Zeitung Heute : Spontan ausgehen

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Mit der Wärmflasche an den Füßen und der Wolldecke auf den Knien hockte ich neulich auf dem Sofa und sah fern. Nichts Konkretes, alles durcheinander, und nebenbei blätterte ich im Stadtmagazin. Vier Seiten voller Veranstaltungen fand ich da, und es wuchs in mir das Gefühl, ich solle mich erheben und hinausgehen in die große Stadt. Denn da ist überall was los – und ich sitze hier nur rum und kriege nichts mit, das geht doch nicht, so dachte ich.

Ich denke so was häufiger, wenn ich Fernsehen gucke und nebenbei die Stadtmagazine durchblättere, aber in der Regel passiert nichts. An jenem Abend aber war es anders. Ich habe mich tatsächlich aus der Wolldecke gewickelt, die Haare hochgesteckt, die Lippen angemalt, bin auf mein Fahrrad gestiegen und zum Frannzclub in die Schönhauser Allee geradelt. Da sollten mehrere junge Bands vom Label Tapete Records ihre neuen Lieder vorstellen. Tapete Records gehört Dirk Darmstädter, der 1996 die Jeremy Days gegründet hatte. „Brand New Toy“ war einer ihrer Hits. Nicht, dass ich das Lied besonders mag, aber es war immerhin ein Hit. Dirk Darmstädter sollte auch im Frannzclub sein und außerdem Bernd Begemann, der Lustige. Und nun auch ich, die Spontane.

Auf der Fahrt durch die Nacht verflog jede Trägheit, ganz euphorisch wurde ich über meine eigene Dynamik, sehr berlinwürdig fand ich meinen späten Start vom Sofa. Dass die Eintrittskarte für die unbekannten Bands teuer war, kümmerte mich nicht, auch die Biere zahlte ich gern. Die Stimmung war gut. Eine der Bands kam aus Augsburg, sie heißt Anajo und macht Poplieder. Der Sänger sagte, er sei überrascht, dass der Frannzclub so hübsch und heil sei, der könne sogar in München stehen. Er hat das nett gemeint, aber alle haben Buh gerufen. Aus Mitleid habe ich seine CD gekauft. Am Ende des Konzerts hatte ich keine Lust, den ganzen Weg nach Hause zu radeln. Ich rief ein Taxi.

Am nächsten Tag hatte ich einen Kater und mein Portemonnaie war leer. Viele Abende danach habe ich dann wieder auf dem Sofa gehockt. Aber der Blick ins Stadtmagazin hat mir kein schlechtes Gewissen mehr gemacht.

Anajo: „Nah bei mir“. Am schönsten ist Lied 1 („Vorhang auf“). „Ich bin wieder munter“, heißt es da – und schon will man auch wieder los.

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