Zeitung Heute : Sprung ins Vergnügen

„Dido & Aeneas“ kehrt nach Berlin zurück: Sasha Waltz & Guests führen die choreografische Oper in der Berliner Waldbühne auf – und laden zu einem großen Fest der Kunst und Natur

Es ist ein atemberaubendes Bild – im wahr- sten Sinne des Wortes. Ein großes Aquarium, Tänzer, Stille, plötzlich ein Sprung ins goldschimmernde, strudeldurchzogene Wasser. Gesichter tauchen im nassen Element auf, vergehen wieder. Wie Neugeborene wirken sie, zugleich aber wie mythisch überhöhte Wesen, Götter oder Helden, ein sinnlicher Gruß aus der Antike. Wie Sasha Waltz 2005 im Grand Théâtre de Luxembourg den Beginn von Henry Purcells Oper „Dido & Aeneas“ in Bilder fasste, war in mehrfacher Hinsicht ein kühner Akt.

Das Wasser symbolisierte nicht nur die Wogen des Mittelmeers, die Aeneas nach seiner Flucht aus Troja durchquert, sondern auch ein erfrischend neues Inszenierungskonzept: die choreografische Oper, die Sänger, Tänzer, Choristen in einer neuartigen, bis dahin nicht gekannten Einheit und Eleganz verschmolz. Lebenspralle, bunte Farben und die punktgenaue Vertonung der Akademie für Alte Musik Berlin und des Vocalconsort Berlin machten die Aufführung zu einem Ereignis. Sie war nach der Uraufführung in Berlin allerdings nur noch in zwei Serien an der Staatsoper Unter den Linden zu sehen.

Jetzt kehrt sie nach Berlin zurück: Am 27. August wollen die drei freien Ensembles Akademie für Alte Musik Berlin, Vocalconsort Berlin und Sasha Waltz & Guests mit dem Radialsystem in einem großen Fest „Dido & Aeneas“ in der Waldbühne wieder aufführen – und damit zugleich auch ein Jubiläum feiern. Denn bei der Arbeit an dieser Produktion hatten sich Jochen Sandig und Folkert Uhde kennengelernt. Uhde war damals Manager der Akademie für Alte Musik Berlin, Sandig hatte die Company „Sasha Waltz & Guests“ und die Sophiensaele mitbegründet. Beide teilten die Leidenschaft und die Lust auf neue Präsentationsformen für barocke und zeitgenössische Musik. Vor fünf Jahren eröffneten sie mit dem Radialsystem V am Friedrichshainer Spreeufer einen der spannendsten und innovativsten Kunstorte Berlins. So erzählt Purcells Oper nicht nur vom Gründungsmythos der Stadt Rom. Sie wurde auch zum persönlichen Gründungsmythos und zur Initialzündung des Radialsystem V.

Die Idee, das Werk in die Waldbühne zu holen, wurde vor drei Jahren in Lyon geboren. „Wir führten das Stück im Amphitheater auf“, erzählt Jochen Sandig. „Ein Sturm näherte sich, die Blitze kamen immer näher. Es war eine magische Atmosphäre. Genau in dem Moment, in dem Dido das ,Lamento’ singt, prasselte es los. Die Musiker retteten sich auf die überdachte Bühne. Aber die Zuschauer gingen nicht. Sie blieben, und als alles vorbei war, forderten sie uns auf, weiterzuspielen.“

Damals sei ihm klar geworden, wie großartig dieses Werk unter freiem Himmel wirkt – und dass die Waldbühne in Berlin der perfekte Ort dafür ist. Sie wurde in den 1930er Jahren nach dem Vorbild antiker Amphitheater angelegt und wie diese in den Hang hineingebaut. Mit dem Unterschied, dass sie statt 3 000 Plätze 18 000 bietet. Meistens können nur kommerzielle Veranstalter diesen Raum füllen. Mit dem Fest am 27. August soll der Waldbühne aber etwas von dem freien, demokratischen, kunstliebenden Charakter der antiken Theater zurückgegeben werden.

„Wir machen keinen Profit an diesem Abend“, erklärt Sandig. „Vielmehr laden wir die Besucher dazu ein, an einem großen Fest der Künste und der Natur teilzunehmen, an einer wahren Oper für alle Generationen. Ein Fest, das mehr sein soll als ein normaler Theaterabend. Ein Fest, bei dem sich jeder selbst als bewusstes, lebendes, liebendes Individuum wahrnehmen kann.“

Und als Teil der Natur. Die spielt gerade in dieser von Sturm- und Meereswogen durchtosten Oper eine wichtige Rolle. Didos Liebe, die in Hass und schließlich Trauer umschlägt, kann ja fast nur mit Naturmetaphern angemessen beschrieben werden. Der tatsächliche Wald am Murellenberg soll nicht nur Hintergrundkulisse sein, sondern aktiver Teil der Inszenierung – ein ortsspezifisches Arbeiten, das das Werk nicht einfach auf den vorgefundenen Raum zuschneidet, sondern die Umwelt bei der Arbeit immer mitbedenkt. Aber trotz Naturliebe geht natürlich nichts ohne Technik. Die Sänger werden elektronisch verstärkt, anders wären sie in der Waldbühne nicht zu hören. Die großen LED-Leinwände links und rechts der Bühne sollen allerdings nicht bloß das vergrößert wiedergeben, was sowieso auf der Bühne geschieht, sondern in einem „Live Remix" künstlerisch eigenständige Bilder zeigen. Schon die Wasserszene zu Beginn dürfte großartige Möglichkeiten für den Videokünstler Lillevan bieten. Denn das Aquarium – es ist modular zerlegbar – kehrt natürlich auch zurück. Und mit ihm einige der schönsten Bilder, die je für Purcells Oper gefunden wurden. Udo Badelt

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