Zeitung Heute : "Spreestadt": Im ehemaligen Industriegebiet am Salzufer soll ein völlig neues Stadtviertel entstehen

Harald Olkus

Noch steht die Fläche zwischen dem Salzufer am Landwehrkanal und der Spree voller Autos. Mercedes Benz hat hier seine Berliner Niederlassung und nutzt das Areal hinter dem ehemaligen Siemensgebäude vorübergehend als Parkplatz und Ausstellungsfläche. In vier bierzeltgroßen, aluminiumfarbenen Containern sind Verkaufsräume und Büros untergebracht. Nebenan bauen die Stuttgarter eine neue Niederlassung, die in den nächsten Wochen eröffnet werden soll. Denn wer seinen neuen Daimler abholt, möchte dies nicht auf dem Hinterhof tun. Für 80 Millionen Mark entsteht deshalb ein "Autohaus der Zukunft" mit viel Glas und Stahl, einem Wasserfall und Rampen, die den Besucher durch die Halle führen.

Aber auch die derzeit von Mercedes zwischengenutzte Fläche soll nicht ewig Parkplatz bleiben. Die Münchner IVG-Tochter Tercon will auf dem ehemaligen Siemensgelände an der schmalsten Stelle zwischen Landwehrkanal und Spree 300 Millionen Mark investieren und ein Quartier für Wohnen und Gewerbe errichten.

Bereits im vergangenen Jahr hat die Tercon die frühere Siemens Telefonapparatefabrik am Salzufer saniert und zu einem Bürogebäude ausgebaut. Das denkmalgeschützte Gebäude war 1925 nach Plänen des Siemens-Hausarchitekten Hans Hertlein gebaut und 1974 erweitert worden. Mittlerweile sind 80 Prozent des sanierten Gebäudes an DaimlerChrysler und Bosch-Siemens-Hausgeräte vermietet. "DaimlerChrysler ist vom Potsdamer Platz ans Salzufer gezogen, weil hier die Mieten günstiger sind", sagt die Tercon-Marketingleiterin Daniela Thürsam. Bosch hat neben Büros am Salzufer auch einen Ausstellungsraum gemietet, in dem das Unternehmen Schaukochen veranstaltet und Küchengeräte präsentiert.

Das Areal der Tercon ist der westliche Teil der insgesamt 20 Hektar großen "Spreestadt Charlottenburg", die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als "wichtigstes Stadtentwicklungsgebiet in der westlichen Berliner Innenstadt" betrachtet wird. "Vom Bauvolumen her wird es größer als alles, was sich derzeit rund um die Gedächtniskirche abspielt" sagt Charlottenburgs Baustadträtin Beate Profé.

Im östlichen Teil der künftigen "Spreestadt" entsteht auf dem ehemaligen Gelände der Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM) an der Wegeleystraße ein neues Stadtviertel mit mehreren Wohn-, Büro- und Geschäftsgebäuden sowie einer Kita und einem Hotel. Zwischen den Neubauten, die die Theseus Immobilien GmbH errichtet, sollen die denkmalgeschützten Bestandsgebäude der KPM erhalten bleiben und auch weiter Porzellan produziert werden.

Den städtebaulichen Wettbewerb für das Mittelstück der künftigen "Spreestadt" hat das Architektenbüro Hemprich / Tophof gewonnen. Sie planen auf dem 55.000 Quadratmeter großen Areal nördlich der Mercedes-Niederlassung 400 Wohnungen, eine Kita, Läden und Büroflächen zu errichten. Investor ist Officina, eine Immobiliengesellschaft von DaimlerChrysler. Sie planen, ebenso wie die Tercon nebenan, an der Spree ein Hochhaus zu errichten.

"Die Harmonisierung der einzelnen Entwürfe untereinander wird aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen", sagt Beate Profé. Die Tercon sieht auf dem ehemaligen Siemens-Gebäude zwei Gewerbebauten mit rund 45.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche am Landwehrkanal vor. Zur Spree hin sollen Wohnungen entstehen. Das Wettbewerbsverfahren haben hier zwei Architektenbüros für sich entschieden. Meyer, Ernst und Partner haben die Gewerbetrakte entworfen. Ein glasüberdachtes Atrium und eine ökologische Bauweise sollen ein angenehmes Arbeitsklima in den Bürohäusern schaffen. Das Büro Gruber & Kleine, Kraneburg hat das Wohngebäude am Wasser entworfen. Es soll sich in Form eines Mäanders an der Spree entlang schlängeln. Obwohl auch hier Backstein als Fassadenmaterial vorgesehen ist, will die Tercon-Marketingleiterin Daniela Thürsam von Parallelen zur Abgeordnetenschlange auf dem Moabiter Werder nichts wissen. "Durch die Mäanderform wollen wir erreichen, dass möglichst viele Bewohner den Blick auf die Spree geniessen können." Diesem Zweck sollen auch unterschiedliche Gebäudehöhen dienen, die in einem 15-stöckigen Turmhaus gipfeln sollen. "In dieser repräsentativen Lage planen wir loftartige Eigentumswohnungen mit großer Grundfläche und Terrassen", sagt Daniela Thürsam.

Gesplitteter Bauplan

Bis zum Herbst hofft die Tercon Baurecht zu erhalten, um möglichst bald mit dem Bau beginnen zu können. "Es wird aber voraussichtlich noch etwas länger dauern", sagt Charlottenburgs Baustadträtin. "Wir müssen zuvor die gesamte Spreestadt erschließen." Denn auf dem ehemaligen Industriegebiet entlang der Spree gibt es keine öffentlichen Straßen und Wege. Da die verschiedenen Investoren auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bauen wollen, soll der Bebauungsplan für die "Spreestadt" in einzelne Teile aufgesplittet werden. "Denn wir wissen ob der Eiligkeit der Investoren", sagt Beate Profé. Außerdem müssten die Planungen für die einzelnen Bestandteile aufeinander abgestimmt werden. So ist zum Beispiel noch nicht sicher, ob auch jedes der geplanten Hochhäuser ihre vorgesehene Höhe erreichen wird. "In den Grundsatzfragen sind wir uns einig. Aber über die Einzelheiten wird es noch ein längeres Feilschen geben", erwartet die Stadträtin. Im September will die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das Ergebnis der Verhandlungen zur "Spreestadt" ausstellen.

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