Zeitung Heute : "Spione": Das Auge des Spions

Claudia Keller

Kein einziges Foto. Nichts ist von der angeblich früh verstorbenen Großmutter geblieben. Und so erfinden ihre Enkel eine Biografie für sie. Eine berühmte Opernsängerin sei sie gewesen. Heute lebe sie in Rom. Schon ist die Fährte gelegt in das sich immer weiter verzweigende Romanlabyrinth von Marcel Beyers Roman "Spione", mit dem er beweist, dass es "nichts anderes als Worte braucht", um Tote zu wecken und Lebende verschwinden zu lassen.

Konsequent nimmt Beyer in "Spione" sein Leitthema, die Geschichte der Medien, wieder auf. "Menschenfleisch" (1991) umkreiste die Beziehungen zwischen Körper und Sprache. Es folgte der Roman "Flughunde" (1995), in dem Geräusche und Klänge im Mittelpunkt standen und sich die Lebensläufe eines opportunistischen Tontechnikers im NS-System mit denen der Goebbels-Kinder kreuzten. Diesmal geht es um die Macht des Visuellen.

Ausgangs- und Fixpunkt sind die "Italieneraugen", an denen man die Enkel der geheimnisvollen Großmutter erkennt. Die Augen und ein paar alte Fotos. Und weil es sich um eine "Familie der Verschwiegenen und Versprengten" handelt, lösen die vergilbten Bilder eine Flut von Fantasien in den Kinderköpfen aus. Es wird doppelt und dreifach gesehen, über- und unterbelichtet und spioniert: mit Kameras, Fern- und Operngläsern.

Ein solches benutzt der Offizier, der heimlich die junge Opernsängerin beobachtet. Erste verliebte Blicke werden getauscht. Man kommt sich näher... Fragmente einer tatsächlichen Liebe oder erfundene Bilder? Wir erfahren es nicht. Kein allwissender Erzähler klärt auf und richtet die Chronologie. Stattdessen kreuzen und überlagern sich unterschiedliche Perspektiven und fördern bruchstückhaft Vergangenes zutage. Der alte Großvater und der junge Offizier, der er einmal war, kommen zu Wort, die Opernsängerin liefert ihre Sicht der Dinge, schließlich die zweite Frau des Großvaters. Und jedes Mal entsteht eine neue, nicht weniger glaubhafte Version der Vergangenheit. Dazwischen schalten sich die Enkelkinder ein, die am Anfang des Buches noch die Oberhoheit über die Perspektiven zu haben scheinen, weil sie sich alles doch nur ausdenken. Oder?

Marcel Beyer gelingt ein fantastisches Verwirrspiel. Am Ende steht nur eine einzige Gewissheit. Nämlich die, dass es keine Gewissheit über die Vergangenheit geben kann. Was bleibt, sind Bruchstücke von Erinnerungen, die wir mit Fantasien aufladen und zusammensetzen. Das gilt sowohl für die Familiengeschichten als auch, wenn man Beyer weiterdenkt, für die Weltgeschichte. Kompositorisch raffiniert und mit einem Spannungsbogen, der über 300 Seiten trägt, demonstriert der Roman, wie bei der Expedition in die Vergangenheit Erfundenes und Reales verschmelzen können. Manchmal genügen zwei Sätze, um zu zeigen, wie schnell analytisches Wissen der Verführungskraft der Fantasie unterliegt: "Wir wissen nicht, ob die Hände unserer Großmutter jemals so ausgesehen haben, wie wir sie uns vorstellen. Zu viert setzen wir uns an den Küchentisch und legen unsere Hände aufeinander, so wie auch unser Großvater mit seinen beiden Kindern nach dem Tod unserer Großmutter in der Küche gesessen hat." Woher jedoch wissen die Enkel, wie der Großvater mit seinen Kindern am Tisch saß?

Alle Figuren haben ihre Geheimnisse, alle werden zu Spionen: die Kinder, wenn sie ihrer Familiengeschichte nachspionieren. Der Großvater, der im Dritten Reich an dem zunächst heimlichen Aufbau der deutschen Luftwaffe mitarbeitet und 1936 an den heimlichen Einsätzen der Legion Condor zur Unterstützung Francos im Spanienkrieg teilnimmt. Die Sopranisten-Großmutter im Spioninnenkostüm träumt dem verschwundenen Verlobten nach.

Der Blick durch den Türspion zieht sich leitmotivisch durch den Roman. Nicht das Alltagsleben gerät dabei vor die Linse, sondern die Welt, wie sie gewesen sein könnte. "Was ich nicht sehen kann, muss ich erfinden", erkennt einer der Ich-Erzähler. "Ich muss mir Bilder selbst ausmalen, wenn ich etwas vor Augen haben will. Es bleibt keine andere Möglichkeit, jeder erwachsene Mensch ist sich dessen bewusst, hat gelernt, dass die ausgedachten Bilder unersetzlich sind. Vielleicht kann man an dieser Einsicht den Erwachsenen erkennen. Als Kind, noch als Jugendlicher erscheinen einem die eigenen Erfindungen als Möglichkeiten, hinter denen sich eine Wirklichkeit verbirgt, und diese Wirklichkeit glaubt man, wird irgendwann zum Vorschein kommen."

So könnte es gewesen sein, aber auch ganz anders. Auch Uwe Johnsons Romane kreisen um diese Einsicht und sind getragen von Melancholie. Beyers "Spione" hingegen jubilieren geradezu über den unermesslichen Raum, den das Terrain der Erinnerung für die Einbildungskraft eröffnet. So gesehen liest sich der Roman als Apotheose der Fabulierkunst. Nein, Verunsicherung und Geheimnisse müssen nicht zwangsläufig Angst einflößen, sondern können Spaß machen. Und sogar Identität stiften. Ein Liebesschwur zum Beispiel, Blicke, unausgesprochene Treue und Dinge zwischen zwei Menschen, die kein anderer je zu erfahren braucht.

Erfundene oder vermeintlich erinnerte Bilder können aber auch zerstören und Menschen an den Abgrund treiben. Auch das zeigt der Roman. Aber niemals plump und didaktisch. Sondern en passant, so wie auch die Weltgeschichte, der Nationalsozialismus und der Spanische Bürgerkrieg, erst allmählich in die Familiengeschichte einfließen. Gleichwohl gerät das Bild der dreißiger Jahre mit ihrer Gemengelage aus Stolz, Dazugehörenwollen und Angst abschreckend und anziehend zugleich. Beyers Worte verführen und ziehen hinein in Atmosphären, indem sie den Blick lenken auf Sinnliches, auf Geräusche, Hände und Blicke.

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