Zeitung Heute : Spielplätze inspizieren

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Heike Jahberg

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Auch die Kinder haben jetzt gemerkt, dass die Zeiten rauer werden. Ihr Indikator für die wachsende Verarmung der Stadt ist der Schwund von Spielgeräten auf den umliegenden Spielplätzen. Der Spielgeräteschwund-Indikator (SSI) entwickelt sich inflationär nach oben. Von eins (ein Spielgerät pro Jahr) im Basisjahr 1997 auf aktuell 12 (ein Spielgerät pro Monat).

Als wir vor sechs Jahren in unsere kleine Zehlendorfer Parkrandstraße zogen, hatte Tom die freie Auswahl. Klar: Für den Basketballplatz gegenüber war er mit seinen damals 12 Lebensmonaten noch zu klein, nicht aber für den benachbarten Spielplatz mit seinen Rutschen, dem Kletterturm, den Schaukeln und den Wippmotorrädern. Und auch im Hof unserer Wohnanlage, die früher mal von amerikanischen Soldatenfamilien bewohnt worden war, standen noch allerlei Spiel- und Klettergeräte.

Als erstes verschwand die kleine Babyrutsche auf dem öffentlichen Spielplatz. Danach wurde das Wippschiff auf unserem Hof demontiert. Dann beschwerten sich Nachbarn über den Basketballplatz. Darauf hin erklärte das Naturschutzamt Jugendliche für unerwünscht und widmete den Platz fortan nur noch kleinen Kindern. Die behördeneigenen Handwerker hängten die Körbe niedriger und stellten von da an sämtliche Reparaturarbeiten ein. Als die Netze zerrissen, warfen die Kinder auf die nackten Ringe. Als die Ringe abfielen, versuchten sie, wenigstens die Scheibe zu treffen. Kürzlich kamen die Männer vom Amt und nahmen auch die Scheiben ab. Auf dem Platz begannen, seltene Pflanzen zu wachsen. Gleichzeitig setzte auch der Spielgeräte-Schwund auf dem benachbarten Spielplatz ein. Die Kletterburg wurde wegen baulicher Mängel zunächst mit rot-weißem Absperrband umrahmt, später mit soliden Gittern umzäunt. Die Wippmotorräder wurden abgebaut. Kurz darauf wurde auch noch die Rutsche gesperrt. Das einzige, was blieb, waren die Schaukeln. Das ist auch gut so, denn auf unserem Hof hat unser Vermieter, das Bundesvermögensamt, die Schaukeln zwischenzeitlich absägen lassen.

Um das SSI-Phänomen zu erforschen, habe ich einen Brief an das Zehlendorfer Naturschutzamt geschrieben. Ich habe gefragt: „Kann es denn wirklich sein, dass ein Bezirk, in dem so viele reiche Menschen wohnen, kein Geld für Rutschen und Wippmotorräder hat?". Das Bezirksamt schrieb zurück, ja, genauso so sei es, und ich könne ja etwas spenden.

Das werde ich natürlich nicht tun. Denn damit würde ich mir meine Geschäftsidee kaputt machen. Stattdessen werde ich die brach liegenden Spielplätze übernehmen und in Privatinitiative betreiben. Rutschen kostet dann 25 Cents, Schaukeln 50. Den Müttern und Vätern werde ich Latte Macchiato und Bagels servieren. Oder ich nehme den direkten Weg zum Reichtum. Ich lasse Tom und Linda und all die Nachbarskinder, die draußen ohnehin keinen Platz zum Spielen mehr haben, bei uns zu Hause rot-weiße Absperrbänder basteln. In dieser Stadt ist das ein Geschäft mit Zukunft.

Ein schöner, neuer Spielplatz im Bezirk Steglitz-Zehlendorf liegt hinter dem Café Schwartzsche Villa, Grunewaldstraße 55, 12165 Berlin. In der Schwartzschen Villa kann man außerdem gut Kaffee trinken.

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