Zeitung Heute : Spott in Frankreich

In den Umfragen stürzt er ab, bei den Kommunalwahlen droht seiner Partei eine Niederlage – selbst sein Sohn grenzt sich von ihm ab. An seinem Stil will Nicolas Sarkozy dennoch nichts ändern

Albrecht Meier[Paris]

Der Weg zur Macht führt durch eine riesige Flügeltür hinauf in den ersten Stock. Man kann die Hierarchie derer, die hier oben arbeiten, an der Güte der Aussicht ablesen, die sie von den Büros aus auf den Garten des Elysée-Palastes haben, dorthin, wo Nicolas Sarkozy regelmäßig joggt.

Claude Guéant und Henri Guaino haben eine brillante Aussicht. Ihre Arbeitsplätze liegen rechts und links des Präsidentenzimmers. Guéant, ein klassischer Funktionär, sichert den geschmeidigen Ablauf der Geschäfte. Guaino, Wahlkampfmanager, ist offiziell nur Redenschreiber, doch sein Einfluss auf Sarkozy ist immens. Deutschland hat das gerade erst erfahren. Auf Guaino geht die geplante Mittelmeerunion zurück, die seit Monaten Verstimmungen zwischen Berlin und Paris auslöst.

Sarkozys zwölf engste Berater, die ihren Chef in allen innenpolitischen und diplomatischen Detailfragen mit Sachverstand füttern, haben derzeit Schwerstarbeit zu verrichten. Der Grund ist nicht Deutschland, sondern ihr Dienstherr. Er steckt in einer atemberaubenden Krise. In den Meinungsumfragen stürzt er seit Ende November Woche für Woche weiter ab. Die Hochzeit mit der Sängerin Carla Bruni hat ihn auch nicht gerettet. Einer Umfrage zufolge vertrauen ihm nun nur noch 38 Prozent der Franzosen. Und am Wochenende sind Kommunalwahlen.

Sarkozys Berater sind wichtig. Manche behaupten sogar, sie seien wichtiger als die eigentlichen Regierungsmitglieder. Und dennoch gilt es im innersten Zirkel als abgemacht, dass demnächst Köpfe rollen. Denn in Marseille, Toulouse, Straßburg, Rouen, Caen und anderen Städten droht Sarkozys Regierungspartei UMP ihre Mehrheit an die sozialistische Opposition zu verlieren.

Die Frau, die für Sarkozy in Paris in die Schlacht um das Rathaus zieht, heißt Francoise de Panafieu. Sie erinnert ein wenig an Sabine Christiansen. Sie hat denselben Kurzhaarschnitt, dasselbe ironische Lächeln. Die 59-Jährige hat ein blaues Seidentuch mit weißen Sternchen um ihren Hals geschlungen, es ist wieder kalt geworden in Paris. Sie ist die perfekte Verkörperung französischer Großbourgeoisie und zugleich volksnah.

An diesem Vormittag ist Francoise de Panafieu im Gassengewirr des zweiten Pariser Arrondissements unterwegs. Hier hat sich die digitale Zunft eingenistet. De Panafieu diskutiert mit fünf Männern aus der Internetgemeinde über die digitale Kluft in der Bevölkerung und das, was sie als Pariser Bürgermeisterin daran ändern würde. Die Umfragen geben ihr zwar kaum eine Chance; das Pariser Rathaus wird seit 2001 von den Sozialisten beherrscht. Dennoch kämpft sie um jede Stimme. Wenn man sie fragt, ob Sarkozys Popularitätsverlust ihr den Wahlkampf erschwert, sagt sie: „Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass das keinen Einfluss hat.“

Da hat es Jean Sarkozy schon sehr viel einfacher. Der Sohn des Präsidenten, 21 Jahre alt, bewirbt sich darum, als Vertreter des Kantons Neuilly-Sud in den Rat des Départements Hauts-de-Seine einzuziehen. Es wird ihm dabei wohl niemand in die Quere kommen. In Neuilly hat die UMP bis jetzt immer Traumergebnisse erzielt, und Sarkozy junior hat keinen ernsthaften Gegenkandidaten.

Man kann Jean Sarkozy gelegentlich morgens in einem Café namens „Aux Délices de Bagatelle“ zusehen, wie er Verbündete um sich schart. Alte Damen fordert er schon mal mit den Worten „Sie und ich, wir haben ein Rendezvous am 9. März“ zur Stimmabgabe auf. An seiner Schlagfertigkeit, seiner direkten Art lässt sich gut studieren, dass er das politische Handwerk beim Vater abgeschaut hat. Aber selbst Jean Sarkozy vermeidet es, bei seinen Wahlkampfauftritten in irgendeiner Form Bezug auf den Vater zu nehmen, der in Neuilly einmal immerhin fast zwei Jahrzehnte lang Bürgermeister war. Nicolas Sarkozy sieht allerdings auch selbst ein, dass seine Präsenz im Wahlkampf eher schadet. Seine Auftritte beschränkt er in diesen Tagen auf ein Minimum, ganz gegen seine Art.

Als Sarkozy im vergangenen Mai ins Amt kam, haben sich nur wenige im Land gefragt, ob er der Aufgabe gewachsen ist. Sarkozy nahm einfach auf dem Präsidentensessel Platz und legte los, wie er es zuvor als Innenminister getan hatte. Die Liste der Reformen, die er ins Werk gesetzt hat, kann sich sehen lassen. Es dauerte eine Weile, bis vielen Franzosen dämmerte, dass er jedoch keineswegs immer Herr der Lage ist. Ein erstes Anzeichen dafür war der Staatsbesuch des libyschen Staatschefs Muammar al Gaddafi Anfang Dezember in Paris. Tagelang war der Wüstenherrscher, den Sarkozy als Gegenleistung für die Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern nach Paris eingeladen hatte, Gegenstand der Schlagzeilen. Und der Elysée-Palast musste hilflos zusehen.

Im Januar musste Sarkozy seine Machtlosigkeit in anderer Sache eingestehen: dass die Kassen leer sind. Sein Versprechen, dass er die Kaufkraft der Landsleute verbessern werde, wird er also auf absehbare Zeit nicht einlösen können. Seither ist die Kluft zwischen den Franzosen und ihrem Präsidenten immer größer geworden. Sein eigenwilliger Stil im Umgang mit seinem Privatleben hat die Sache noch verschlimmert. Wenn Sarkozy offen über seine Beziehung zu Carla Bruni redet, will er als ein Präsident verstanden werden, der in seinem Streben nach Transparenz vor nichts haltmacht, nicht einmal vor sich selbst. Die Franzosen wollen aber die Details aus Sarkozys Liebesleben gar nicht wissen.

Nicolas Sarkozy ist ein wandelndes Paradox. Er sei „ein Mensch, der niemanden liebt, nicht einmal seine Kinder“, hat seine Ex-Frau Cécilia über ihn gesagt. Leute, die ihn ebenfalls näher kennen, beschreiben Sarkozy hingegen als warmherzig, sogar als weich. Auch im Politischen ist dieser Widerspruch zu finden: Frankreichs Präsident liebt zwar die Provokation und den Dauer-Clinch. Gleichzeitig ist er aber durchaus kompromissorientiert – vorausgesetzt, er findet Partner, die sich überhaupt auf ein politisches Armdrücken mit ihm einlassen. So erklärt es sich, dass sich Frankreichs Staatschef im Streit um das Pariser Sonderprojekt der Mittelmeerunion zu Beginn der Woche einen Schritt auf die Bundeskanzlerin zu bewegte.

Man darf aber Sarkozys Sinneswandel bei diesem Thema nicht so interpretieren, als würde der Präsident sein Vorgehen oder sein Tempo korrigieren. Er will weiterhin möglichst viele Reformen gleichzeitig anstoßen. „Würde man eine Reform nach der anderen ins Werk setzen“, sagt ein Berater, „dann würden am Ende nur zehn Reformprojekte herauskommen.“ Mit anderen Worten: deutlich zu wenig. Dass er bei seiner heiß geliebten Mittelmeerunion ein Zugeständnis an Angela Merkel machte, hat schlicht taktische Gründe. Auf keinen Fall will er einen Streit mit den EU-Partnern, wenn im Juli die französische EU-Ratspräsidentschaft beginnt. Schon gar nicht mit Deutschland.

Es ist inzwischen später Nachmittag, und die Stimme von Francoise de Panafieu ist noch etwas rauer geworden. Der Seidenschal um ihren Hals ist auch nicht mehr so eindrucksvoll geknüpft wie am frühen Morgen. Mittlerweile ist sie im 17. Arrondissement angekommen, eine – wenn man einen Berliner Vergleich anstellen will – Mischung aus Charlottenburg und Kreuzberg. Sie verteilt Flugblätter. Den amtierenden Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe, der als Sozialist gemeinsam mit den Grünen die Hauptstadt regiert, hat Francoise de Panafieu einen „tocard“ genannt, eine „Null“. Zu Delanoes Vorzeigeprojekten gehört ein preisgünstiges Leihfahrradsystem. An einem solchen öffentlichen Fahrradplatz macht gerade eine junge Frau ihr Gefährt startklar, als ihr Francoise de Panafieu begegnet. „Mit euch Sarkozy-Leuten ist es zum Glück bald vorbei“, schreit die Radlerin die konservative Spitzenkandidatin an, „wir haben die Schnauze voll von dieser bourgeoisen und mafiösen Regierung!“

Die Kandidatin lässt sich nichts anmerken. Möglicherweise denkt sie in dieser Sekunde auch an die Verbalattacke ihres Präsidenten, der einem Besucher der Pariser Landwirtschaftsmesse neulich mit deutlichen Worten – „dann hau doch ab, du Depp“ – auf eine Beleidigung geantwortet hatte. Sarkozys Schimpfkanonade hat bei den Franzosen weitere Zweifel geweckt. Und doch scheint der Präsident entschlossen zu sein, er selbst zu bleiben. Die Franzosen sollen sich an seinen unorthodoxen Stil gewöhnen.

Auch dafür hat er schon eine Strategie und einen Zeitplan. Eineinhalb Jahre, so bekannte er im Gespräch mit einem Vertrauten, könnte es bei den schlechten Umfragewerten bleiben.

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