Zeitung Heute : Springen, laufen, langweilen

Hartmut Scherzer

Es ist halt nicht mehr wie zu Georg Thomas Zeiten. Als der Junge aus dem Schwarzwald vor 42 Jahren in Squaw Valley die Goldmedaille in der Nordischen Kombination gewann - als erster Nichtskandinavier -, war das eine Sensation. Ein Freudentaumel erfasste die Bundesrepublik. Der "Jörgl" wurde zur Legende, war sein Gold doch das einzige neben dem der Heidi Biebl, das die Westdeutschen damals in den Rocky Mountains holten. Georg Thomas Pendant auf Seiten der DDR hieß Helmut Recknagel, der ebenfalls als erster Nichtskandinavier im Skispringen in die nordische Phalanx einbrach. Ronny Ackermanns doppeltes Silber in dieser klassischen Disziplin geht hingegen in der deutschen Sammlung von mehr als dreißig Medaillen und dem vielen Gold etwas unter.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Was auch daran liegt, dass der nordische Mehrkampf aus Skispringen und Skilaufen, seit 1924 im olympischen Programm, etwas von seiner heroischen Glorifizierung eingebüßt hat. Der altehrwürdige Zweikampf wurde verdreifacht und irgendwie verwässert. Erst wird kurz gesprungen und lang gelaufen, dann weit geflogen und schnell gesprintet. Dazwischen alles noch einmal als Mannschaftswettbewerb. Und vorne sind immer dieselben: dreimal Gold für den Finnen Samppa Lajunen, dreimal Bronze für den fröhlichen Österreicher Felix Gottwald. Hätte der verbissene Thüringer aus der Rhön nicht beim ersten Laufen schwere Beine gehabt, wäre statt des vierten Platzes ein drittes Silber für Ronny Ackermann drin gewesen. Wo bleibt da die Abwechslung?

Der sechste und letzte Wettkampftag der Kombinierer in Soldier Hollow wurde in ganzen zwanzig Minuten erledigt - ohne jegliche Spannung. Jeder spulte die 7,5 Kilometer für sich allein herunter nach den Abständen, die das Springen vorgegeben hatte. Lediglich Gottwald verdrängte den Finnen Jaako Tallus noch vom Bronzeplatz. Geblieben von den alten Zeiten ist der olympische Zwei-Tage-Rhythmus. Und der ist nicht mehr zeitgemäß. "Einen Wettkampf an zwei Tagen sind wir nicht mehr gewohnt, und ich finde das auch nicht gut", sagte Ronny Ackermann. "Das ist sehr altmodisch. Ich habe alles an einem Tag lieber. Das ist auch attraktiver für die Zuschauer. Wen reizt es schon, sich einen Wettkampf an zwei Tagen anzusehen?" Vor allem, wenn der zweite Tag nicht länger als eine langweilige Viertelstunde dauert. Für Spannung hätte nur Ronny Ackermann sorgen können, wenn er dem Finnen die 15 Sekunden Vorsprung auf den drei Runden noch abgenommen hätte.

Und wann wird Ronny Ackermann ganz oben auf dem olympischen Treppchen stehen? Immerhin hat der Thüringer gemeinsam mit den Talenten Björn Kircheisen, Georg Hettich und Marcel Höhlig nach vierzehn Jahren wieder eine Medaille der Kombinierer für Deutschland gewonnen, und nach 22 Jahren die erste als Einzelkämpfer. Gold in vier Jahren in Turin ist deshalb das große Ziel des 24 Jahre alten Sportsoldaten aus Unteralba, um sich den drei großen deutschen Athleten der Nordischen Kombination anzuschließen: Ullrich Wehling (Olympiasieger 1972, 1976, 1980), Franz Keller (1968) und eben Georg Thoma.

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