Zeitung Heute : Spree-Dreieck: "Das eingeschlafene überalterte Viertel neu aufpulvern!"

Jörn Pestlin

Eines der letzten Filetgrundstücke Berlins ist vergeben: Das Spreedreieck, nördlich vom Bahnhof Friedrichstraße. Berühmt ist diese Lage seit den 1920er Jahren. Für diesen Baugrund zeichnete der junge Mies van der Rohe seinen legendären Glasturm und begründete mit diesem Entwurf seinen Ruhm. Nach dem Wunsch des neuen Investors soll erneut ein Stararchitekt an diesem Ort zum Zuge kommen: Lord Norman Foster. Ein Rückblick auf die bewegte Baugeschichte des Areals.

Im offiziellen Sprachgebrauch der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) hieß das Haus mit den hohen schmalen Fenstern auf dem nördlichen Vorplatz des Bahnhofs Friedrichstraße "Abfertigungsgebäude für Ausreisende". Der Volksmund nannte das 1962 errichtete Gebäude "Tränenpalast". Davor und innerhalb des wohl bekanntesten Grenzübergangs zwischen Ost- und WestBerlin flossen 27 Jahre lang Tränen der Freude, wenn sich Familienmitglieder diesseits und jenseits der Mauer wiedersahen, des Schmerze, wenn sie im Niemandsland wieder Abschied nehmen mussten. "Dieser Bau müsste als Monstrum dastehen, sollte seine äußere Gestalt seinem Zweck entsprechen, und nicht als Normalbau aus Stein, Glas und Eisenverstrebungen", heißt es in Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt". Heute steht dieses Gebäude unter Denkmalschutz.

Tränen in den Augen der Investoren

Tränen vergossen an diesem Ort aber nicht nur die Reisenden zwischen den Systemen zu Mauer-Zeiten. Schon lange davor, in den 1920er Jahren, werden gewiss einige Investoren und Architekten bei dem Gedanken an das Grundstück zwischen dem Bahnhof, der Spree und der Friedrichstraße - dem so genannten Spreedreieck - so manch heimliche Träne geweint haben. Tränen über das langsame Sterben eines ehrgeizigen Bauprojekts. Anfang der 1920er Jahre, in Deutschland war gerade das Hochhausfieber entflammt, wollten die eigens für dieses Projekt gegründete Turmhaus-Aktiengesellschaft (Tag) und der "Bund der Turmhausfreunde" auf dem brach liegenden Spreedreieck ein Hochhaus errichten.

Hinter der Tag und dem Bund standen der Berliner Baumogul Heinrich Mendelssohn, Industielle wie Hugo Stinnes oder Alfred Hugenberg, Banken und Architekten. Dennoch kam das Bauvorhaben über eine abgesoffene Baugrube nie hinaus. Die stadteigene Zeitschrift "Berliner Wochenspiegel" veröffentlichte im Juli 1925 ein Foto der Baustelle mit der süffisanten Bildunterschrift "Berlins höchstes Turmhaus soll auf diesem See am Bahnhof Friedrichstraße errichtet werden. Heinrich Mendelssohn, der großzügige Überwinder der 4. Etage in Berlin, wird auf diesem Grund(wasser) den höchsten Turmhausbau der Reichshauptstadt errichten." Das anfängliche Wohlwollen der Behörden gegenüber den Plänen von Mendelssohn war in den Jahren seit dem Projektstart in offene Ablehnung umgeschlagen.

An diesem Klimawechsel trug Investor Tag in weiten Teilen selber die Schuld. Zunächst hatte die Tag am 1. November 1921 einen Ideenwettbewerb für die Bebauung des Grundstücks ausgeschrieben. Trotz einer Bearbeitungszeit von nur sechs Wochen gingen bis zum Abgabetermin 144 Einsendungen ein. Unter den Teilnehmern war unter anderem der junge Architekt Ludwig Mies van der Rohe. "Wabe" hatte er seinen Wettbewerbsentwurf genannt, und es war ein gläserner Wolkenkratzer. Doch dieses Projekt erregte zunächst kein großes Aufsehen. Die sonderbaren Begleitumstände des Wettbewerbs füllten stattdessen bald die Schlagzeilen.

Nach der öffentlichen Präsentation der Entwürfe im Festsaal des Roten Rathauses gerieten Wettbewerb und Auslober denn auch schnell ins Zwielicht. Der Investor Tag kürte zwar Preisträger - der Auftrag für das Turmhaus ging aber nicht an die gelobten Sieger. In der Berliner Architekturszene galt es damals als offenes Geheimnis, dass die Auftragsvergabe an Bruno Möhring, Otto Kohtz und Hans Kraffert schon beschlossene Sache gewesen war, noch bevor der Wettbewerb überhaupt entschieden war. So musste sich Investor Tag den Vorwurf gefallen lassen, den Wettbewerb lediglich als wohlfeilen Reklamefeldzug für das eigene Projekt inszeniert zu haben.

Hindernisse in den Weg gelegt

Der schlechte Leumund bremste die drei vom Investor beauftragten Architekten nicht. Im Sommer 1922 veröffentlichten sie ihr Ausführungsmodell. Doch die Berliner Behörden spielten nicht mit. Sie legten der Turmhaus-AG immer wieder neue Hindernisse in den Weg und verzögerten dadurch die Erteilung der Baugenehmigung. So verweigerten sie die Genehmigung unter anderem mit der kuriosen Begründung, dass die Tag nicht über das gesamte Baugrundstück verfüge. Die fehlenden Parzellen freilich waren Eigentum der Stadt. Die hatte bereits im März 1922 dem Grundstücksverkauf an die Tag zugestimmt - hielt sich aber nicht an ihre gemachten Zusagen.

Weil sich der Wind auf dem Immobilienmarkt inzwischen gewendet hatte, verabschiedete sich die Turmhaus-AG im Februar 1924 von dem Entwurf des Dreigestirns Möhring-Kohtz-Kraffert. Die neuen Pläne vom KaDeWe-Architekten Johann Emil Schaudt lagen dann aber noch länger in den Berliner Amtsstuben als die vorherigen Entwürfe. Die Regierenden in Berlin dagegen verdächtigte die Tag, dass das Unternehmen gar nicht bauen will, sondern mit dem Grundstück nur spekuliere.

In der Hoffnung dennoch bald eine Baugenehmigung zu erhalten, begann die Tag im Januar 1925 mit den Ausschachtungsarbeiten für das Fundament. Im gleichen Jahr geriet sie aber bereits in finanzielle Schwierigkeiten. Und es sollte noch schlimmer kommen. Im Sommer 1925 verabschiedete der Reichstag ein Gesetz über die Aufwertung von finanziellen Ansprüchen, weil die stark zunehmende Inflation heftig am Geldwert genagt hatte. Der Reichsfiskus - Verkäufer des größten Teils des Baugrundstücks an der Friedrichstraße - verlangte auf Grund dieser neuen gesetzlichen Regelung von dem Investor Tag eine Nachzahlung von 2,5 Millionen Reichsmark. Dieser klagte gegen die Nachforderung. Wasser auf die Mühlen der Behörden: Sie versagten der Tag nunmehr die Baugenehmigung mit dem Hinweis auf den offenen Rechtsstreit.

Der Klagebrief von 1927

Dessen ungeachtet kämpfte Finanzier Heinrich Mendelssohn unermüdlich weiter um sein Hochhaus. "Als Führer der Turmhaus-Gesellschaft werde ich meine ganze Kraft daran setzen, in das eingeschlafene überalterte Viertel am Bahnhof Friedrichstraße durch Bebauung neues Leben zu bringen und die ganze Gegend neu aufzupulvern", schrieb er in einem Klagebrief an den Ministerialrat Ludwig im Januar 1927. Ein Jahr später gab er dann doch auf. 1928 nahm die Turmhaus-AG mit der Berliner-Verkehrs-AG (BVG) Verhandlungen über den Verkauf des Grundstückes auf. Im Mai 1929 war der Vertrag perfekt. Aber auch die Hochhauspläne der BVG verliefen letztlich im Berliner Sand und statt eines "weltstädtischen Neubaus zum Wohle Berlins" entstand auf dem Grundstück, eine Grünfläche, die in Mendelssohns Augen "an dieser Stelle nichts zu suchen hat."

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