Zeitung Heute : Sport hilft der Seele

Bewegung unterstützt den Heilungsprozess bei Depressionen.

Frank Schneider

Laufen, Schwimmen oder Radfahren stärken Muskeln und Herz – das wissen die meisten Menschen. Was vielerorts allerdings noch nicht bekannt ist: Ausdauersport tut auch der Seele gut. Dabei sind keinesfalls sportliche Höchstleistungen gefragt. Vielmehr ist es wichtig, dass der Sport regelmäßig zwei- oder dreimal in der Woche über einen längeren Zeitraum hinweg ausgeübt wird.

Studien belegen, dass schon 30 bis 45 Minuten regelmäßiges Laufen oder Radfahren bei leichten oder mittelschweren Depressionen die Genesung unterstützt. Warum dies so ist, konnte bisher noch nicht endgültig geklärt werden. Allerdings kennen wohl viele Ausdauersportler das Glücksgefühl, das dadurch entsteht, dass beim Sport Endorphine, sogenannte Glückshormone, ausgeschüttet werden. Ein anderer Faktor ist, dass das Training für den eigenen Körper und seine Bedürfnisse sensibilisiert – besonders, wenn es durch spezialisierte Therapeuten angeleitet wird. Dies kann im positiven Fall dazu führen, dass sich die Erkrankten künftig stärker um ihre eigene Befindlichkeit kümmern. Seit kurzem wird auch die These diskutiert, dass durch sportliche Betätigung die Konzentration bestimmter Nervenwachstumsfaktoren ansteigt, was ebenfalls zur ergänzenden antidepressiven Wirkung beitragen kann.

Bewegung ist neben Medikamenten und Psychotherapie ein Teil im Gesamtbehandlungsplan bei depressiven Menschen. Bevor der Patient allerdings sportliche Runden dreht, sind körperliche Voruntersuchungen unerlässlich. Orthopädische oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen ausgeschlossen sein. Danach aber gilt: Ob Aerobic, Aqua-Jogging oder Nordic Walking praktiziert wird, ist für den Heilungsprozess nebensächlich. Wichtig ist, dass die Betroffenen eine Sportart wählen, die ihnen gefällt, denn nur dann bleiben sie auch über einen längeren Zeitraum motiviert dabei.

Momentan fehlt es allerdings noch in vielen Regionen an passenden sporttherapeutischen Angeboten. Um Ärzte, Sporttherapeuten und Betroffene gezielt beraten zu können, hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) ein bundesweites Netzwerk aus universitären sportpsychiatrischen Beratungsstellen aufgebaut (www.dgppn.de/sportpsychiatrie.html). Die Sportpsychiater beraten vertraulich – ein wichtiges Kriterium für Leistungssportlerinnen und Leistungssportler, die sich häufig aus Angst vor dem Bekanntwerden ihrer Probleme nicht behandeln lassen. Insofern trägt die Arbeit der DGPPN-Zentren „Seelische Gesundheit im Sport“ zum Umdenken in der Leistungssportszene bei.Frank Schneider

Der Autor ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Aachen und war Präsident der DGPPN

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