Zeitung Heute : Spitzengehälter und 60-Stunden-Wochen

RITA MOHR

Im Hörsaal drängten sich die Menschen.Viele saßen am Boden; noch mehr standen bis in den Gang hinaus.Sie wollten alle etwas über die "Chancen in der Unternehmensberatung" hören - so hieß die Veranstaltung an der Uni.Ein junger Mann saß vorne gleich am Eingang.Vor ihm lag ein Stapel von Info-Blättern.Er sah kein Jahr älter aus als die Studenten hier.Doch er hatte es bereits geschafft: Er arbeitete für eine Unternehmensberatung und war an diesem Abend gekommen, um Praktikanten zu werben.

Robert G.Schmidbauer, 27, lernte selbst als Praktikant seinen heutigen Arbeitgeber, die Deutsche Gesellschaft für Mittelstandsberatung (DGM) kennen.Mit dem Kaufmannsdiplom in der Tasche ging er nach dem Uni-Abschluß zurück in das Unternehmen.Als frischgebackener Projektassistent durfte er gleich an einem interessanten Projekt mitarbeiten: die Vertriebsstruktur einer Hypothekenbank sollte optimiert werden.Der junge Assi berechnete das Marktpotential, befragte Kunden und erstellte die Profile der Mitbewerber.Im Rekordtempo stieg Schmidbauer nach nur einem Jahr zum Projektanalysten auf.Er leitete nun sein erstes Teilprojekt bei der Umpositionierung eines Möbelhauses.Zwei bis vier Tage im Monat gehören heute seiner Weiterbildung.Wohl schon in diesem Jahr steht der Aufstieg zum Berater an.Daß er für all das mindestens sechzig Stunden pro Woche schuftet, stört ihn gar nicht.Sein Privatleben komme nicht zu kurz, sagt er.

Unternehmensberater kommen zum Einsatz, wenn ihre Kundschaft Kosten einsparen will oder schneller und besser wirtschaften möchte.Die toughen Consultans wirken auf allen Ebenen des Unternehmens, angefangen beim Management bis hin zum Marketing, von der Informationstechnologie bis zur Produktion.Weil dies vor allem betriebswirtschaftliches Methodenwissen erfordert, dominieren BWL-Absolventen auch den Arbeitsmarkt.Neben einem guten Abschluß wird vor allem ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft - bei entsprechendem Freizeitverzicht - verlangt.Sieben-Tage-Wochen gehören genauso zum Geschäft wie monatelange Vor-Ort-Einsätze bei Kunden.

Das Privatleben der Unternehmensberater bleibt da oft auf der Strecke - so wie bei einem Berater aus einem anderen Haus, der seine Kinder kaum noch sah.Wenn er heimkam, schliefen sie schon.Ausgelaugt von einer Achtzig-Stunden-Woche, vernachlässigte der Enddreißiger auch seine Frau.Zuhause kriselte es, er schlief nicht mehr durch, litt an Kopf- und Magenschmerzen, trank zuviel.Nur mühsam schleppte er sich durch ein Leben, das mit dem Traumjob nach dem Studium wie im Bilderbuch begonnen hatte.Manchmal kamen Selbstmordgedanken."Ich kann nichts mehr fühlen", sagte er als Erstes der Psychotherapeutin, erinnert diese sich.Er sei mit dem "totalen burn out" zu ihr gekommen.

Dieses Ausgebranntsein kommt bei Unternehmensberatern häufig vor.Sie stehen unter enormem Erfolgsdruck.Bei jedem Projekt, mit jedem Halbjahresgespräch werden sie auf Ziele eingeschworen.Wer weiterkommen will, sollte die Vorgaben noch übertreffen.Sonst steht er als Durchschnittstyp da, und andere ziehen an ihm vorbei.Schon der Einsteiger erfährt, in welchen Schritten er zur Firmenspitze gelangen kann.In zwei bis vier Jahren sollte man es zum Analysten gebracht haben, so Martina Marzy von der Civitas International Management Consultants GmbH, eine auf Berater spezialisierte Headhunterin.In weiteren zwei bis vier Jahren sollte ein "Associate" auf der Visitenkarte stehen und zwei bis fünf Jahre später ein "Senior Associate".Zwar unterscheiden sich Titel und Karrieren von Firma zu Firma.Aber jede Stufenleiter gipfelt beim Bürochef ("Principal") und Gesellschafter ("Partner").

Das Methodenwissen, die Strategien und Konzepte sind nicht nur in der Industrie gefragt, sondern auch im Kreditgewerbe, im Handel, im Kulturbereich und in Behörden.Das bringt Abwechselung.Dabei sehen Berater die Saat, die sie legen, nie aufgehen.Die Früchte ihrer Arbeit ernten andere - die Kunden.Saftige Bezüge entschädigen jedoch.Schon Berufsanfänger erzielen Gehälter von 100 000 Mark im Jahr.Hinzu kommen variable Bezüge, die an Leistung und Erfolg gebunden sind, Zuschläge und Altersvorsorge.Da sich die Beratungsfirmen häufig um den Nachwuchs streiten, fährt so mancher Einsteiger bereits im Dienstwagen vor.Weiter oben wird noch fürstlicher entlohnt.Jahresgehälter zwischen 200 000 und 300 000 Mark sind keine Seltenheit.Darüber, wie viel Freizeit den Inhabern solcher Positionen bleibt, darf frei spekuliert werden.

Unternehmensberatung in Zahlen

Branchenumsatz

1998: 18,8 Milliarden Mark (+ 15 % gegenüber 1997).
1999: 21,7 Milliarden Mark (geschätzt).

Personelle Kapazitäten

1998: 13 200 Beratungsgesellschaften; zirka 62 500 Berater (inklusive Einzelberater).

Beratungsbereiche

IT-Beratung: 42 %
Strategieberatung: 30 %
Operations-Management: 19 %
Human-Ressource-Management: 9 %

Zukunftstrends

Überproportionales Wachstum der IT-Beratung mit 18 %.Zusammenwachsen der Bereiche Management- und IT-Beratung. MATTHIAS SIEBOLD

Quelle: Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) e.V.

Eine Weiterbildung "Projektberater / Change Management" für Hochschulabsolventen aller Fachrichtungen beginnt am 17.Mai bei Klett WBS.Dazu findet am 20.April um 16 Uhr ein Info-Nachmittag "Unternehmensberatung" statt.Informationen und Anmeldungen unter
Tel: 70 19 34 0.

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