Zeitung Heute : Spielkonsolen: Game over für die Dreamcast

Klaus Angermann

Seit Mittwoch ist es amtlich: Die Produktion der Spielkonsole Dreamcast wird wegen zu hoher Verluste Ende März eingestellt. Sega verkündet gleichzeitig eine Neustrukturierung und möchte sich fortan unabhängig und plattformübergreifend auf Entwicklung und Vertrieb von Software-Titeln konzentrieren. In den USA und Japan sollen die Geräte zum halben Preis verkauft werden, um die Lager zu leeren. Gut für den schwächelnden Aktienkurs, der nach diesen Mitteilungen kräftig anzog. Doch warum hat sich die Konsole, die mit vielen innovativen Games mit der neuen Sony-Playstation 2 derzeit durchaus mithalten kann, nicht durchgesetzt?

Der Nachfolger der Sega-Konsole Saturn kam im Herbst 1998 in Japan und im Oktober 1999 in Deutschland auf den Markt. Neben der Leistungsfähigkeit der Konsole, die mit einer 64-Bit Prozessor, einem 128-Bit Grafikprozessor sowie 200 Megahertz Taktfrequenz den Konkurrenten Nintendo 64 und Playstation technisch haushoch überlegen war, sollte vor allem die Online-Fahigkeit der rund 500 Mark teuren Konsole eine neue Spieldimension einläuten. In die Dreamcast ist ein 33,6er-Modem fest eingebaut; über den Provider Viag Interkom gelangt man ohne Grundgebühr ins Internet.

Als Zielgruppe waren die 16- bis 25-jährigen anvisiert, die weltweit per Modem gegeneinander daddeln sollten. Doch gerade die viel gepriesene Online-Strategie erwies sich als Pferdefuß. Es dauerte einige Wochen, bis eine problemlose Internet-Einwahl funktionierte; das versprochene Online-Gaming war sogar bis weit ins nächste Jahr verschoben worden. Das Surfen krankte an den von Web-Boxen bekannten Darstellungsproblemen auf dem TV-Gerät. Zudem entsprach das eher lahme Modem schon Ende 1999 nicht mehr dem technischen Stand. Erst im Juni 2000 kam mit ChuChu Rocket! das erste Online-Spiel auf den Markt, ein eher simpel aufgebautes interaktives Puzzle, das kaum die Grafikressourcen der Konsole ausreizte.

Anders als Sonys PS 2 setzte Sega auf eigene Standards, angefangen von einem CD-ROM statt eines DVD-Laufwerks, das alte Saturn-Titel nicht abspielen konnte, bis zu eigenentwickelten Anschlüssen für Peripherie-Geräte statt verbreiteter Technik wie USB oder Firewire. Trotzdem gibt es viele ideenreiche Zusatzgeräte für die Dreamcast wie beispielsweise eine Angelrute zum virtuellen Fischen. Doch viele Innovationen blieben dem amerikanischen oder japanischen Markt vorbehalten wie Headsets für Internet-Telefonie, Breitband-Adapter für den schnellen Zugang oder eine Webcam. Die Positionierung am Markt gelang insgesamt nicht, weil Sega nicht in der Lage war, die Vorzüge der Dreamcast dem Konsumenten schmackhaft zu machen.

Sega Europe verfehlte trotz eines guten Starts - nach zwei Monaten waren rund 500 000 Konsolen verkauft - die anvisierten Ziele. Schon im Februar 2000 sorgten doppelt so hohe Verluste als erwartet für einen fallenden Börsenkurs; bis Ende des ersten Quartals 2000 sollten in Europa rund eine Millionen Dreamcast verkauft werden, aber erst im Oktober war dieses Ziel erreicht. Trotz steigender Absatzzahlen konnten weitere Verluste im Zuge der Preissenkung auf 399 Mark je Gerät nicht gesenkt werden. So gab es für die angezählte Konsole, die rund 40 Prozent unter den Verkaufserwartungen blieb, schon vor Weihnachten erste Übernahme-Gerüchte durch Nintendo.

Die übrigen Konsolenhersteller wird das Ende freuen. Nun wird die Playstation 2 gegen die noch nicht auf dem europäischen Markt erschienenen Videokonsolen GameCube (Nintendo, Herbst 2001) und Xbox (Microsoft, Anfang 2002) antreten und dabei demnächst auf Sega-Entwicklungen setzen können. Mit "Space Channel 5" steht der erste Titel für Sonys PS 2 fest, und Nintendos Game Boy wird bald mit "Sonic the Hedgehog Advance" versorgt. Zudem taucht in Diskussionsforen immer wieder das Gerücht auf, die Xbox solle in der Lage sein, auch Dreamcast-Spiele abzuspielen.

Sicher ist, dass Sega zahlreiche Lizenzabkommen mit Firmen wie Palm oder Motorola abgeschlossen hat, so dass bald die "Sonic Adventures" für PDAs oder neue Handys zur Verfügung stehen könnten. Die Neuausrichtung zum Software Publisher zeigt, wo Segas eigentliche Stärken liegen. Dreamcast-Besitzern verspricht Sega die Vermarktung von rund 100 Titeln in diesem Jahr, zusätzlich zu den bereits 200 vorhandenen Spielen.

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