Sport-Spektakel : Mythos Tour de France

Sie ist das härteste Sportereignis der Welt. Und sie ist seit ihrem ersten Tag ein Geschäft. Wo sie ist, sind die Menschen – daran ändert auch ihre größte Krise nichts.

Mathias Klappenbach
Tour de France
Die Tour de France findet 2007 zum 94. Mal statt - und steht in der Kritik wie nie zuvor. -Foto: dpa

DIE TOUR DE FRANCE IST NACH DEN OLYMPISCHEN SPIELEN UND DER FUSSBALL-WELTMEISTERSCHAFT DAS DRITTGRÖSSTE SPORTEREIGNIS DER WELT. WIE IST ES DAZU GEKOMMEN?

Die Tour ist nicht nur ein Medienspektakel, sie ist auch ein Spektakel der Medien und überhaupt ist sie eine Erfindung des Journalismus. Mehrere Hundert Menschen drängeln sich um drei Uhr früh am 1. Juli 1903 vor dem Café Réveille Matin in Ville-Neuve-Saint-Georges bei Paris, um die Fahrer zu sehen. 60 Männer wollen noch am selben Tag auf Fahrrädern mit Holzfelgen und ohne Gangschaltung die erste von sechs Etappen nach Lyon bewältigen. Das sind 467 Kilometer, der Sieger Maurice Garin schafft es in 17 Stunden, 45 Minuten und 44 Sekunden. „Mit dem mächtigen Elan, den Emile Zola in seinem Roman ,La terre’ seinen Bauern gibt, lanciert L’Auto als Zeitung mit avantgardistischem Mut heute das größte Rennen der Welt mit den prächtigsten, unerschrockensten aller Athleten“, steht an diesem Tag in der Zeitung des Tour-Gründers Henri Desgrange.

Die Konkurrenz veranstaltet schon Radrennen, Desgrange muss handeln, um im Geschäft zu bleiben. Die Leistung der Fahrer ist zwar wirklich extrem, aber der eigentliche Grund für den Erfolg der Tour ist dann doch in ihrer Literarisierung und Überhöhung zu suchen, die fester Bestandteil der Berichterstattung ist. Ab 1910 gehören die Berge in den Pyrenäen zur Strecke. „Mörder!“, schreit ein Fahrer die Organisatoren an, dank der neuen Sagen von den Bezwingern und Bezwungenen der Berge verdoppelt sich die Auflage von „L’Auto“.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges heißt das Blatt „L’Equipe“, und es ist heute Frankreichs größte Sportzeitung. „L’Equipe“ ist immer noch Zentralorgan der Tour und gehört zum Verlagshaus A.S.O., das auch die Rundfahrt veranstaltet. „Nicht die Helden machen die Tour, die Tour macht die Helden“, sagt ihr aktueller Direktor Christian Prudhomme. Der „Kannibale“ Eddy Merckx ließ den anderen nicht den kleinsten Etappensieg übrig, der „Mörder mit den sauberen Händen“ Miguel Indurain siegte später lächelnd fünfmal hintereinander, obwohl der Kurs so gestaltet wird, dass er in den Bergen Zeit verlieren müsste.

„Wie in der Odyssee ist das Rennen zugleich eine Rundreise mit Prüfungen und eine vollständige Erforschung der irdischen Grenzen“, schrieb der französische Soziologe Roland Barthes Ende der 50er Jahre. Die Fans lieben auch jene Fahrer, die ihre Grenzen erforscht haben und gescheitert sind – wie der ewige Zweite Raymond Poulidor. Er hat die Tour nie gewonnen, ist aber bis heute eine Legende in Frankreich. Ein tragischer Verlierer ist auch eine große literarische Figur.

„In Wirklichkeit kennt die Dynamik der Tour nur vier Bewegungen“, schreibt Roland Barthes: „Führen, Verfolgen, Ausreißen, Eingehen.“ Diese Grundmotive werden seit Jahrzehnten variiert, vorzugsweise zugespitzt in einem großen Duell wie zuletzt mit dem offensichtlich bösen Lance Armstrong gegen den scheinbar gutmütigen Jan Ullrich.

MILLIONEN VON MENSCHEN STEHEN JAHR FÜR JAHR STUNDENLANG AM STRASSENRAND, UM EIN PAAR SEKUNDEN LANG FAHRRADFAHRER VORBEIRAUSCHEN ZU SEHEN. WESHALB TUN SIE DAS?

Die Tour ist ein wandernder französischer Nationalfeiertag. Alle Regionen, alle sozialen Schichten und alle Altersklassen der Bevölkerung sind dabei und können – kostenlos wie bei keinem Großereignis sonst – an der Begeisterung teilhaben. Allerdings altern die Fans: Im vergangenen Jahr waren drei Viertel der Zuschauer älter als 50. Dennoch eint die Tour in jedem Sommer das Land für drei Wochen. Befragungen in Frankreich ergaben, dass die Tour mit einem schönen Sommer und Urlaub assoziiert wird.

So wie die Franzosen selbst ihr Land während der Tour sehen, ist auch das Bild, das über das Fernsehen in die ganze Welt transportiert wird. Während der Etappen bleibt den Kommentatoren viel Zeit für mehr oder weniger gelungene Exkurse über die aus Kräutern der Region gebrannten Schnäpse und die Chateaux, die am Rand der Strecke liebevoll erhalten werden. Frankreich ist in diesen langen Landschaftseinstellungen noch die Grande Nation, zu deren kultureller Tradition auch die mythische Aufladung der Männer auf den Fahrrädern und ihrer Leiden gehört.

Es gibt Hunderte Geschichten von den tapferen Pedaleuren, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum x-ten Mal erzählt werden. Sie sind für die Fans das, was Kindern ihre liebsten Gutenachtgeschichten sind. Wer je Flachetappen der Tour im Fernsehen angeschaut hat, hat garantiert seinerzeit von Herbert Watterott in der ARD erzählt bekommen, wie 1913 Eugène Christophe wegen einer gebrochenen Gabel mit dem damals noch schweren Rad auf der Schulter 14 Kilometer zur nächsten Schmiede stapfte, wo er sein Arbeitsgerät eigenhändig reparierte. Fremde Hilfe anzunehmen war den Fahrern untersagt.

Christophe kam vier Stunden nach dem Etappensieger ins Ziel. So mancher Fahrer nahm in den ersten Jahren für ein strapaziöses Teilstück lieber mal den Zug oder das Auto – schließlich drohte ihm im Rahmen der üblichen Sabotage auch ein zerschnittener Bremszug oder ein angesägter Rahmen. Zuschauer warfen vor missliebigen Fahrern Nägel auf die Straße.

Die Mythen der Tour und der Anstrengungen ihrer Menschmaschinen sind ein Kompendium für jede Gelegenheit, und wer große Kinderaugen bei Erwachsenen sehen will, muss nur die Codewörter Mont Ventoux, Tourmalet oder L’Alpe d’Huez aussprechen. Denn kein Mythos ist, dass die Tour die härteste der großen Sportveranstaltungen der Welt ist.

ZUR UNTERHALTUNG DER ZUSCHAUER GEHÖRT AUCH DIE GROSSE WERBEKARAWANE. IST SIE WICHTIGER ALS DAS FOLGENDE FAHRERFELD?

Die Tour ist seit ihrem ersten Tag ein Geschäft. Die kilometerlange Wagenreihe, ein Karnevalszug mit vielen Wurfgeschenken für das Fußvolk, gibt es allerdings erst seit 1930, als Tour-Gründer Desgrange nach Wegen suchte, mehr Macht gegenüber den Fahrradherstellern zu gewinnen, die den Streckenverlauf und das Reglement mehr und mehr in ihrem Sinne beeinflussen wollten. Die Firmenparade war ein voller Erfolg. Heute sind für die Werbekarawane und die überdimensionalen Bauten an den Start- und Zielorten mehr als 1000 Menschen bei der Tour im Einsatz. Über die Hälfte des Tour-Etats von gut 50 Millionen Euro wird von Sponsoren bezahlt, die Fernsehrechte machen nur ein Drittel aus. Dabei brachte das Fernsehen zu Beginn der 60er Jahre der Gesamtvermarktung einen großen Sprung.

Mit Motorrädern und Hubschraubern war es nun möglich, die ganze Strecke live ins Bild zu setzen. Der Ausreißer vom Team X war nun stundenlang im Trikot seines Sponsors präsent und erfüllte den Auftrag dessen, der letztendlich das Gehalt bezahlt. Es hat mit den Jahren abgenommen, aber lange Zeit hieß es im Fernsehen, der Fahrer X vom Team Y liege weiterhin an der Spitze. Jetzt werden die Namen der Teams nicht mehr in jedem Satz genannt, aber noch immer für jeden Sponsor attraktiv oft.

Das Fernsehen änderte den Charakter der Rennen sogar noch grundlegender. Der Spannungsbogen einer Etappe sollte dynamischer werden, die Tour wurde mehr und mehr auf spektakuläre Bergankünfte wie zum Beispiel die in L’Alpe d’Huez ausgerichtet. Hinzu kommt, dass die sportlichen Leiter in ihren Autos die Etappen am Fernseher verfolgen können und ihren Fahrern über Funk genaue taktische Anweisungen geben. Die Profis sind heutzutage ferngesteuert, der auf sich allein zurückgeworfene Mensch in einer schwierigen Situation gehört der Vergangenheit an. Doch kein Mythos, den man nicht wiederbeleben könnte: Es gibt Überlegungen, den Funk wieder abzuschaffen. Laut ihrem Direktor Prudhomme hat die Tour keine Zukunft ohne Romantik.

WIE SEHR IST DER MYTHOS TOUR DURCH DIE GROSSE KRISE DES RADSPORTS GEFÄHRDET?

Der Tour-Sponsor Skoda überlegt, auszusteigen. Ansonsten müssen vor allem die Teams um ihre Geldgeber bangen. Das betrifft die Tour aber zunächst nur mittelbar. Sie ist weiterhin ein prosperierendes Wirtschaftsunternehmen. Als im vergangenen Jahr die Favoriten ausgeschlossen wurden und der Dopingskandal „Operación Puerto“ das beherrschende Thema in den Medien war, stellte der damalige Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc einen „wunderbar ermutigenden Widerspruch“ fest. „Die Begeisterung des Publikums hat sich verzehnfacht. Das ist nicht nur Begeisterung, das grenzt mitunter an Leidenschaft. Die Einschaltquoten bestätigen dies auch. Soll heißen, wir sind ein traditionelles Ereignis, das von Schändlichkeiten gebeutelt wurde, aber trotz allem diejenigen verzückt, die sich dafür interessieren.“

Diese Schändlichkeiten gehören zu einem guten Plot, und Doping war in den Augen der meisten Zuschauer viele Jahrzehnte eine, um die man zwar wusste, die aber die Leistungen der Fahrer, wenn überhaupt, nur geringfügig schmälerte. Beim bis dahin größten Skandal 1998 war auch viel vom Ende des Radsports und der Faszination der Tour die Rede. Doch schnell war alles wieder so, wie es immer gewesen war.

Zurzeit ist Doping vor allem in Deutschland ein großes Thema, hier erscheinen schwerwiegende Konsequenzen für den Radsport durchaus möglich. Ein großer Markt, auch für die Tour, wäre schwer beschädigt. Doch ihre Existenz wäre hiervon nicht bedroht. Die Organisatoren können weiter zwischen vielen Bewerbungen von Städten aus ganz Europa auswählen, die den Prolog veranstalten wollen. Wo die Tour ist, sind die Menschen. Eine Debatte über ihre Zukunft wäre nur eine Modernisierung in einem speziellen Sinn. Es hat in Literatur und Film einen besonderen Reiz, wenn der Autor oder Regisseur selbst zum Akteur in der großen Geschichte wird.

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