Spielplätze : Eltern, die auf Schaukeln starren

Rutsche, Wippe, Sandkasten – endlich können Kinder wieder ins Freie. Doch tatsächlich ist der Spielplatz vor allem ein Ort für Eltern. Eine Begehung

Felix Denk
Eltern mit ihrem Kind auf dem Spielplatz.
Eltern mit ihrem Kind auf dem Spielplatz.Foto: dpa

Natürlich gibt es die Hardliner. Das sind die mit den Funktionsjacken, aus denen man ein Zelt bauen könnte, das auf der letzten Etappe einer 8000er-Besteigung warmen Unterschlupf bietet. Die haben ihre Kinder im tiefsten Winter, also bis letzte Woche, unermüdlich beim Schaukeln angeschubst und auf die vereiste Wippe gesetzt. Es war ihnen egal, dass Minusgrade herrschten und dass Schnee und Sand einen unahnsehnlichen Matsch ergaben, noch grauer und deprimierender als der Winterhimmel. Für alle anderen Familien geht sie jetzt los, die fünfte Jahreszeit: die Spielplatzsaison.
Klar, das ist schön für die Kinder, die schon seit Monaten zwischen Aquarium, Schwimmbad, Spielcafé und Naturkundemuseum hin und her geschoben werden. Endlich können sie wieder im Freien spielen. Buddeln, Klettern und Toben, ganz wie sie wollen. Ohne Zweifel gehören Spielplätze zu den wichtigsten Orten für die motorische und soziale Entwicklung eines Kindes. Steht man aber am Wochenende auf einem Spielplatz, wo der Betreuungsschlüssel zwei zu eins ist, zwei Eltern, ein Kind, und man das eigene Balg vor lauter Erwachsenen nicht mehr findet, beschleicht einen ein anderes Gefühl: dass Spielplätze zu den wichtigsten Orten für die elterliche Selbstfindung gehören. Könnte es sein, dass das überbevölkerte Fleckchen den Eltern mehr bedeutet als ihren Kindern?
Rückendeckung bekommt man ausgerechnet von Günter Beltzig, Deutschlands bekanntestem Spielplatz-Designer. Er stellt schlicht in Abrede, dass das Orte für Kinder seien. Im Elternfachmagazin „Nido“ sagte er: „Kinder brauchen keine Spielplätze. Es sind die Erwachsenen, die sie brauchen! Ein Spielplatz ist ein geschlossenes Terrarium, in das ich das Kind für eine gewisse Zeit stecke ... und dann hole ich es wieder raus, möglichst unbeschädigt, möglichst sauber.“
So praktisch die Spaß-Infrastruktur aus Schaukel, Rutsche, Wippe und Sandkasten auch ist, sie ist nur das Bühnenbild. Spielplätze sind Orte sozialer Verdichtung und kollektiver Selbstbespiegelung junger Eltern. Sie sind der erste öffentliche Ort, den man in der neuen Rolle des Vaters oder der Mutter mit seinesgleichen teilt. Ob man der überbesorgte oder hemdsärmelige Typ ist, stundenlang im Sand mitbaggert. Oder endlich mal in Ruhe die Zeitung liest. Oder nimmermüde anspornt und fördert, den halben Spielplatz miterzieht. Oder Anhänger der These ist, dass Kinder ihre Erfahrungen schon selbst machen müssen, und sei es mit einem Sturz vom Klettergerüst. Hier kommt der Rollentypus zutage. Denn alle Variationen elterlichen Verhaltens werden jeden Tag aufs Neue durchgespielt. Im Kreißsaal werden aus Männern und Frauen Eltern. Was das heißt, lernen sie auf dem Spielplatz.
Ein gänzlich fremder Ort ist das freilich nicht. Die meisten Menschen durchlaufen in ihrem Leben mehrere identitätsprägende Spielplatzphasen. Als Kind kommt man zum Spielen und macht dabei wichtige wie schwierige Erfahrungen. Etwa die: Schaukel besetzt, hinten anstellen. Eine harte Schule für quengelige Zweijährige. Gehört man irgendwann zu den Älteren, ist hier das ideale Terrain um Kulturtechniken wie Vordrängeln, Wegschubsen und Wegnehmen zu perfektionieren.
Komplizierter wird die Sache naturgemäß für Teenager. Für sie ist der Spielplatz ein Ort des Übergangs. In der Dämmerung, wenn Kinder und Eltern längst weg sind, hocken sie da in kleinen Grüppchen, rauchen heimlich und trinken Dosenbier. Während ihnen die eigentlichen Räume dafür, der Club, die Kneipe, noch verwehrt bleiben, üben sie die Rituale des Erwachsenseins – ausgerechnet an einem Ort, der vor allem auf eines verweist: ihre eigene Unreife.
Seinen großen Auftritt hat der Spielplatz, wenn man selbst Kinder hat. Da ist der Spielplatz ein jahrelanges Improvisationstheater – mit ein paar typischen Rollen. Selbst auf einem beliebigen Prenzlauer-Berg-Spielplatz kommen die unterschiedlichsten Leute zusammen, die sonst nie in Kontakt kämen. Da gibt es die Schnöseligen. Wie die Frau in Ankle-Boots und Kaschmirponcho, die halb tief im Sand steht und über ihren Heinrich jubelt, wenn er ein anderes Kind von der Rutsche vertreibt: „Der wird mal eine Führungspersönlichkeit.“ Ihren ideologischen Gegenspieler hat sie in der langzeitstillenden Hippie-Mutter, deren Vierjähriger immer noch an die Brust will, bevor er wieder an die Tischtennisplatte verschwindet.
Immer wieder gibt es Gastauftritte von Prominenten, die hier wohnen. Wenn Heike Makatsch vorbeischneit und zu den komplizierten Rhythmen einer Free-Jazz-Band am Kollwitzplatz tanzt, oder Star-DJ Richie Hawtin rückenkrumm wie ein Fragezeichen im Sand sitzt und buddelt, als suche er etwas Erdung nach den vielen Flugstunden des Wochenendes. Blixa Bargeld hält sich meist im Schatten der Bäume auf mit seinem matt schimmernden schwarzen Anzug und schaut seiner Tochter zu, wie sie die Schwengelpumpe des Hasenspielplatzes traktiert.
Den Part des Bösewichts spielen ausgerechnet die so nett aussehenden Besuch-Omas. Haben sie ihren Enkel, den sie nur alle drei Monate sehen, endlich auf der Schaukel platziert, wird der auch eine gute halbe Stunde angeschubst. Dass das nicht nett gegenüber den anderen 27 wartenden Eltern ist, lächeln sie weg. Zu sehr sind sie in großelterlicher Ekstase, als dass sie auf die Befindlichkeiten der anderen Rücksicht nehmen könnte.
Grundverschieden sind die Geschlechterrollen angelegt: Ein typisch weiblicher Phänotyp ist die Helikopter-Mutti, die ständig um ihre Kinder kreist. Leicht zu erkennen an ihrem Kinderwagen, den man für den Lkw eines Speditionsunternehmens halten könnte. Sie hat wirklich alles mit dabei: Förmchen, Eimer, Schaufeln, Allwetterkleidung, ein Laufrad, aber auch Dinkelzwieback, Reiscracker und Bananenchips. Wenn ihr Kind, einen Zentimeter alleine durch den Sand robbt, rennt sie hinterher. Wer weiß, was passieren könnte. Für alle Fälle hat sie Arnica- Globuli einstecken.
Bei den Männern gibt es zwei Typen an Vätern. Einerseits den kumpeligen „Ich kletter gleich mit aufs Gerüst“-Typen. Er trägt Parka, Turnschuhe, Drei-Tage-Bart und schenkt seinen Kindern auch mal ohne Anlass Fußball-Trikots. Nicht ohne Stolz sieht er sich als Vorreiter einer neuen Männlichkeit, schließlich macht er alles ganz anders als sein eigener Vater. Und es ist ihm wichtig, dass das alle anderen auf dem Spielplatz auch mitkriegen. Andererseits gibt es den „Ich muss noch schnell 27 E-Mails checken“-Vater. Mit Vollgas kommt er aus dem Büro in die Kita und rauscht dann – Hektik, Hektik – weiter auf den Spielplatz, wo er mit übergeschlagenen Beinen am Rand sitzt und auf sein Smartphone hämmert. Er ist hier, weil seine Frau das will. Für Kunden und Kollegen bleibt er aber erreichbar, was ihm hilft, den zähflüssigen Zeitstrom des Spielplatznachmittags zu ertragen. Denn hier passiert: nichts. Jedenfalls in seiner Wahrnehmung.
Er und der narzisstische Kumpel-Daddy tun sich schwer mit etwas, das eigentlich im Zentrum des Spielplatz-Besuches steht: dem Kontakteknüpfen. Das fördert schon die architektonische Dimension. Eine ausgeprägte Hermetik bekommen Spielplätze durch ihre räumliche Anordnung: Sie sind umzäunt. Man mag sich anfangs ein bisschen wie im Zoo fühlen, vor allem wenn man von Passanten fassungslos begafft wird, weil man in voller Lautstärke Kommandos wie „Schnullibu! Finger weg von den Dinkelkeksen!“ brüllt. Dafür entsteht in der Enge eine Art Basar. Andauernd wird irgendwas gedreht und gedeichselt. Da geht es längst nicht nur um Windel-Jumbopacks im Sonderangebot. Auch Kitaplätze, Wohnungen, ja sogar Gebrauchtwagen werden hier vermittelt.
Wer einmal in den Irrsinn eines Spielplatzes eingetaucht ist, erkennt schnell die tiefere Bedeutung dieses Ortes: als eine Art Orakel für Eltern, ein Medium zur elterlichen Selbsterkenntnis. Vielleicht ist das die Lehre aus dem Stück, das hier jeden Tag aufs Neue gegeben wird. In dieser disparaten Gemeinschaft, die Nachmittag für Nachmittag, immer wenn die Kitas schließen, sich zusammenfindet, wird dauernd abgeglichen – wer hat was, wer kann was, wer macht was wie? Jeder und alles wird beäugt. Nichts bleibt unkommentiert. Wie Tomahawks fliegen Lästereien über den Spielplatz („Der Jonas sitzt schon im Buggy, dabei ist er erst drei Monate“„Bruno kann noch nicht bis zwölf zählen!“, „Maike gibt dem Joshua Fruchtriegel, obwohl die bei Foodwatch auf der roten Liste stehen.“) Unweigerlich fragt man sich: Was für ein Vater, was für eine Mutter möchte ich meinem Kind sein? Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass werdende Eltern, die unsicher in ihrer Namenswahl sind, oft gefragt werden, ob sie den Wunschnamen quer über den Spielplatz rufen würden? Als ob das der ultimative Säuretest wäre.
Irgendwann wird es Abend. Der Himmel wird dunkel, der Boden kühl, für die Schaukel muss man nicht mehr anstehen, die pinkfarbene Plastik-Eiswaffel hat längst jemand anderer eingesteckt. Wenn man dann nach Hause läuft, ist man oft geläutert. Und sei es nur wegen des Sands im Schuh. Das ist doch fast ein wenig wie im Urlaub.

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