Zeitung Heute : Sprengstoff im Haus

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Von Armin Lehmann und Charles A. Landsmann

Der Terror ist nicht besiegt, sondern nur kurzfristig zurückgedrängt worden. Das ist die Meinung aller israelischen Experten auf die Frage, warum es in den letzten Wochen keine Selbstmordattentate mehr gegeben habe. Israels Armee hat in der Terrorhochburg Dschenin – Stadt und Flüchtlingslager – rund 90 Prozent der terroristischen Infrastruktur zerschlagen, in den anderen fünf Westbankstädten aber erheblich weniger.

Nach israelischen Angaben sind unter den insgesamt rund 4500 festgenommen Palästinensern 1450, die an Terrorakten gegen Israel beteiligt waren, „70 Prozent“ der so genannten operativen Köpfe. „Das heißt für den Augenblick, dass sie keine Direktoren haben“, sagte Oberst Miri Eisin vom israelischen Geheimdienst. Auch diese Zahl kann als Indiz dafür gewertet werden, warum derzeit keine Attentate verübt werden.

Die israelische Offensive hat möglicherweise auch auf palästinensischer Seite zu einer Taktikänderung geführt. Ein in den Untergrund der größten Westbankstadt Nablus abgetauchter Kommandant der Al-Aksa-Brigaden, mit dem Kampfn Abu Mujahed, kündigte an, dass die Terrorkommandos von Arafats Fatah-Bewegung keine Selbstmordattentäter mehr nach Israel senden werden. Abu Mujahed stellte allerdings zudem klar, dass es weiterhin Selbstmordanschläge geben werde: gegen Siedlungen und israelisches Militär.

Nach Angaben von Oberst Eisin war die israelische Armee selbst überrascht von dem Ausmaß an Waffen und terroristischem Material, das in den Städten des palästinensischen Autonomiegebiets gefunden wurde. In jeder Stadt, in die die Armee gekommen sei – Bethlehem, Dschenin, Ramallah – habe man zudem Dokumente des radikalen Flügels der Fatah, Al Aksa, sichergestellt, deren Kopf, Marwan Bargouti, von Israel festgenommen worden war. Nach Ansicht des israelischen Geheimdienstes hat es in diesem Jahr einen internen Konkurrenzkampf über die Machthoheit zwischen Hamas, Islamischer Dschihad und Al-Aksa-Brigaden gegeben, wobei es vor allem um Geld gegangen sei. Nach Angaben von Eisin kommt das Geld für den Islamischen Dschihad, „direkt aus Damaskus nach Dschenin“. Es wird vermutet, dass die gewachsene Anzahl terroristischer Akte der Al Aksa (in diesem Jahr mehr als der Islamische Dschihad) auch damit zu tun hat, mehr Geld von Sponsoren einzutreiben, um im Konkurrenzkampf zu bestehen und um weitere Anschläge verüben zu können. Allein in Nablus hat die israelische Armee nach eigenen Angaben 18 Sprengstofflabore gefunden, „jedes einzelne in zivilen Wohnhäusern, darunter ein Gebäude der Palästinenser-Behörde“. Ebenfalls in Nablus wurden 24 so genannter Sprengstoffgürtel gefunden, die sich die Selbstmordattentäter um den Körper schnallen.

Zum Zusammenhang zwischen Ideologie und Terror verwies der israelische Geheimdienst auf einen vermeindlichen Randaspekt: In den palästinensischen Schulbüchern fehle immer eine Angabe: der Staat Israel. Dafür sei Palästina als ein Staat eingezeichnet – einschließlich Jordaniens.

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