SPIELZEIT EUROPADimiter Gotscheff inszeniert „Das Pulverfass“ : Kraftmeier und Maulhelden

Sandra Luzina

„Der Balkan ist ein Pulverfass. ... Bildlich gesprochen: der Arsch der Welt“, so bringt es der Knastbruder Topuz auf den Punkt. Der mazedonische Autor Dejan Dukovski schildert in seiner 1996 in Skopje uraufgeführten Szenenfolge „Das Pulverfass“ einen Kreislauf der Gewalt. Die Dimitrijs, Angels, Svetos, die er in dem blutigen Reigen auftreten lässt, sind Spieler, Säufer, Maulhelden und Hurenböcke – jeder ist zugleich Schläger und Prügelknabe, Opfer und Täter. Wenn sie nicht gleich mit dem Hammer oder Brecheisen aufeinander losgehen, ergehen sich die testosteronbefeuerten Brutalinskis in verbalen Kraftmeiereien. Der Verwendung des Wortes „ficken“ ist jedenfalls rekordverdächtig, wobei Dukovskis derb-drastischer Straßenslang durchaus eine rabiate Komik besitzt.

Dimiter Gotscheff, Regiemeister mit bulgarischer Seele, hat sich den explosiven Balkan-Blues nach einem ersten Versuch in Graz nun erneut vorgeknöpft. Seine Neuinszenierung, eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater, eröffnet nun die neue Saison der Spielzeit Europa. Samuel Finzi und Wolfram Koch, als Theater-Traumpaar gefeiert, entfesseln eine kriminell komische Energie. Neu dazugestoßen ist die tolle Birgit Minichmayr, die sich gegenüber all den Balkan-Mackern bestens zu behaupten weiß. Ein weiterer Clou: Sandy Lopicic und sein famoses Orkestar werden die spielwütigen Kanaillen anfeuern. Freuen darf man sich auf einen Abend zwischen finsterer Melancholie und grimmigem Galgenhumor. Sandra Luzina

Haus der Berliner Festspiele, Do 23.10., 20 Uhr (Pre.), Fr/Sa 24./25. u. Mi-Fr 29.-31.10., 20 Uhr,

12-43 €; Fr 31.10., 22.30 Uhr, Konzert mit Sandy

Lopicic & Orkestar, Kassenhalle, Eintritt frei

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