Zeitung Heute : „Sprecht mit dem Steißbein!“

Theaterpädagogen sind keine Schauspieler und keine Regisseure. Aber sie sind von allem ein bisschen

Irmgard Berner

„Nimm dir Räume!“, ruft die Spielleiterin in die Gruppe der Studierenden. „Munge, munge, munge“ tönt es vielstimmig durch den Probenraum. „Sprecht mit dem Steißbein!“ Die vier Elemente in Sprachbewegung darzustellen, lautet die Übung an diesem Montag. Konsonanten sollen zwischen den Lippen ploppen und aus den Kehlen krachen. Erdig, feurig, luftig, wässrig. Stimmboden, Beckenboden, Füße auf dem Boden. „Die physische Mitte ist im unteren Bauch“ , sagt Beate Krützkamp, Sprachgestalterin und Lehrbeauftragte am Institut für Theaterpädagogik. „Das ist die physische Ebene, auf der künstlerische Inspiration entsteht.“

Die Szene könnte in jeder Schauspielklasse spielen. Doch die elf jungen Frauen und Männer möchten in ihrem späteren Berufsleben das Medium Theater in ihrer Arbeit mit Kindern, Jungendlichen oder mit anderen Gruppen von nicht-professionellen Spielern einsetzen. Das wöchentliche Bewegungs- und Sprachtraining ist nur ein Teil des straffen Curriculums im zweijährigen Masterstudiengang Theaterpädagogik an der Universität der Künste. Es sind in der Mehrzahl Sozialpädagogen und Lehrer, aber auch Theaterwissenschaftler, Germanisten, Psychologen, Kultur-, Sozial- und Medienwissenschaftler, die hier lernen, wie Theaterspielen funktioniert und welche Bildungsprozesse mit dem Theaterspielen einhergehen.

Die Beweggründe sind unterschiedlich. „Ich wollte weg von der reinen Sozialarbeit und mich im kreativen Bereich weiterqualifizieren“, sagt Karl Wille, 33, der fünf Jahre als Sozialpädagoge zuerst als Streetworker mit marginalisierten Jugendlichen arbeitete und dann Familien mit Problemen bei der Erziehung ihrer Kinder beistand. Anna Bösenberg, 26, die aus ihrer Arbeit als Sozialpädagogin mit psychisch Kranken schon theaterpädagogische Erfahrung mitbringt, hat sich für das Zusatzstudium entschieden, denn: „Mir fehlten Grundlagen in Theaterwissenschaft, Schauspieltheorie und theaterpädagogischen Methoden.“

Die Studienplätze sind begehrt. An die 70 Bewerber kommen jedes Jahr zur Aufnahmeprüfung, 12 bis 14 werden aufgenommen. Voraussetzung für einen Studienplatz ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium und das Bestehen der Zulassungsprüfung. In der Regel haben die Bewerber einen pädagogischen oder künstlerischen Abschluss, Schauspieler sind eher selten dabei. „Fundamentale Erfahrungen mit Spiel und Theater sind eine wichtige Voraussetzung für alle, die hier anfangen“, sagt Ulrike Hentschel, Leiterin des Instituts.

In den zwei Jahren des Studiums sind Theorie und Praxis eng miteinander verknüpft. Gleich von Anfang an stehen Textarbeit, Improvisation, szenische Arbeit und Erzählen auf dem Unterrichtsplan. Aber auch über Körper und Bewegung, Atem und Stimme entwickeln die Studierenden ihre Spielleiterkompetenzen. Unterfüttert werden die Übungen durch theaterwissenschaftliche, didaktische und kulturtheoretische Seminare.

Theater bildet nicht nur als Medium den Kern der Ausbildung, wichtig sind auch die Analyse und Reflexion des gegenwärtigen Theater-Diskurses. Schiller ist heute auf der Bühne nicht mehr der Schiller aus dem Reclamheft. Um dies zu verdeutlichen, lädt Ulrike Hentschel Künstler des zeitgenössischen Theaters als Dozenten ein. Helgard Haug, Regisseurin der Gruppe „Rimini Protokoll“, stellt in ihrem Seminar schwierige Fragen: „Würdet ihr einen Sterbenden real vor Zuschauern zeigen? Was bedeutet in unserer Gesellschaft ein Tabu und dessen Bruch? Sie spielt dabei auf eine aktuelle Debatte über die geplante Aktion „Raum für einen Sterbenden“ des bildenden Künstlers Gregor Schneider an. Über diese Frage – wo ist Provokation gut, wo kontraproduktiv? – diskutiert die Gruppe lebhaft.

Zwei Praktika an Theatern und Schulen, in Jugend- und Theaterclubs oder in Projekten mit selbst gewählten Gruppen etwa in Heimen oder Gefängnissen absolvieren die Studierenden. Kooperationspartner sind das Grips-Theater, die Vagantenbühne, das Theater an der Parkaue, Schulen in Wedding und Kreuzberg. Hier werden auch Kontakte für das spätere Berufsleben geknüpft. Feste Stellen an Theatern sind zwar rar. Aber je nach Spezialisierung gibt es auch an Opernhäusern oder in der Wirtschaft gute Chancen.

Freie Projekte anzubieten, ist die andere Möglichkeit. So arbeitet Karl Mille als Spielleiter in einer freien Theatergruppe mit Jugendlichen. Ihn interessiert „das ‚Dazwischen', das Switchen einiger Jugendlicher zwischen einem traditionellen Elternhaus, dem Schulalltag und der Realität auf der Straße“. Und er ist überzeugt: Als Sozialpädagoge „mit einer tollen Zusatzqualifikation“ finde er immer einen Arbeitgeber.

Während des Rundgangs zeigen die Theaterpädagogen am 18. Juli um 17 Uhr und am 19. Juli um 13.30 Uhr im Foyer der Bundesallee 1-12 das Projekt „Dic cur hic – sag, warum bist du hier?“

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