Zeitung Heute : Sprengstoffattrappe: Vater droht Ausweisung

Der Tagesspiegel

Von Lars von Törne

Das Bild wurde zum Symbol für die Angst vor einem neuen Fanatismus in Deutschland lebender Araber. Jetzt ist der Vater, der bei der pro-palästinensischen Demonstration vor knapp zwei Wochen seine minderjährigen Kinder mit Sprengstoffattrappen ausstaffiert hatte, von der Polizei ausfindig gemacht worden. Es handelt sich um einen 33-jährigen Palästinenser aus Libanon, der seit eineinhalb Jahren mit seiner Frau, der Tochter und den beiden Söhnen in Tempelhof lebt. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit. Ihm wird die öffentliche Billigung von Strafttaten zur Last gelegt. Der Mann wurde erkennungsdienstlich behandelt und anschließend wieder entlassen. Eine Aussage zu den Vorwürfen gegen sich hat er bislang aber nicht gemacht.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) begrüßte den Fahndungserfolg seiner Beamten als „hervorragend“. Der 33-Jährige konnte nach Angaben der Staatsanwaltschaft ausfindig gemacht werden, weil jemand aus seinem Umfeld nach der Veröffentlichung des Bildes den Behörden einen Hinweis gegeben habe. Am Mittwochvormittag wurde der Vater von Polizeibeamten und einem Dolmetscher zur Vernehmung abgeholt. Nach Angaben von Justizsprecher Sascha Daue habe der Familienvater bis auf die Angaben zur Person bislang aber keine Stellungnahme abgegeben. Er wurde fotografiert und musste seine Fingerabdrücke abgeben, danach durfte er wieder zu seiner Familie zurück. „Die Beamten haben ihm ein Vernehmungsangebot gemacht, jetzt muss er sich in den nächsten Tagen entscheiden, ob er aussagt“, sagte Daue. Sobald der Tatverdacht gegen ihn als hinreichend eingestuft wird, werde die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Palästinenser erheben. Bei einer Verurteilung drohen ihm eine Geldstrafe oder gar Gefängnis bis zu drei Jahren.

Darüberhinaus könnte eine Verurteilung zumindest theoretisch den Aufenthalt der Familie in Deutschland beenden. Die fünf haben seit November 2000 einen Duldungsstatus, weil sie nach derAusreise aus dem Libanon einen Asylantrag gestellt haben. Dass sie nach einem Urteil dorthin abgeschoben werden, ist allerdings höchst unwahrscheinlich, wie Körting-Sprecherin Henrike Morgenstern sagt. Zwar werde parallel zum laufenden Strafverfahren ermittelt, welche ausländerrechtlichen Möglichkeiten es gebe. Die Ausstellung der für eine Ausweisung nötigen Heimreisedokumente durch den libanesischen Staat habe sich jedoch wiederholt als „sehr schwierig“ erwiesen.

Das Bild mit dem schnauzbärtigen Palästinenser, der ein kleines Mädchen auf den Schultern hält, an dessen Körper drei Sprengstoff-Attrappen gebunden sind, ist derweil auf doppelte Weise zum Symbol geworden: Für die einen demonstriert es einen neuen Fanatismus in Deutschland lebender Araber, die nicht einmal davor zurückschrecken, ihre Kinder mit einer Sprengstoffattrappe als Selbstmordattentäter zu verkleiden. Für die anderen ist die Tatsache, dass aus einer Demonstration mit mehr als 10 000 Teilnehmern gerade dieses eine Bild zweifelhaften Ruhm erlangte, ein Indiz für die übertriebene Angst der deutschen Öffentlichkeit vor islamistischen Extremisten. „Wir befürchten, dass es auch alle friedlich in Deutschland lebenden Palästinenser in Verruf bringt, dass die Presse immer wieder nur dieses eine Bild verbreitet“, sagte das Vorstandsmitglied der palästinensischen Gemeinde, Walid, dem Tagesspiegel.

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