Zeitung Heute : Sprühend vor Spaß

Eine Berliner Demo für das Recht auf Graffiti

Ariane Bemmer

Den hellblauen Durchschlag hat der Junge zwei Mal gefaltet, seine Ohren glühen rot. Eine Strafanzeige. Weil er sich das T-Shirt übers Gesicht gezogen hat. Verstoß gegen das Vermummungsverbot. Das gibt Ärger zu Hause. Dabei war mir doch bloß übel, ruft der Junge, der sich Sord nennt, wenn er malt. Er ist unglücklich jetzt, dabei war vorhin alles noch ein toller Spaß.

Da ist er mit rund 100 anderen Jugendlichen durch Berlin gezogen, durch die schicken Einkaufsstraßen von Mitte, die am Sonnabendnachmittag voll waren mit Touristen, die verschreckt ihre Taschen fester griffen, als der Tross vorbeizog, bis nach Kreuzberg. Die Jugendlichen haben zu große Füße, zu große Ohren und flaumigen Bartwuchs. Sie tragen tief hängende Hosen, in deren Taschen sie die Hände nur versenken können, wenn sie den Rücken krümmen. Und die meisten von ihnen sind Straftäter nach dem 39. Strafrechtsänderungsgesetz.

Dort steht: „Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert.“ Es ist das Graffiti-Bekämpfungsgesetz, das seit September 2005 gilt. Zwei Jahre Haft sind seitdem möglich.

Dagegen sind sie auf die Straßen gegangen. Weil das, was die anderen Sachbeschädigung nennen, für sie Kultur ist, die nicht kriminalisiert gehört. So formulieren es die Veranstalter der Demonstration: ein Bündnis aus Jugendclubs, Künstlern und Sozialarbeitern, es heißt Prograffiti. Eine Sprecherin sagt: Nötig sind legale Flächen zum Sprühen. Sord aber sagt, das Illegale sei ja gerade der Kick.

Graffiti muss also illegal bleiben, für den Kick, aber Graffitisprayer sollen nicht kriminalisiert werden. Das ist die Botschaft dieses Nachmittags, und die bleibt außerhalb der Sprayerszene ebenso unerklärlich wie die Bedeutung der hingesprühten Zeichen, Tags, Bombings.

Sord ist auch schon erwischt worden, mehrmals. Er sagt „egal“ und zeigt Fotos auf seinem Handy von Bildern, die er gesprüht hat. Sein Name, riesig, in roten und gelben Farben auf einer Wand. Manchmal nimmt er 18 Dosen mit, wenn er malen geht. 50 Euro zahlt er dafür, aber was er im Gegenzug bekommt, ist unbezahlbar. Es ist der Respekt der anderen Jugendlichen. Das ist, was zählt. Nicht irgendwelche Unbefugtheiten.

Die Demonstranten haben einen Transporter dabei, auf dem ein DJ Hiphop-Musik auflegt. Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut. Manchmal werden Parolen gerufen, aber immer nur kurz. Anfangs politisch angehauchte, etwa: „Bunte Wände muss es geben – für ein selbstbestimmtes Leben“, später grölen sie: „Olé, olé, olé, olé, alles voll schmieren!“

Das Vollschmieren in Zahlen: 50 Millionen Euro Schaden jährlich in Berlin, bis zu 500 Millionen Euro im Bundesgebiet. Vor einem Jahr haben 1486-PS-Hubschrauber mit Infrarotkameras an Bord Jagd auf Sprayer gemacht. Vier wurden erwischt. Man will sie nicht, die Sprayer, und man investiert viel Geld und viel Energie, um sie zu vertreiben. In Berlin hat sich vor Jahren ein Verein gegründet gegen Graffiti, der heißt Nofitti, und veranstaltet ab Mittwoch den zweiten großen Kongress. 300 Menschen sollen kommen, aus anderen Städten auch, und von Graffitibekämpfungsplänen berichten. Auch gegen den Kongress richtete sich der Protest.

Aber richtig interessiert das Sord gar nicht. Er glaubt an Respekt. Und für später stellt er sich vor, dass es kein Problem ist, wenn man sich als Grafikdesigner bewirbt und in der Akte viele Anzeigen wegen Sachbeschädigung hat. Er stellt sich vor, dass die fragen, was los war, und wenn er sagt Graffiti, dann ist alles cool. Was sie aber zur Anzeige wegen des Vermummungsverbots sagen, weiß er nicht.

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