Zeitung Heute : Sprung in die Tiefe

Ihr Wahlkampf, ihre Mehrwertsteuer, ihr Kirchhof – ihre Niederlage. Der Schock der Angela Merkel

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So sieht also der Anfang vom Ende aus. Seit dem frühen Nachmittag haben sie es auf sich zu rollen sehen im KonradAdenauer-Haus, als die Demoskopen erste Prognosezahlen intern durchgaben. Es ist trotzdem sehr still geworden im CDU-Präsidiumszimmer im fünften Stock, als um 18 Uhr die Fernsehsender das Urteil verkünden. Unten im Foyer und in dem großen Zelt, das die CDU zur Siegesfeier aufgebaut hat, sind die meisten der gut 3000 Gäste um diese Zeit noch ahnungslos. Sie höhnen, als der rote Balken für die SPD bei 33 stehen bleibt. Sie heben die Hände zum triumphalen Applaus. Aber der schwarze Balken endet bei 35,5. Drei, vier klatschen los. Die anderen starren ungläubig auf den Bildschirm.

Es ist ein furchtbares Ergebnis für Angela Merkel. Das drittschlechteste in der Geschichte der CDU, nur ein paar Zehntelprozentpunkte besser als Helmut Kohl bei seiner Abwahl 1998. Kaum ein Prozent mehr als Gerhard Schröders SPD werden abends die letzten Hochrechnungen ausweisen, und einige schließen nicht mal aus, dass Union und SPD am Ende die gleiche Zahl Sitze haben werden. Die Kanzlerkandidatin hat die Wahl wohl noch gewonnen. Aber um welchen Preis!

Eine Dreiviertelstunde später steht Merkel auf der Bühne. Links neben ihr Volker Kauder, ihr General und Wahlkampfmanager, rechts Stoiber. Kauder kneift die Augen hinter seiner runden Brille. Stoiber sieht vergleichsweise ganz frohgemut aus. Die CSU, wird er gleich anmerken, habe „wieder ein überdurchschnittliches Ergebnis“ beigetragen. Das stimmt schon, auch wenn es sehr viel weniger ist als zu seiner Kanzlerkandidatur. Aber Merkel ist schlechter als er es 2002 war, sehr deutlich schlechter als er.

Die Kandidatin lässt sich nichts anmerken. Wer mit dem Rücken zur Wand steht, mag sie sich denken, kann eh nur noch voran. „Rot-Grün ist abgewählt in Deutschland“, sagt sie. Ihre Leute fangen an zu jubeln. „Die Union hat einen klaren Auftrag, unter schwierigen Bedingungen eine Regierung zu bilden“, sagt Merkel. Der Jubel steigert sich zum „Angie, Angie“-Sprechchor. Ist nicht alles verloren?

Es bleibt ein furchtbares Ergebnis. Um so schlimmer, als es völlig unerwartet kommt. Noch am Freitag hatten die letzten veröffentlichten Umfragen darauf hingedeutet, dass der Wiederaufstieg des Gerhard Schröder nur eine kurze Delle im Trend war, einem Trend, der seit vielen Monaten unablässig für die Union gearbeitet hatte. „Vielleicht kam die Schröder-Euphorie zu früh“, hat noch am Freitag bei der CDU-Schlusskundgebung im Berliner Tempodrom ein Christdemokrat gesagt. „Kann sein, das ebbt jetzt ab.“

Am Sonntag steht ein anderer Christdemokrat kopfschüttelnd im Adenauer-Haus. „Wir haben alle Schröder nicht mehr auf der Rechnung gehabt“, gibt er zu. „Wir haben gedacht, der ist sowieso erledigt.“ Der Gedanke schien zu absurd, dass die Leute je vergessen könnten, wie es zu dieser Wahl gekommen ist – nach der verheerenden SPD-Niederlage in Nordrhein-Westfalen, die ja nur die letzte in der Serie rot-grüner Niederlagen war, nach der Vertrauensfrage. Dass die SPD-Wahlkämpfer nach alledem ausgerechnet „Vertrauen“ als Losung auf Schröder-Plakate schrieben! War im Willy- Brandt-Haus die Ironie ausgebrochen?

Dann das Fernsehduell, fast zeitgleich begann Merkels vermeintlicher Personalcoup Paul Kirchhof die Umfragewerte zu belasten. Der Professor mit dem Radikalreformgerede bietet der SPD das Schreckbild, das sie brauchte. Das hat allen in der Union einen Mordsschrecken eingejagt. Trotzdem haben die CDU-Wahlkämpfer weiter gedacht, irgendwann müsse doch die Fassade des Gegners von selbst bröckeln, dieser gut gelaunte Kanzler sich geschlagen geben. Aber Schröder hat sich überhaupt nicht geschlagen gegeben. Und Merkel?

Vielleicht kann man die Geschichte dieses Wahlkampfs am besten an einer anderen illustrieren, dieser ganz alten von Merkel und dem Sprungbrett. Wie die Zwölfjährige 1966 fast die ganze Schulstunde lang auf dem Dreimeterbrett stand, alle dachten, das wird nie was, und wie sie im letztem Moment dann doch gesprungen ist. Die Geschichte ist früher viel erzählt worden als typisches Bild für die Zaudernde. In den letzten Tagen dieses Wahlkampfs hätte man sie wieder erzählen können. Nur stand diesmal nicht Merkel oben auf dem Turm. Diesmal stand da das Volk und hat sich gefragt, ob es in die Tiefe springen soll – oder lieber den sicheren Weg zurück die Treppe runter, wo dieser nette Bademeister mit dem gewinnenden Lächeln die Arme ausbreitet. Merkel aber hat am Beckenrand warten müssen, wie die da oben sich entscheiden. Für aufmunternde Zurufe hat die Kraft gefehlt. Sicher, alle Parteien haben den „Wahlkampf bis zur letzten Minute“ ausgerufen. Sicher, Merkel ist am Sonnabend noch einmal nach Bonn gefahren, hat ihre Rede auf dem Marktplatz abgespult, sowie, wichtiger, fürs Frühstücksfoto im „Café Giaccomo“ – Seite an Seite mit dem Bonner Guido Westerwelle. Eine Art optische Leihstimmenkampagne war das, die Erinnerung für taktische Unionswähler: Denkt an die FDP. Und wie die daran gedacht haben!

Taktisches Wählen zugunsten der FDP ist ein Grund für das furchtbare Ergebnis. Einen anderen hat erahnen können, wer am Sonntagnachmittag die Meldung mitbekam, dass in Nordrhein-Westfalen die Wahlbeteiligung außergewöhnlich hoch war. Für die alten Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr ist es eben vielleicht doch die eine Sache, bei einer Landtagswahl zu Hause zu bleiben und einen Ministerpräsidenten fallen zu lassen als letzte Warnung an den eigenen Kanzler – aber eine ganz andere, diesen Kanzler zu stürzen.

Sie haben ihn nicht gestürzt. Wenn es ans Stürzen geht, wird man in der nächsten Zeit wohl doch eher über Merkel nachdenken müssen. Eine Idee, die sich an diesem Wahlabend übrigens alle einschlägig Verdächtigen verbitten. „Angela Merkel war unsere erste Frau“, sagt zum Beispiel der Baden-Württemberger Günther Oettinger. „Aber sie war bei uns im Team. Deshalb gibt es keine Personaldebatte.“ Oder nehmen wir den Niedersachsen Christian Wulff: „Man gewinnt gemeinsam, man verliert gemeinsam. Deswegen wird es in der Union keine Personaldebatte geben.“ Oder, als letzter in der Reihe, Roland Koch aus Hessen: „Wir haben keine Zeit für Personaldebatten.“ Im Präsidium – Koch und andere waren schon in Fernsehstudios unterwegs und nur telefonisch zugeschaltet – sei über Personen gar nicht geredet worden, sagt Koch, nur darüber, wer jetzt wo was sagt. „Das ist kompliziert genug.“

Keine Zeit für Personaldebatten also. Vorerst. Nur Friedrich Merz merkt schon mal an, dass in diesem Wahlkampf „nicht alles optimal gelaufen ist“. Und lange vor dem Wahlabend sind sich viele einig gewesen: Wenn Merkel keine schwarz-gelbe Regierung bilden kann, wenn sie in eine große Koalition gezwungen würde – das wäre der Anfang vom Ende. Denn die Kanzlerin der großen Koalition müsste Kompromisse verteidigen, während aus den Ländern die reine Lehre verkündet werden könnte. Und dann würde sehr bald einer fordern, dass die große, selbstbewusste Volkspartei mit einer klaren Stimme sprechen müsse, weshalb die Kanzlerin den Parteivorsitz besser abgeben solle. So sieht ein Ende in Etappen aus. Falls es so weit überhaupt kommt.

Vor zwei Tagen, am Freitagabend, ist Angela Merkel zur Schlusskundgebung ins Berliner Tempodrom eingezogen. Sie kam ganz alleine. Kein Kamerapulk, keine Jubelschüler im orangefarbenen Kampagnen-T-Shirt, nicht mal einer der Sicherheitsleute. Nur die Kanzlerkandidatin. Es war ein symbolisch aufschlussreiches Bild. Denn es ist ihr Wahlkampf gewesen, im Guten wie im Schlechten. Ein Alleingang, teils gewollt, teils erzwungen. Ihr Wahlkampf, ihre Mehrwertsteuer, ihr Kirchhof. Also auch ihr furchtbares Ergebnis.

Sie werde jetzt mit allen Parteien über ein Koalition reden, hat Merkel angekündigt. Natürlich mit der FDP, auch mit den Grünen, auch mit der SPD. Eine schwarz-gelb-grüne Ampel? „Jamaica-Koalition“ heißt die sofort, wegen der Flagge der Karibikstaates. Christian Wulff ist übrigens sofort dagegen: „Ich halte es für falsch, würde man jetzt mit den Grünen eine Mehrheit anstreben.“

So sieht also der Anfang vom Ende aus.

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