Zeitung Heute : Sprechtaste am Gewehr

Neue Kommunikationsnetze sollen der Bundeswehr die Informationsüberlegenheit auf allen Ebenen sichern

Maximilian Demandowsky

Die Truppe rüstet auf und das gleich mehrfach. Da ist zum einen die wahre „Herkules“-Aufgabe, so das gleichnamige IT-Projekt. Und die hat es in sich: Für insgesamt 7,1 Milliarden Euro soll in den kommenden vier Jahren nicht weniger als die gesamte nicht-militärische Computer- und Kommunikationstechnik der Bundeswehr erneuert und vernetzt werden. Rund 140 000 Computer, 7000 Server, 300 000 Festnetztelefone und 15 000 Mobiltelefone werden neu verkabelt und vereinheitlicht. Hinzu kommen neue Rechenzentren und Serviceleistungen. In vier Jahren, so die Planung, sollen alle Systeme ausgetauscht, nach weiteren sechs Jahren die Modernisierung komplett abgeschlossen sein.

Grund für den Kraftakt ist eine veraltete Technik und inkompatible Systeme bei Heer, Marine und Luftwaffe. Es soll endgültig Schluss sein mit den Wählscheiben-Telefonen, denn die Bundeswehr wird still und leise zu einer modernen Interventionsarmee umgebaut. Und dazu braucht es eben etwas mehr als ein paar neue Computer und Telefone. Seit 1999 wurde über das IT-Projekt diskutiert und verhandelt, mehrere Anläufe scheiterten an unterschiedlichen Vorstellungen über die Kosten. Den Zuschlag für das Mammut-Projekt erhielt Ende letzten Monats ein Konsortium aus IBM und Siemens. Das amerikanische IT-Unternehmen, zuständig für Modernisierung und Betrieb der Rechenzentren und Anwendungen ersetzt die bisherige Software durch Standardsoftware und web-basierte Anwendungen des Bundeswehr-Intranets. IBM sorgt zudem für eine sichere und reibungslose E-Mail-Kommunikation und – besonders wichtig – für eine sichere Verschlüsselung und Versendung von geheimen Dokumenten.

Siemens kümmert sich um den Betrieb und die Modernisierung der dezentralen Systeme an den mehr als 1500 Standorten in Deutschland. Die eigens zu diesem Zweck gegründete Betreiber-Gesellschaft BWI Informationstechnik mit Sitz in Meckenheim bei Bonn gehört zu 49,9 Prozent dem Bund und zu 50,1 Prozent dem Konsortium von IBM und Siemens Business Services. Die Kooperation gilt als das bislang größte europäische Gemeinschaftsunternehmen von öffentlicher Hand und Industrie. An dem Mega-Auftrag sind fast 3000 Bundeswehrangehörige beteiligt.

Bereits bei der Truppe im Einsatz ist das von der Essener Firma Secunet in Kooperation mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik entwickelte System „Sichere Inter-Netzwerk Architektur“, kurz SINA. Die Kommunikation zwischen Absender und Empfänger erfolgt dabei mittels einer Verschlüsselungsbox auf Basis des Internet-Protokolls und ist vom BSI für die Übertragung von Verschlusssachen bis zur Kategorie „streng geheim“ zugelassen. Ein speziell gesichertes Betriebssystem ermöglicht im Zusammenspiel mit der Software die vertrauliche Kommunikation gesicherter Netzwerke. Vorteil gegenüber früheren Verschlüsselungen ist die höhere Flexibilität der Einsatzmöglichkeiten und der Einsatz von Standard-Hardware.

Karsten Dewitz, technischer Projektleiter bei Secunet: „Der Datenverkehr zwischen den Netzwerken ist sehr sicher, da weder Absender und Empfänger, noch der Dateninhalt, sichtbar ist, sondern lediglich ein verschlüsselter Datenstrom, der von A nach B geht.“ Damit, so der Techniker, ist auch eine gesicherte Kommunikation über das Internet möglich. Bereits Anfang 2006 in Betrieb genommen wurden die vom Rüstungskonzern EADS für 75 Millionen Euro entwickelten Informationssysteme „Nutzerorientierte Kommunikation der Bundeswehr 2000“, kurz „NuKomBw 2000“ sowie „Tetrapol Bw“. NuKomBw 2000 ersetzt die 250 Fernschreibstellen des Militärs im In- und Ausland durch ein so genanntes „Military Messaging Handling System“ (MMHS), wobei die Kommunikation analog dem E-Mail-Verkehr über ein Serversystem, das über die gesamte Bundesrepublik verteilt ist, erfolgt und zentral von Rheinbach in Nordrhein-Westfalen gesteuert und kontrolliert wird.

„Tetrapol Bw“ wiederum ist ein digitales Funksystem speziell für Militäroperationen im Ausland und ermöglicht den Aufbau eines mobilen Kommunikationsnetzes aus Basisstation und Funkgeräten in jedem beliebigen Einsatzgebiet. Es arbeitet verschlüsselt und kann innerhalb kürzester Zeit verlegt und autark betrieben werden. Dabei ermöglicht es eine „verdeckte Trageweise“ ebenso wie die „Kommunikation mit freien Händen mittels Headset oder durch Sprechtaste am Gewehr“. Mit „Tetrapol“, so die Online-Informations-Plattform „German-Foreign-Policy“, sei die Bundeswehr auf dem Weg zur netzbasierten Operationsführung, also das Gefecht mit verbundenen Waffen, bei dem alle beteiligten Teilstreitkräfte permanent untereinander sowie mit dem Potsdamer Einsatzführungskommando in Verbindung stehen. Kein Wunder, dass die Technik bereits in Afghanistan und auf dem Balkan zum Einsatz kommt.

Die neue informationstechnologische Aufrüstung der Bundeswehr gilt als Voraussetzung für eine weltweite „Intensivierung der deutschen Kriegstätigkeit“, so Online-Plattform „German-Foreign-Policy“. Mit den Tetrapol BW-Funkgeräten können die Soldaten im Einsatz verschlüsselt und abhörsicher miteinander sprechen oder Daten austauschen. Ziel ist laut Bundeswehr die „Informationsüberlegenheit im Gefechtsfeld“.

Nicht nur am Boden verfügt die Bundeswehr in absehbarer Zeit über ein modernes Kommunikationsnetz, auch im All wird kräftig aufgerüstet. Besonderes Augenmerk liegt auf der Kommunikation via Satellit. Denn es ist die einzige Verbindung zu den Truppen im Ausland, auf die man im Ernstfall zurückgreifen kann.

Mit dem Start der russischen Cosmos-3-Rakete am 19. Dezember gelangte bereits die so genannte „SAR-Lupe“, einer von insgesamt fünf deutschen Spionagesatelliten in seine erdnahe Umlaufbahn in 500 Kilometer Höhe. Seitdem sendet das fliegende Vergrößerungsglas hochauflösende Radar- und Überwachungsbilder in beliebiger Auflösung. Mikro- statt Lichtwellen gestatten dabei Aufnahmen jeglicher Beobachtungsgebiete unabhängig von Tag oder Nacht bis zu einem Meter genau. Mit Lagebildern in Echtzeit, ausgerüstet mit modernster Hightech sollen deutsche Soldaten so an die Front geschickt werden. Damit, so „German-Foreign-Policy“, sind die Voraussetzungen geschaffen, für eine „vernetzte Kriegsführung“, zu der auch die satellitengestützte Kommunikation zwischen kämpfenden Einheiten und dem Potsdamer Einsatzführungskommando gehört.

Entwickelt hat den Spionagesatelliten das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB-Technology. Nach den erfolgreichen Tests wurde die Satellitenkontolle am 8. Januar vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum an die militärische Bodenstation der Bundeswehr übergeben. Der nächste SAR-Lupe-Satellit soll im Juli in den erdnahen Orbit folgen. Ende 2008 soll das Gesamtsystem fertig gestellt sein. Nach Angaben des Online-Magazins „Telepolis“ verfügt Deutschland damit nach den USA und Russland über eigene Radarsatelliten, wobei die Kosten je nach Quelle zwischen 300 und 750 Millionen Euro schwanken.

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