Zeitung Heute : Sprüche klopfen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

Manchmal erkenne ich mein eigenes Kind nicht wieder. Die Verwandlung von der Schönen zum Biest dauert nur einen Wimpernschlag, ebenso von der Furie zu einem Reh. Neulich mutierte Charlotte zu einer Erleuchteten, einer Seligen. Mitten in einem Gespräch über die Dinge des Lebens schaute sie mir tief in die Augen: Mama, du bist Brot für mich. Mir war an diesem Tag aber gar nicht so selig zumute, deswegen guckte ich nur begriffsstutzig. Wie denn, was denn? Graubrot, Stulle, Schrippe? Liebe Mama, ich brauche dich wie mein tägliches Brot, ohne dich kann ich nicht leben, fuhr meine Sanfte fort, griff meine Hand, senkte den Blick und verharrte in Stille.

Das hielt etwa fünf Sekunden an. Dann blitzten die Äuglein wieder wie gewohnt, meine Tochter holte aus zum Gegenschlag: So, und was bin ich für dich? Nun sag schon! Ich saß da und stotterte hilflos. Mein Sonnenschein vielleicht oder das Licht meines Lebens, etwa mein Augapfel, meine Seele, mein Herz, mein Ein und Alles, mein Goldschatz? Goldschatz gefiel Charlotte am besten. Da bin ich richtig wertvoll, meinte sie, gewohnt unfromm in materialistischen Kategorien denkend. Wir konnten uns wieder den alltäglichen Dingen des Lebens zuwenden. Für das Kind war der Fall erledigt.

Ich aber grübelte am Abend darüber, ob mir nicht etwas Besseres einfallen wollte. Es steht nämlich eine weitere Herausforderung im Raum: der Eintrag ins Freundschaftsbuch. Das sind die Poesiealben heutiger Mädchen. Name, Alter, Größe, E-Mail, Lieblingsfilm usw usf. anzugeben, ist natürlich kein Problem. Aber es gibt noch die Rubrik. „Mein Spruch für dich“. Da muss was ganz Persönliches hin, das sowohl die ungeheure Mutterliebe als auch den originellen Mutterwitz erkennen lässt. Eine unlösbare Aufgabe für ein eher unpoetisches, nüchternes Wesen wie mich.

Schon früher bei den Poesiealben meiner Schulfreundinnen habe ich Seelenqualen gelitten. Zwar kann ich mich an keinen einzigen Spruch mehr erinnern. Aber fantasieloser als das, was meine Freundinnen so niederschrieben, kann es auch nicht gewesen sein. Die Seiten in meinem Poesiealbum sind von Lebensweisheiten gefüllt wie „Lebe glücklich, lebe froh wie der Mops im Haferstroh“ oder „Üb’ immer Treu und Redlichkeit bis an Dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab“. Uns Kindern der sechziger Jahre war nichts zu platt. Ein Spruch allerdings, der war bei uns richtig verpönt: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Trotzdem fand sich das Goethe-Wort in jedem Album wieder. Bei mir hatte ihn Meike S. eingetragen. Sie wurde nie wieder zum Geburtstag eingeladen.

Übrigens, die Sache mit dem Brot hatte Charlotte im Religionsunterricht gelernt und in einem Bild fixiert. Das bist du, sagte sie. Der dicke Laib Brot war mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Leider habe ich es immer noch nicht geschafft, ein Gleichnis fürs Freundschaftsbuch zu finden.

Poesiealben und Freundschaftsbücher gibt es in Kaufhäusern und Schreibwarengeschäften.

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