Zeitung Heute : Spiele spielen

Marc Neller

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Es stand acht beide im entscheidenden Satz, als das Spiel aufhörte, ein Spiel zu sein. M. war außer Atem. Er stand in einer hinteren Ecke des Platzes, gebeugt, die Arme auf die Knie gestützt. „Im Grunde“, sagte er, „ist Squash ein ziemlich grausames Spiel.“

Ich hatte eine Idee davon, was er meinen könnte, war mir aber nicht sicher, ob ich richtig lag. Also fragte ich ihn.

„Du rennst, du verausgabst dich, irgendwann hast du das Gefühl, an einen Punkt gelangt zu sein, da alles Denken aufhört, das mit Dingen außerhalb dieses Aquariums hier zusammenhängt. Und kurz bevor die Entscheidung fällt, bist du plötzlich auf dich selbst zurückgeworfen, auf dich und deine Probleme.“

Es war ein enges Match, eineinhalb Stunden lang hart umkämpft. Jetzt, da sich die Unterbrechung hinzog, hörte ich, wie das Blut in meinem Kopf leise rauschte und bemerkte, dass meine Beine schwer geworden waren. M. ist der elegantere Spieler, er braucht weniger Kraft. Er hatte die ersten zwei Sätze gewonnen, bevor ich aufholte. Ich hörte mich sagen, ich könne mir günstigere Momente vorstellen, um ein solches Gespräch anzufangen. Es klang ärgerlicher, als es sollte.

„Ich glaube, ich werde demnächst ein Ex-Ehemann sein“, sagte M. „Unsere Beziehung ist eine Ruine und darin blüht Rivalität. Kleinliche, boshafte Rivalität.“ Er fixierte mit düsterer Entschlossenheit einen unsichtbaren Punkt vor seinen Füßen. Ich kam mir hilflos vor. Während ich überlegte, was wohl eine angemessene Reaktion wäre, klopfte M. mir auf die Schulter. „Mein Aufschlag.“ Ich protestierte, was M. aber überging. „Schon gut, ist ja der letzte Ballwechsel.“

Ich mühte mich um Konzentration. Ich verlor. Es war mir nicht mehr wichtig. M. sah jetzt zufrieden aus. „Sag, ich doch: ein grausames Spiel. Du warst am Ende zu gut. Die Ehenummer war meine letzte Chance. Kommste noch auf ein Bier mit zu uns?“

„Verhalten auf dem Court“: Regel 17 besagt, dass beleidigendes, aggressives oder einschüchterndes Benehmen beim Squash „nicht akzeptabel“ ist. Muss nochmal darüber nachdenken, ob M.’s Ehekrise irgendetwas davon war.

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