Zeitung Heute : Spione unter sich

Dynamisch, kreativ, skrupellos – Putin hat sich seine Leute selbst ausgesucht.Er kennt sie aus St. Petersburg und gemeinsamen KGB-Zeiten

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Wenn Sie nicht schon im Kreml säßen, könnten sie sich mit guten Chancen um Führungspositionen in westlichen Unternehmen bewerben. Putins Leute aus St. Petersburg sind ausnahmslos um die Vierzig, dynamisch, kreativ, überdurchschnittlich gebildet, führungsstark, durchsetzungsfähig und skrupellos. Und sie können beste Kontakte zum russischen Machtzentrum vorweisen. Die Mehrheit ist Putin zudem durch den gemeinsamen Dienst beim Geheimdienst KGB verbunden. Und alle haben einen gewissen Machthunger, denn bei der ersten Umverteilung des Volksvermögens im Zuge der Privatisierung Mitte der 90er konnten sie noch nicht mitverdienen.

Neuer Chef der Kremladministration – nach russischem Politikverständnis die eigentliche Regierung, die Außen und Verteidigungspolitik bestimmt und sämtliche strategischen Entscheidungen fällt – ist Dimitrij Medwedjew. Er ist der bisherige erste Stellvertreter des entlassenen Alexander Woloschin. In St. Petersburg geboren, absolvierte er ein Studium an der Juristischen Fakultät der Universität – dort, wo auch Putin studierte. Nach Putins Berufung zum Premier im August 1999 wurde Medwedjew stellvertretender Leiter des Apparates der russischen Regierung und leitete dann Putins Wahlkampf.

Aus dem gleichen Umfeld kommt auch die neue Nummer zwei des Präsidentenamtes – Dimitrij Kosak, bisher Stellvertreter Medwedjews. Kosak wurde in der Ukraine geboren, arbeitete nach dem Jura-Studium in St. Petersburg als Staatsanwalt und nach dem Ende der Union zunächst als Leiter der Rechtsabteilung im Stadtparlament, dann als persönlicher Berater von Putins politischem Ziehvater, St. Petersburgs Bürgermeister Anatolij Sobtschak. Als Putin Premier wurde, bekam Kosak eine leitende Stellung im Regierungsapparat. Über seinen Tisch gingen sämtliche Papiere aus und in Putins Vorzimmer im Kreml, wo ein weiterer gemeinsamer Bekannter, Igor Setschin, als Putins Büroleiter das Regiment führt. Kosak ist der Architekt von Putins Verwaltungs- und Rechtsreform und gilt als einer der ideologischen Vordenker von Putins gelenkter Demokratie. Ihm und Büroleiter Setschin werden zudem beste Kontakte zu den Geheimdiensten nachgesagt.

Igor Setschin, der sämtliche Termine Putins koordiniert und die Informationen filtert, die der Präsident bekommt, machte die mit Abstand steilste Karriere in Putins Umgebung. In St. Petersburg geboren, studierte er Romanistik und arbeitete als Portugiesisch-Dolmetscher. 1988 wechselte er in die Stadtregierung zur Außenwirtschaftsabteilung, die Putin leitete. Als der 1996 im Präsidentenamt in Moskau die Leitung der Rechtsabteilung übernahm, wurde Setschin dort Vizechef der Abteilung für ausländische Liegenschaften. Als Putin im Sommer 1998 Chef des KGB-Nachfolgers FSB wurde, rückte Setschin zum ersten Stellvertreter des Leiters des Apparates des Präsidentenamtes auf.

In Putins erster Reihe steht auch Viktor Iwanow. Der gelernte Elektroingenieur wechselte 1977 zum KGB, wo er nach einem Afghanistan-Einsatz 1988 in St. Petersburg auf Empfehlung Putins Leiter der Hauptverwaltung für die Bekämpfung von Schmuggel wurde und dann in der Stadtregierung die Hauptverwaltung Administration leitete. Unter dem Verdacht, auf den neuen Bürgermeister der Stadt, Wladimir Jakowlew, ein Attentat geplant zu haben, wurde er 1996 entlassen – und von Putin nach Moskau ins Präsidentenamt geholt. Putin, so heißt es, vertraue Iwanow bedingungslos und spreche mit ihm sämtliche Personalentscheidungen durch. Iwanow wurde nach den Gerüchten um den bevorstehenden Rücktritt von Woloschin als dessen wahrscheinlichster Nachfolger gehandelt. win

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