Zeitung Heute : Sportliche Einfachheit

Das Regal „Egal“ von Axel Kufus

NAME

Von Nora Sobich

Die Konstruktionsbeschreibung klingt wie ein moderner Vierzeiler: Seite hält Schiene/ Schiene hält Boden/Boden hält Schiene/Schiene hält Seite. Kein Teilchen des „FNP"-Regals ist überflüssig, alles aufeinander abgestimmt und in Beziehung gesetzt. Genau darum geht es Axel Kufus, der das längst zum Klassiker avancierte Regalsystem vorreiterartig Ende der achtziger Jahre entworfen hat - zu einer Zeit, als eigentlich noch Emotionalität und Ready-made-Design den Ton angaben und bei den jungen Rebellen des Designs Begriffe wie „kein Verschnitt" und Just in Time Production kaum Beachtung fanden.

Axel Kufus, 1958 in Essen geboren und seit 1993 Professor für Produktdesign an der Bauhaus-Universität in Weimar, gehört inzwischen wohl zu den renommiertesten Berliner Designern. Nicht zuletzt wegen des „FNP"-Regals, das gern als „Quintessenz" seines Schaffens beschrieben wird und in der bürgerlichen Altbauwohnung genauso gut und gern steht wie in der Studentenbude oder der edel ausgestatteten Büroetage. Es verkörpert den Wunsch des Designers, „Objekte noch einfacher zu gestalten, als sie einem auf den ersten Blick ohnehin schon vorkommen." Wie einen regelrechten Denksport betreibt Kufus die Suche nach solch integrierten und minimierten Konstruktionslösungen. Wenn auch mit Grenzen. „Es muss immer etwas Undurchdachtes und Ungelöstes an den Dingen geben", so der Designer. „Sonst sind sie überdefiniert, steril und auch nicht elegant."

Das „Werkstudio" von Kufus, der nicht nur Designer, sondern auch Schreiner mit Meisterbrief ist, liegt im stillen Berliner Westend. Beim Eingang steht ein Garderobenständer, den Kufus für die italienische Firma „Magis" entworfen hat. Es ist ein quadratisches Aluminiumgerüst, in das für den alltäglichen Kleinkram Ablagen aus weichem, blauen Gummi gespannt sind. Axel Kufus schnippt beim Vorbeigehen einmal von unten gegen eine dieser Gummihängematten und fängt ein hochfliegendes Schlüsselbund auf. „Eine Schnaps-Idee", sagt er und lacht. Funktionalität hat bei ihm nicht nur etwas mit Strenge und Ökonomie zu tun, sondern auch mit Alltag, Praktikabilität und versteckter Spielerei.

Eine seiner Lieblingsformulierungen lautet: „einfach, aber nicht banal." Die gilt natürlich auch für sein gerade auf den Markt gekommenes Regalsystem „Egal". Wie viele andere Entwürfe von Kufus wird es von „Nils Holger Moormann" produziert. Das Zusammenbauen von „Egal" ist selbst für handwerklich extrem Unbegabte ein Kinderspiel und klappt auch ohne Aufbauanleitung. Hier ist das typische Regal-Prinzip umgedreht: die „gelochten" Seiten sind zu Böden gemacht, zwischen die in flexibel wählbaren Abständen vertikale Stützen geschoben werden. Für die nötige Stabilität sorgen L-Stücke an den Außenseiten.

„Egal", das massiver und imposanter wirkt als „FNP", gewinnt viel Lebendigkeit und Flexibilität durch die mögliche Verschiebung der einzelnen Stützen. Je nachdem, wie man sein Bord sortieren möchte, kann man die Stützen neu arrangieren und erreicht damit eine optische Ordnung. Wer will, kann das Regal mit Schiebetüren und Schubkästen zur Schrankwand aufrüsten, die Böden in den unteren Etagen breiter wählen. „Egal" steht inzwischen auch im Vorraum des Gropiuszimmers in Weimar, dem so genannten Direktorenzimmer des Van-de Velde/Bauhaus-Gebäudes. Dort bildet es eine kleine Bibliothek. Die schöne Idee von Kufus: Jeder Gropius-Gast-Professor hinterlässt einen Meter Bücher seiner Wahl, wenn er geht.

Sowohl „Egal" als auch „FNP" gibt es neben der MDF-Version (natur, klar lackiert, gewachst, filmbeschichtet) auch in Birkensperrholz. Warum der Sperrholzfreak Kufus immer wieder zu MDF greift, liegt an der Verarbeitungsfreundlichkeit des Materials. Zudem passe es in der unbehandelten Version besonders gut zu Büchern: „Es ist ähnlich wie diese auch aus Holzfasern gemacht." Den Klassiker „FNP" kann man inzwischen wie „Egal" ebenfalls mit diversen Anbauten ergänzen. Zu den Nachrüst-Accessoires gehören ein Fächerkarton, anklippbare Lampen, Böden zum Abstellen von Geräten oder ein anhängbares Stehpult, das gleichzeitig als Ablage für Stifte oder Papier taugt.

Neben Produktentwürfen entwickelt Kufus, der durch die Lehrtätigkeit in Weimar kaum noch Zeit hat, selbst an der Hobelbank zu stehen, vor allem Innenausbauten. In der Düsseldorfer Johannes Kirche hat er das Foyer gestaltet. Für die katholische Bischofskonferenz in Berlin entwarf er Stühle und Bänke, die schlicht und archaisch aussehen, regelrecht einen Ort des Angekommenseins inszenieren. Dagegen wirkt die „OfficeKitchen" für die Firma Casawell profan.

Neben solchen Industrieprodukten gibt es bei Kufus immer wieder das kleine Feine. Die Firma Biegel hat einige Designer beauftragt, ein Schmuckstück zu gestalten. Axel Kufus entwarf einen Ring. Ganz fertig ist der Entwurf noch nicht. Das ist typisch für Kufus, der zu den Designern gehört, die eben nicht jedes Jahr zwanzig Stücke auf den Markt bringen, sondern bei denen ein Entwurf langsam wachsen und reifen muss. Der es liebt, an den Dingen zu arbeiten, bis sie nicht mehr auffallen, „so selbstverständlich dastehen wie eine Bordsteinkante." Oder eben seine überzeugenden Regalsysteme „Egal" und „FNP".

www.kufus.de

www.moormann.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben