Zeitung Heute : Spur der Gene

Jost Müller-Neuhof

Die deutsche Polizeigewerkschaft fordert, die Erfassung von Gendaten auf alle Straftaten auszudehnen. Was wäre, wenn dies tatsächlich geschieht?

Ein Haar oder ein paar Partikel Haut genügen, und der Delinquent ist überführt. Die DNA-Identifizierung, die größte kriminalistische Revolution seit dem Fingerabdruck, feiert in der Verbrechensbekämpfung spektakuläre Erfolge. Nicht nur, wenn es wie im Fall des mutmaßlichen Kindermörders Michel Fourniret darum geht, einem Verdächtigen seine Schuld nachzuweisen. Immer wieder kommen auch in den USA Todeskandidaten frei, weil DNA-Tests sie entlasten. Ein Fortschritt, scheint es, bei dem es außer den Verbrechern nur Gewinner gibt.

Deshalb fordern neben der Polizei auch viele deutsche Innenminister, den genetischen Fingerabdruck aus seinem rechtlichen Korsett zu lösen. Bislang darf er nur genommen werden, wenn jemand Straftaten von „erheblicher Bedeutung“ wie Sexualdelikte oder gefährliche Körperverletzung begangen hat – und nach einer richterlichen Entscheidung zu erwarten ist, er werde es wieder tun. Normale Fingerabdrücke müssen Beschuldigte schon abgeben, wenn es die Polizei für hilfreich hält. Die Folge: 300 000 DNA-Datensätze sind zentral gespeichert, Fingerabdrücke dagegen mehr als zehn Mal so viele. Immerhin, schwärmt das Bundeskriminalamt, das die Datei verwaltet, hätten fast 14 000 Straftaten damit aufgeklärt werden können, vor allem Einbrüche.

Rein mathematisch ein Erfolgsmodell. Die Quote wird steigen, je mehr Datensätze in den Zentralcomputer gespült werden. Datenschützer und mit ihnen die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries warnen jedoch vor dieser Rechnung, weil mit dem DNA-Material auch Informationen etwa über die Veranlagung zu bestimmten Krankheiten übertragen werden. Sie sehen eine Missbrauchsgefahr. Andererseits ist noch kein Missbrauchsfall bekannt geworden, und auch die Wissenschaft ist sich uneins, was aus dem so genannten nicht codierenden Teil der DNA – dem Material für den genetischen Fingerabdruck – überhaupt Brisantes herausgelesen werden kann. Zypries hat zudem eine zweite Sorge, das Bundesverfassungsgericht. In der Vergangenheit hatte es die DNA-Abnahme als tiefen Eingriff in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung gebrandmarkt – und deshalb Sicherungen wie den Richtervorbehalt verlangt.

Allerdings ist die maßgebliche Entscheidung des Gerichts bald auch wieder vier Jahre alt, und der Stand der Molekulargenetik aktualisiert sich täglich. Viel spricht dafür, dass der Staat nur begrenzt Schindluder mit den Gen-Abdrücken treiben kann. Und schließlich gibt es noch den Gesetzgeber, um das Risikopotenzial klein zu halten. Die Verbrechensbekämpfung mittels DNA-Spuren steht wohl erst am Anfang.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben