Zeitung Heute : Spielen bis die Daumen glühen

Der Tagesspiegel

Vor dem Erstling unter den aufwendigeren Videospielen stehen sie fast ehrfürchtig: „Vectrex“, so heißt das Weltraumspektakel mit den flackernden Flugobjekten auf dem kleinen Monitor, kam 1976 in die Läden. „Das ist wenigstens noch astreine Vectorgrafik“, sagt ein Computerfreak. Gerade versucht er einen C 64 zum Laufen zu bringen, die Kiste aus der zweiten Generation.

Der richtige Klassiker stand jedoch gleich am Eingang: Ein DDR-Nachbau des Evergreens „Pong“, der Anfang der 70er Jahre in den USA vorgestellt wurde und fortan die Welt eroberte. Im Osten spielte man das Uralt-Tennis auf einem „BSS 01“–dem „Bildschirmspielgerät 01“ - und hatte, was das Daddeln betrifft, für kurze Zeit Anschluss an den Westen gefunden. Dort wurden freilich bereits wüste Schlachten auf den Monitoren geschlagen. Den Zeitgeist trafen Spiele wie „Space Invaders“, bei dem extraterrestrische Eindringlinge bekämpft werden mussten.

Die Schlachten im Outtaspace liefen am Freitagabend auf den Terminals in der c-base. Bis die Daumen glühten und die Mundwinkel nervös zuckten. Die Nacht war ganz den 70ern gewidmet: mit Spielklassikern wie „Arkanoid“ oder „Pong“ und der „Micromusic“ der beiden DJs, die mit 8-Bit-Sounds den Festivalstart untermalten. Überall glückliche Gesichter, leuchtende Augen–bei den Spielernaturen kamen Kindheitserinnerungen hoch. Die Glückseligkeit durchzockter Nächte, sie schien noch einmal aufzuleben. „Heute haben sich Games ja nicht nur zum Guten verändert“, sagt „T“, der das Videospiel- Festival organisiert hat. Mittlerweile fehlten einfach neue Ideen.

Beharrlich entwickeln die Crew-Mitglieder der c-base kulturelle Konzepte, um ihren Verein von seiner schrägsten Seite zu zeigen, publikumswirksam und bizarr zugleich. So flimmern beim alljährlichen Spektakel @cetera computeranimierte Weltraumfilme über die Leinwand, ergänzt von Themenabenden, Comicausstellungen und Alien- Kostümpartys. Die ganz alten Klassiker hat sich „T“ für das Festival aus dem Computerspielmuseum geliehen. Und viele, die in die c-base gekommen waren, sind noch mit dieser ausgedienten Technik aufgewachsen. Wenn das Diskettenlaufwerk des C 64 eine Zeit lang noch ein Problem darstellte, irgendwann lief die bunte Plateauhüpferei „Gianna Sisters“ dann doch - den ganzen Abend lang, ohne Systemabstürze. krau

„Cerver Coli Caloonthec“, das Retro-Game- Festival noch heute Abend in der c- base, Rungestraße 20 in Mitte. Weitere Infos im Internet: www.c-base.org

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