Zeitung Heute : Sprengstoff bloß zum Spaß

Tunichtgut statt Terrorist – ein Prozess in Heidelberg

Benno Stieber[Heidelberg]

Wie so oft vor Gericht: Angeklagte stellt man sich anders vor. Als Osman P. an diesem Morgen in Fußfesseln vor die zweite Strafkammer des Landgerichts Heidelberg geführt wird, hat er die gegelten Haare zu einem kleinen Zopf zusammengebunden. Er trägt einen Kinnbart und lange Koteletten. Osman P., 25, soll ein islamistischer Terrorist sein. Er soll einen Sprengstoffanschlag auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Heidelberg geplant haben.

Vergangenen September, am Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center, habe er eine Bombe auf dem Army-Gelände zünden wollen, „in Manifestation einer menschenverachtenden Weltanschauung“ und in „glühender Verehrung zu Osama bin Laden“. So steht es in der Anklage. Seine Verlobte Astrid E., 23, US-Bürgerin und angestellt in einem Laden auf dem Gelände, sollte ihm dabei helfen. Seit vergangenen Freitag sitzt sie mit Osman P. auf der Anklagebank.

Frühmorgens, am 5. September 2002, stürmte ein Sonderkommando die Wohnung des Pärchens mitten im badischen Städtchen Walldorf. Die Beamten fanden Chemikalien, die zur Herstellung von Sprengstoff geeignet seien. 130 Kilogramm Sprengsalpeter ließen sich damit herstellen, hieß es damals. Dazu Metallrohre, eine Zeitschaltuhr – und ein Bild von Osama bin Laden.

Die Nachricht von der Islamisten-Zelle mitten in der deutschen Provinz passte in die Zeit. So kurz vor dem ersten Jahrestag des Terrors in New York verging kaum ein Tag ohne Anschlagswarnungen. Und außerdem war Wahlkampf. Noch am Abend der Festnahme lobte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Schäuble den Fahndungserfolg. Der Täter sei ein strenggläubiger Muslim, der Amerika und die Juden hasse. Aus der Ferne diagnostizierte Günther Beckstein, damals Sicherheitsexperte im Schattenkabinett der Union, einen Al-Qaida-Hintergrund. Und Kanzlerkandidat Stoiber wusste 48 Stunden später, wie man solcher Umtriebe künftig Herr werden könne. Ausländer, die unter Terrorverdacht stünden, müssten sofort ausgewiesen werden, sagte er. Der Angeklagte ist in Heidelberg geboren, er ist Türke.

Acht Monate später scheint der Fall anders zu liegen. Aus den 130 Kilo Chemikalien zum Bombenbau sind in der Anklageschrift 384 Gramm Schwarzpulver geworden. Der Rest ist Dünger. Er war wohl für die Hanfplantage gedacht, die das Paar in seiner Dreizimmer-Wohnung anlegen wollte.

Osman P. ist kleinkriminell, das sagt er vor Gericht selbst. Er hat Vorstrafen wegen Raubes und einer Haschisch-Sache. Aber ein Terrorist? Eher ist er wohl ein Tunichtgut. Zwei Ausbildungen hat er abgebrochen, erst die dritte zu Ende gemacht. Als er noch bei seinen Eltern wohnte, gab es oft Ärger mit seinem Vater. Der hätte seinen Jungen lieber in der Moschee gesehen als vor dem Supermarkt, wo er mit Freunden kiffte und trank.

Der Junge spielte auch gern mit Böllern. Er habe sie begeistert zerlegt und in Gläsern und Plastikkästen explodieren lassen, erzählt er dem Richter. Er sei dafür bekannt gewesen. „Schwarzpulver ist meine Leidenschaft“, sagt er. Und seit er bei einer Chemiefirma in Karlsruhe arbeitete, saß er an der Quelle.

Das Gericht versucht, P.’s Gesinnung zu erforschen, hält ihm seine Aussagen über Israel und bin Laden aus der Polizei-Vernehmung vor. Einigen Unsinn hat er da von sich gegeben. Aber nichts, was man nicht so ähnlich auch an jedem Stammtisch hören kann. Die Staatsanwaltschaft hofft nun auf die einzige Belastungszeugin, Christine A. Sie hat mit Osmans Verlobter in dem Laden auf dem Militärgelände gearbeitet. Von der will sie erfahren haben, dass die beiden einen Anschlag planten. Ob die Zeugin jedoch überhaupt erscheint ist unklar. Sie lebt inzwischen in den USA. Und sie gilt als psychisch labil.

Am Ende könnte von der Anklage wenig übrig bleiben: Sprengstoffbesitz und Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz hat P. ja bereits gestanden. Aber Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens aus Sympathie zu Al Qaida? Steffen Kling, der Anwalt von Astrid E., findet einen Vergleich für dieses Verfahren: „Es ist, als wollte der Staatsanwalt ein Hühnerei in einem 5000-Liter-Kessel kochen“, sagt er. „Und jetzt können sie das Wasser nicht einfach wieder ablassen.“

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