativ, „zwielichtig“ erst recht, und „diesig“ stimmt schon deshalb nicht, weil in der klaren Luft kein Hauch von Nebel auszumachen ist. „Schummrig“? Schon eher, aber nur, wenn es um die Straßenbeleuchtung geht. Tromsö widersteht der Versuchung, die Natur mit elektrischer Hilfe zu überlisten. In keiner deutschen Stadt leuchten die Laternen so matt wie hier jenseits des Polarkreises. Am besten beschränkt man sich auf die Farbe, die allgegenwärtig ist, im Wasser, am Himmel, reflektiert vom Schnee: Der Tromsöer Winter ist blau. Strahlend blau in den drei, vier tagähnlichen Stunden. Geheimnisvoll blau, wenn sich die Dunkelheit über den Marktplatz am Hafen legt und die Konturen zu einem Gesamtkunstwerk verschwimmen. Es herrscht Polarnacht.

Dieses Phänomen verdankt die Stadt der Neigung der Erdachse um 23,5 Grad. Polarnacht ist ein nicht sehr präziser Begriff, denn sie nimmt nicht nur die Nacht ein, sondern auch den gesamten Tag, abgesehen von einer kleinen Mittagsdämmerung. Am Polarkreis dauert sie einen Tag, am Pol ein halbes Jahr, in Tromsö immerhin achteinhalb Wochen. 60 000 Menschen wohnen hier, in jedem Jahr werden es 1000 mehr, das ist einmalig in der Einsamkeit des Nordens.

Im Winter sieht man nicht viel von den Tromsöern. Wo sind die Spaziergänger, Jogger, Radfahrer, wo die Schlittschuhläufer auf zugefrorenen Teichen?

Für eine kommende Olympiastadt gibt Tromsö sich auffallend unsportlich, und das so kurz vor den Winterspielen von Turin. Das mag an Wind und Wetter liegen, vielleicht auch daran, dass sich hier alles ein wenig verteilt. Tromsö ist, was die Fläche betrifft, eine der größten Städte der Welt, mit 2558 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie New York City. Die ortstypischen ein- bis zweistöckigen Holzhäuser nehmen allerdings nur einen Bruchteil dieser Fläche ein. Tromsö setzt sich zusammen aus der Insel Tromsöya, dem Festlandstadtteil Tromsdalen und reichlich Umland: Rentierweiden, unbewohnten Felseninseln und Berggipfeln. Die Stadt liegt auf derselben Breite wie Alaska und Sibirien, rund 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Tromsö ist Norwegens Tor zur Arktis.

Wer einen Überblick haben will, klettert am besten den Storsteinen hinauf, den Hausberg von Tromsö (im Sommer fährt auch eine Seilbahn, aber Anfang Februar ist daran noch lange nicht zu denken). 421 Meter über dem Nordatlantik offenbart sich eine grandiose Aussicht. Vorn erheben sich die Zacken der Eismeerkathedrale, deren eigenwillige Architektur für Nordlicht, Eis und Dunkelheit steht. Gleich dahinter folgt eine 1300 Meter lange Brücke, die seit 1960 Insel und Festland miteinander verbindet. Die Brücke führt steil nach oben und macht in der Mitte einen Knick, vom Hafen aus gesehen erinnert sie ein wenig an eine Skischanze. Von der Brücke ziehen sich die Hafenanlagen hin bis zum Stadtzentrum. Dort steht, nicht einmal 50 Meter vom Meer entfernt, ein weißes Holzhaus. Im ersten Stock sitzt der Mann, der Olympia an den Polarkreis holen will.

Erlend Rian trinkt viel Kaffee, das tun sie alle hier oben im Norden – warum das so ist, darüber wird später noch zu reden sein. Bis 1996 war er Bürgermeister von Tromsö, später hat er in der Tourismus-Branche gearbeitet. Vor zwei Jahren hatten dann ein paar junge Leute, Rian nennt sie „some junior folks“, die jungen Leute also hatten die Idee mit Olympia: sie schwärmten von der einmaligen Chance, Winterspiele am Polarkreis auszurichten, mit Weltstars in roten Holzhäusern und Skipisten hinunter bis an den Nordatlantik. Erlend Rian ist in Lillehammer geboren, dem Ort der Winterspiele von 1994. „Schön für Lillehammer“, hat er damals zur Eröffnungsfeier gesagt, „aber noch besser wären die Spiele in Tromsö aufgehoben.“ Also ist er als Mittsechziger für acht Stunden am Tag in das weiße Holzhaus am Hafen gezogen, in das Hauptquartier der Kampagne „Tromsö 2018“.

Eigentlich wollten sie sich schon für 2014 bewerben. Alles war vorbereitet, doch der Storting, das norwegische Parlament, verweigerte eine finanzielle Garantieerklärung über 1,5 Milliarden Euro. „Die Politik hat geglaubt, wir wären zu dicht dran an Lillehammer“, sagt Erlend Rian. Zweimal Olympische Spiele binnen 20 Jahren in Norwegen – wahrscheinlich hätte das wirklich nicht geklappt.

Bis heute gelten die Spiele von Lillehammer als die schönsten überhaupt. Der Schnee war weiß und die Stimmung heiter, zwei Wochen lang schien die Sonne. Was für ein Gegensatz zum dunkelblauen Tromsö mit seiner Polarnacht. Erlend Rian ist vorbereitet auf diesen Reflex. „Sie denken jetzt wahrscheinlich, dass wir hier oben alle Depressionen bekommen müssten, weil die Sonne nie aufgeht.“ Ja, der Gedanke könnte einem kommen. Wenn Psychologen das Sonnenlicht als bestes Therapiemittel gegen Winterdepression empfehlen – muss dann nicht umgekehrt gelten, dass zu viel Dunkelheit die Stimmung drückt? Nimmt die Dunkelheit zu, produziert der Körper vermehrt Melatonin, das für den Schlafbedarf zuständige Hormon. Man fühlt sich auch matt und antriebslos, ist leicht reizbar und schneller aggressiv. Dramatisch sinkt die Lust auf Sex, dafür steigt das Verlangen nach Kohlehydraten und Kaffee, nach Süßigkeiten und Alkohol.

Ist also das winterliche Tromsö eine Stadt voller übergewichtiger, schwermütiger Alkoholiker? Erlend Rian lacht. „Ich komme aus Mittelnorwegen. Und glauben Sie mir, ich möchte nicht zurückgehen. Der Winter hier ist eine sehr soziale Zeit. Wir machen es hier wie die Vögel auf den Telefondrähten: Wenn es dunkel und kalt wird, dann rücken wir ganz eng zusammen.“ Er hat volles weißes Haar, lacht oft und gern und sieht nicht aus, als mache ihm gerade eine schwere Depression zu schaffen.

Feldforschung im Zentrum einer halbdunklen Stadt. Ganz oben auf dem Zeitungsstapel am Kiosk liegt das Lokalblatt, der „Tromsö Bypatrioten“. Es ist kalt und windig, aber noch hell genug, um im Freien zu lesen. Auf der Titelseite wird über den Sturm des Vortages berichtet, hinten steht der Wetterbericht. Minus sechs Grad werden es heute, durchaus angenehm im Vergleich zum schwedischen Lulea und zur russischen Partnerstadt Murmansk, beiden werden minus 18 Grad vorausgesagt. Zwölf Orte sind im Wetterbericht aufgelistet, die letzten beiden fallen ein wenig aus der Reihe: Kreta (15 Grad) und Gran Canaria (18).

Das erste Reisebüro am Platz liegt in der Storgata, der großen Straße, die so groß gar nicht ist, aber zur Fußgängerzone umgewidmet worden ist und sich großen Zulaufs erfreut. „Gran Canaria geht zurzeit am besten“, sagt die Dame hinterm Tresen. „Von Januar bis April haben wir zweiwöchige Flugreisen im Angebot, die sind schon lange komplett ausgebucht.“ Wohin der Tromsöer sonst gern fährt? „Südeuropa, Afrika, in den letzten Jahren ist Asien in Mode gekommen.“ Und die Alpen – Schweiz, Österreich oder Deutschland? Da lächelt die Dame nachsichtig: „Kälte und Schnee haben wir selbst genug, da müssen wir im Urlaub nicht hin.“

Es ist gar nicht so leicht, in der Storgata ein zum Verweilen geeignetes Café zu finden. Nicht, weil es keines gibt, es sind einfach zu viele.

Hier also stecken sie, die Tromsöer, lachend, schwatzend und zahlreich. Genauere Untersuchungen über das Naschverhalten der Bevölkerung erübrigen sich. Es genügt ein Blick durch die Fensterscheiben der Cafés und Bars und Konditoreien, ein Blick auf Kuchenteller, Zuckerdosen und Kaffeetassen. Je stärker der Wind bläst, desto geringer ist die Bereitschaft, sich draußen aufzuhalten. Im Zentrum ist Tromsö eine einzige Café-Meile. Auf die Straße geht man nur, um von einem Milchkaffee zum nächsten Baiser zu eilen. Dieses Café-Hopping muss der Gesundheit nicht unbedingt abträglich sein. In allen Gaststätten gilt Rauchverbot, zur Befriedigung der Nikotinsucht muss man auf einen Raucherbalkon ausweichen. Das ist hart im arktischen Winter, wie auch das Rauchen auf der Straße, wo einem der stete Wind den Genuss verleidet. Vielleicht gibt es hier deshalb so wenig Zigarettenautomaten. Die Tabakindustrie macht kein gutes Geschäft in Tromsö.

Am südlichen Ende der Storgata liegt Macks Ölbryggeri, die nördlichste Bierbrauerei der Welt. Ludwig Mack, ein deutscher Auswanderer aus Braunschweig, hat sie 1878 gegründet. Direkt angeschlossen ist der „Ölhavn“, Tromsös älteste Kneipe. Macks Bier kommt ohne Schaum aus dem Zapfhahn. Es ist für skandinavische Verhältnisse recht stark und überaus beliebt, aber erst zu später Stunde. Die Tromsöer sind diszipliniert. Bis weit in den Abend sitzen sie beim Kaffee, erst dann füllen sich die Kneipen.

Am 69. Breitengrad verschieben sich die gewohnten Zeitabläufe und mit ihnen die Ausgeh-Gewohnheiten. Zum Beispiel in der „Tromsö Jernbanestasjon“, die um fünf Uhr öffnet und weit nach Mitternacht schließt. Jeden Tag, zu jeder Jahreszeit. Jernbanestasjon heißt Bahnhof, so einen hätten sie hier ganz gern, aber die Gleise der norwegischen Staatsbahn enden 200 Kilometer weiter südlich in Narvik. Also spielen sie im Pub ein bisschen Eisenbahn. Die Sitznischen sind Coupés nachempfunden, die Bänke aus Kunstleder gefertigt und mit Platzziffern versehen. In unregelmäßigen Abständen kündet ein Lautsprecher Fernzüge an. Jeden Tag, zu jeder Jahreszeit. Der Tromsöer hat seinen eigenen Humor.

Lars ist Stammgast im zweiten Coupé, Sitz Nummer 6. Er schwärmt von Tromsö und dem einmaligen Licht und dann fängt er an, das Mysterium des Nordlichtes zu erklären, die roten und grünen Lichtgewitter am blauen Himmel, die es nur jenseits des Polarkreises zu bestaunen gibt. Als Physik-Student kennt Lars sich aus, aber um kurz nach Mitternacht jongliert es sich nicht so leicht mit Gravität und Atmosphäre, mit Sonnenwinden und außerirdischer Materie. Vielleicht liegt es daran, dass Lars schon ausgiebig die Produkte aus Macks Olbryggeri getestet hat. Tagsüber studiert er an der Universität Tromsö, natürlich ist sie die nördlichste der Welt. 15 Prozent der Einwohner sind Studenten, „und von denen sind 70 Prozent Frauen“, sagt Lars, „ich wäre ja schön blöd, wenn ich woanders studieren würde“.

Es gibt Zeiten, da haben die Studenten besseres zu tun als zu studieren. Zum Beispiel Ende Januar beim Filmfestival, von dem der Kulturminister sagt, es sei „das beste in ganz Norwegen“. 50 000 Kinokarten sind in diesem Winter für das Festival verkauft worden. Rein rechnerisch schaut also fast die gesamte Stadt zu. Ähnlich erfolgreich sind das Nordlicht-Festival für klassische Musik und das Polar Music Festival der Rock’n’Roller, beide erhellen den arktischen Winter ebenso wie Kunst-, Polar, Perspektiv-, Kriegs-, Universitäts- oder Militär-Museum. Vielleicht ist dies das Geheimnis des nordnorwegischen Frohsinns: Die Tromsöer müssen im Winter so oft ins Kino gehen, ihre Museen bestaunen und so viele Konzerte besuchen, wie sollten sie da Zeit haben, sich Depressionen und Übergewicht anzuschaffen?

Wer ein halbes Jahr lang fröhlich dem Halbdunkel trotzt – empfindet so einer die Akquise von Olympischen Spielen als übermächtige Herausforderung? Zurück in das weiße Holzhaus am Hafen. Das mit der Dunkelheit sei kein Problem, sagt Erlend Rian, auch wenn es zum gewöhnlichen Beginn Olympischer Winterspiele Anfang Februar nur ein paar Stunden Tageslicht gibt. „Wir könnten die Spiele ein wenig nach hinten verlegen“, am besten bis in den März hinein, „dann ist es hell genug“. Was werden wohl die Besitzer des Eishockeyklubs in der nordamerikanischen Profiliga dazu sagen? Ihre Spieler sind die größte Attraktion der Spiele, und es hat viel Zeit und Mühe gekostet, die Amerikaner zum üblichen Termin Anfang Februar zu überreden. „Ja, das könnte ein Problem werden“, sagt Erlend Rian. „Alles andere bekommen wir schon in den Griff.“

Zum Beispiel die Sache mit den Sportanlagen, die sich dadurch auszeichnen, dass es sie noch nicht gibt. Erlend Rian holt eine Landkarte aus der Schreibtischschublade und malt Kreise, „da kommt das Eisstadion hin, dort die Skischanzen, muss alles erst gebaut werden, wie 1994 in Lillehammer“. Und die Unterkünfte? Das Internationale Olympische Komitee verlangt 22 000 Betten. Tromsö hat 13 Hotels, das könnte eng werden. Rian winkt ab: „Wir brauchen keine Hotels, wir lassen die Leute auf Kreuzfahrtschiffen wohnen. Platz haben wir genug“, rund um die Insel Tromsöya, vier Kilometer breit, zwölf Kilometer lang. Hier legen im Sommer die Schiffe der Hurtigrute an. Die Griechen haben es vorgemacht bei den Sommerspielen 2004. Tromsös Hafendirektor hat sich in Athen alles angeschaut. Der Mann ist sehr zuversichtlich zurückgekehrt.

Ein Olympisches Dorf wollen sie auf jeden Fall bauen, Appartements für 3500 Athleten, und zwar möglichst bald. Was machen die Besitzer der neuen Wohnungen, wenn 2018 die Jugend der Welt in ihre Siedlung zieht? Für diesen Fall hat Erlend Rian sich schon eine Tromsö-affine Belohnung ausgedacht: „Den Eigentümern bezahlen wir für die Zeit der Spiele einen Urlaub auf Gran Canaria.“ Das wird sie freuen, die Menschen in den Cafés der Storgata. Draußen färbt sich das Licht langsam dunkelblau, es ist ja auch schon kurz nach drei Uhr nachmittags.

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