Zeitung Heute : Spitzenpreis für Spitzenforscherinnen

Die TU Berlin hat drei zusätzliche Professorinnen berufen. Sie sollen mehr Frauen zur Wissenschaftskarriere animieren

Roland Knauer Sybille Nitsche

Gleich drei Professuren aus dem Professorinnen-Programm von Bund und Ländern wurden jetzt an die TU Berlin vergeben. Es war die höchstmögliche Anzahl, die eine Universität erhalten konnte. Damit gehört die TU Berlin zu den erfolgreichsten Hochschulen, die sich in diesem Programm beworben hatten. Die Auszeichnungen gingen an die Mathematikerin Olga Holtz, die Physikerin Sabine Klapp und die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Mit dem Programm werden hochqualifizierte und talentierte Forscherinnen in Spitzenpositionen in Wissenschaft und Forschung gebracht. Auch soll die Anzahl der Professorinnen an deutschen Hochschulen erhöht werden. Insgesamt werden damit innerhalb von fünf Jahren 200 neue Stellen für Professorinnen geschaffen. Finanziert wird das Professorinnen-Programm vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bis 2011 mit 75 Millionen Euro. Die Länder bezahlen die andere Hälfte in dem mit 150 Millionen Euro ausgestatteten Programm. An der TU Berlin forschen und lehren derzeit 267 Professoren und 47 Professorinnen.

„Die Berufungen der drei Wissenschaftlerinnen sind ein großer Erfolg für unsere Universität“, sagt Ulrike Gutheil, Kanzlerin der TU Berlin. „Gleichzeitig sind sie Ansporn, die in den vergangenen Jahren von der TU Berlin gezielt betriebene Politik der Frauen- und Familienförderung fortzusetzen.“ Dazu gehören die Teilnahme am „Audit familiengerechte Hochschule", um die Attraktivität der TU Berlin als Ort, an dem sich Karriere und Familie verbinden lassen, zu erhöhen sowie eine an Chancengleichheit ausgerichtete Personalführung, wofür die TU Berlin das „Total E-Quality-Prädikat“ verliehen worden ist. Ein besonderes Anliegen der TU-Frauenbeauftragten Heidemarie Degethoff de Campos ist es zudem, Schülerinnen so früh wie möglich für ein Studium der „MINT“-Fächer zu begeistern. Damit werden Studiengänge in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik bezeichnet. Das Angebot der TU Berlin reicht von der Kinder-Uni über die Schülerinnen-Uni und das Programm „Studieren mit 16“ bis hin zum Girls-Day und den Schüler-Info-Tagen. Diese finden an der TU Berlin in diesem Jahr am 2. und 3. Juni statt. sys

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DIE PHYSIKERIN



Das Bild ist berühmt: Albert Einstein mit seinen grauen Wuschelhaaren, verschmitztem Blick und offenem Frack wie er gerade eine Formel auf eine Schiefertafel schreibt. "Wir grübeln heute noch genauso auf Tafeln über Problemen der modernen Physik", sagt Sabine Klapp. In der theoretischen Physik hat sich also zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert gar nicht so viel geändert, nur dass die Professorin für Statistische Physik an der TU Berlin ihre Überlegungen danach in Computerprogramme eingeben kann. "Aber vorher denken wir an Tafeln darüber nach, was wir in die Programme schreiben", sagt sie.

Sabine Klapp ist Anfang 2009 auf eine Professur aus dem Professorinnen-Programm von Bund und Ländern an die TU Berlin berufen worden. Die Freude darüber war groß. "Das ist eine fantastische Chance, Fuß zu fassen! Gleichzeitig kann die Universität hoch qualifiziertes Personal auf zusätzliche Forschungsstellen berufen", sagt die 40-jährige Forscherin.

Die Professur ist die Krönung ihrer Karriere, die in Fachkreisen oft anerkennendes Nicken hervorruft. Nach dem Physikstudium in Erlangen und Göttingen promovierte sie 1998 an der FU Berlin, ging danach für zwei Jahre an die Universität von British Columbia in Kanada und leitete von 2001 bis 2007 an der TU Berlin im renommierten Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Förderung herausragender Nachwuchswissenschaftler eine Arbeitsgruppe. In dieser Zeit habilitierte sie sich auch im Fachgebiet theoretische Physik. Dass in der vermeintlichen Männerdisziplin Frauen benachteiligt würden, hat sie noch nicht beobachtet. "Ich werde jedenfalls genauso akzeptiert wie ein Mann in vergleichbarer Position", sagt Klapp.

In den Top-Fachmagazinen der Physik finden sich regelmäßig ihre Beiträge über komplexe Flüssigkeiten. Gemeinsam mit ihrem Team geht sie der Frage nach, wie sich Kolloide verhalten, die man zum Beispiel als Milch oder "Fett in Wasser" kennt. Das klingt trivial, ist aber ein Brennpunkt der Forschung: "Dazu zählen auch Ferrofluide. Das sind Millionstel Millimeter kleine Eisenteilchen, die in Wasser schwimmen", erläutert die Wissenschaftlerin.

Mithilfe von Computermodellen berechnet Klapp das Verhalten von Ferrofluiden an Grenzflächen, wie etwa einer Glasplatte. Dort heften sich meist drei Schichten magnetischer Teilchen aneinander. Legt man ein Magnetfeld senkrecht zu dieser Wand an, kann man die Dicke dieser Grenzlage verändern und sie zum Beispiel auf zehn Schichten vergrößern. Dieses Verhalten ist gerade für Elektronik-Ingenieure interessant, die für Speichermedien genau solche Schichten gezielt aufbringen wollen. Die üblichen Vorbehalte der Praktiker gegen theoretische Berechnungen entkräftet Sabine Klapp mit Hilfe von Experimenten am Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart. Dort haben Kollegen ihre Berechnungen im Labor getestet und exakt jene Ergebnisse erzielt, die in den Berechnungen vorhergesagt wurden.

Sabine Klapp hat eine ganze Reihe solcher "heißen Eisen" im Feuer. Zu den komplexen Flüssigkeiten gehören auch Polymere und Flüssigkristalle. Aus diesen werden zum Beispiel Kunststoffe und Displays hergestellt. Am Anfang solcher Hightechprodukte steht nach wie vor eine Formel, die die Physikerin auf eine einfache Tafel geschrieben hat.

DIE MATHEMATIKERIN

Das Treffen mit Olga Holtz verspricht, amüsant zu werden. "Female mathematics is bullshit" - "Weibliche Mathematik ist Quatsch" hatte sie in einem Interview gesagt. Und dass sie keine Ahnung habe, wie man Mädchen ermutigen solle, Mathematikerin zu werden. Nun aber hat Holtz eine Professur, die man nur bekommt, wenn man erstens weiblich und zweitens exzellent ist, und soll erklären, ob ihre Sätze und die Professur ein Widerspruch sind. Die 35-Jährige verschafft sich erst einmal Zeit, indem sie herzlich lacht. Dann zitiert sie den amerikanischen Dichter Walt Whitman: "Widerspreche ich mir? Nun gut, dann widerspreche ich mir. Ich bin groß. In mir sind Welten." Während sie das sagt, schaut sie so charmant-provokant, dass man sie nicht länger mit Frauenförderungsfragen quälen möchte. Es scheint wirklich nicht ihre Baustelle zu sein.

Ihre Baustelle ist die Mathematik, um exakt zu sein, die "Numerische Analysis", jenes Teilgebiet, in dem es um das Rechnen mit unvorstellbar großen Datenmengen geht. Etwa bei der Computersimulation von Autos, Flugzeugen, Schiffen oder bei der Entwicklung von Medikamenten, wo viele Rechenoperationen rasend schnell ablaufen.

Geduldig erklärt sie dem Laien, was sie da wissenschaftlich macht, aber sie weiß auch, dass ihr nur wenige in jene Sphären folgen können, in die sie sich täglich aufmacht. Leichter zu verstehen ist, was die Frau an Mathematik so magisch anzieht. Erst kürzlich sei ihr "wahrscheinlich" - auf diese Einschränkung legt sie Wert - wieder einmal der Durchbruch bei einem mathematischen Problem gelungen. "In einem solchen Moment empfindet man vollendetes Glück. Als Mathematikerin erfinde ich ja nichts, sondern mache nur in ,Gottes Universum' etwas bislang Verborgenes sichtbar, und wenn einem das gelingt, dann sind das wahrhaft ,göttliche Momente'. Für diese lebe ich. An Gott muss man dabei nicht unbedingt glauben", sagt sie. Ob sie in solchen Momenten an so irdische Dinge wie die Fields-Medaille denke, eine der höchsten Auszeichnungen in der Mathematik? "Nun ja", sagt sie und lacht. "Über mangelnde Anerkennung kann ich mich nicht beklagen."

Erst im vergangenen Jahr erhielt sie den Preis der Europäischen Mathematischen Gesellschaft, und Sofia-Kovalevskaja-Preisträgerin ist sie auch. Das sind alles Auszeichnungen, die nur an Spitzenwissenschaftler vergeben werden und mit viel Ehre und Geld verknüpft sind. Das versetzt sie in die komfortable Lage, sich ganz auf ihre Forschungen konzentrieren zu können.

Als Olga Holtz, aufgewachsen im russischen Tscheljabinsk und später in die USA übergesiedelt, 2006 von der Elite-Universität in Berkeley nach Berlin kam, rief das ziemlich viel Aufsehen hervor, auch in der medialen Öffentlichkeit. Die Liste der Artikel über sie ist lang. Das ist eher selten für jemanden, der sich mit höherer Mathematik beschäftigt. Wie ein Popstar setzte sie manche Zeitung ins Bild. Ihr war der Ruf vorausgeeilt, ein mathematisches Jahrhunderttalent zu sein und ein vielseitig begabtes dazu.

Olga Holtz tanzt, singt, und das alles auf ziemlich hohem Niveau. Sie lernt Sprachen spielend leicht, träumte davon, Pianistin oder Filmemacherin zu werden, und kann sich vorstellen, dereinst auch literarische Bücher zu schreiben. Da drängt sich die Frage auf, ob es eine Welt gibt, zu der sie keinen Zugang findet. Gibt es irgendetwas, das ihr völlig fremd ist?

Sie überlegt lange. Eine Antwort findet sie nicht. Das Zitat von Walt Whitman war längst nicht nur eine Antwort aus Verlegenheit.

DIE KUNSTHISTORIKERIN

Die Karriere von Bénédicte Savoy ist makellos: Studium der Germanistik an einer Elitehochschule in Paris, Promotion, Juniorprofessorin für Kunstgeschichte, Berufung als Universitätsprofessorin an die TU Berlin und Auszeichnung mit einer Professur aus dem Professorinnen-Programm von Bund und Ländern. So makellos, dass die 37-Jährige zuweilen versucht ist, ihrer Karriere wenigstens verbal ein paar Kratzer zu verpassen. "Wer in Frankreich die École Normale Supérieure in Paris absolviert, der ist für eine wissenschaftliche Laufbahn auserkoren. Da braucht es Mut, dem vorgegebenen Lebensweg nicht zu folgen - den hatte ich nicht", sagt sie, und es klingt nicht kokett.

Auf jeden Fall ist sie eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin geworden. Ihre Promotion über den napoleonischen Kunstraub wurde in der Fachwelt gefeiert, der Band über die Museen in Deutschland im 18. Jahrhundert schloss eine Forschungslücke und wurde nicht minder gelobt. Und sie gehört zur Wissenschaftscrew des Exzellenzclusters "Topoi - Formation und Transformation von Raum und Wissen in den antiken Kulturen" an der FU und HU Berlin.

Savoys Forschung widmet sich dem europäischen Kunst- und Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert sowie der Museums- und Sammlungsgeschichte. Im Moment arbeitet sie mit Kollegen aus dem Cluster, der Jungen Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin an einem Projekt, in dem es um die Darstellung derjenigen Räume gehen wird, die das antike Denken bestimmten. Das waren der Kosmos, die Akademie, das Heiligtum, das Theater, die Siedlung, die Bibliothek, die Mathematik und der Körper. "Im Pergamonmuseum wird ein Parcours durch diese antiken Denk-Räume führen. Zum Programm gehören Rezitationen antiker Texte, Präsentationen der Forschungsergebnisse aus ‚Topoi', philosophische Gespräche, Theaterinszenierungen und Musik", sagt Savoy.

Auf diese Weise wollen die Forscher komplexe wissenschaftliche Inhalte und Fragestellungen in die Öffentlichkeit transportieren und sinnlich erfahrbar machen. Die Veranstaltung am 26. Juni ist ein Beitrag zum diesjährigen Wissenschaftsjahr in Deutschland.

Ihre Forschungen zum europäischen Kunst- und Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert wird sie schon bald wieder mit einer Publikation bereichern. Im Herbst dieses Jahres soll die neue Edition des zweibändigen Werkes "Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I." der Berlinerin Helmina von Chezý (1783 bis 1856) im Akademie-Verlag Berlin erscheinen. Unter ihrer Leitung hat eine interdisziplinäre Gruppe von Studenten der FU, HU und TU Berlin diese weitgehend unbekannte Quelle zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben in Paris um 1800 umfassend kommentiert und damit der Forschung wieder erschlossen.

Die intensive Arbeit mit den Studenten ist für Savoy kein einmaliges Unterfangen, sondern Prinzip. In ihrer Lehre ist Forschung fest integriert. Auf diesem Wege war bereits der vielbeachtete Band "Tempel der Kunst. Die Entstehung des öffentlichen Museums in Deutschland 1701 bis 1815" entstanden. Denn die Französin ist eine große Verfechterin der deutschen Universität, besonders der dort - jedenfalls bislang - beispielhaft praktizierten Einheit von Forschung und Lehre. An diesem Humboldtschen Ideal hält Savoy fest und rät den Deutschen, dieses Ideal nicht leichtfertig kurzen Moden zu opfern.

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