Zeitung Heute : Spur der Steine

Die schottische Künstlerin Ilana Halperin ist fasziniert von der langen Geschichte der Steine.

Vin Christiane Meixner
Faszination Geologie. Ilana Halperin in der Ausstellung „Steine“ im Medizinhistorischen Museum der Charité. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Faszination Geologie. Ilana Halperin in der Ausstellung „Steine“ im Medizinhistorischen Museum der Charité. Foto: Doris...

Schöne Steine hat Ilana Halperin versammelt. Stolz wie ein Kind präsentiert sie die kleinen, rundgeschliffenen Objekte in einem großen Setzkasten aus Glas. Es sind Hunderte, ihre Formen und Farben variieren. Dennoch scheinen sie sortiert zu sein: Die Steine, die sich in den einzelnen Fächern zusammenfinden, wirken sonderbar identisch. „Die gehören immer zu einem Menschen“, meint die Künstlerin. Und wer nun zurückzuckt, weil Ilana Halperin so erschreckend selbstverständlich über Nieren-, Gallen- und Harnsteine spricht, der muss zum Verständnis ihrer Arbeit ein bisschen mehr erfahren.

Denn auch die schottische Künstlerin war nicht gleich von den pathologischen Objekten begeistert. Als eine befreundete Kuratorin sie auf die ungewöhnliche Steine-Sammlung im Medizinhistorischen Museum der Charité hinwies, fragte sich Halperin als Erstes: „Was hat das mit meiner Arbeit zu tun?“ Vulkangestein, Lavabomben, Meteoriten: Solche handfesten Phänomene interessieren sie seit Jahren. Stets geht es der 1973 Geborenen in ihren Filmen, Zeichnungen oder Installationen um „Landgewinnung“. Das eine fällt vom Himmel, das andere schießt gefährlich heiß aus der Erde hervor. Beide Male bleiben Steine zurück, die man zuvor nicht wahrgenommen hat.

Im Projektraum der Schering Stiftung – die beide Ausstellungen gefördert hat – zeigt die Künstlerin parallel zur „Steine“-Schau im Medizinhistorischen Museum ein Konzentrat ihrer Beschäftigung mit dem eher eruptiven Thema. „Hand Held Lava“ hält neben dokumentarischen Materialien feinste Zeichnungen und diverse Lavastempel von Halperin bereit. Hier hat sie neulich auch im überfüllten Raum gelesen: „Texte von Dickens bis Dickinson“, die allesamt unterstreichen sollten, wie sehr Vulkane durch die Zeiten faszinieren.

Im Hintergrund sah man dazu historische Filmdokumente über den Ausbruch diverser Vulkane wie Ätna oder Vesuv. Die Menschen weichen zurück, überlassen ihre Dörfer den glühenden Lavaströmen – und schauen doch gebannt zu, wenn die Fassaden der Häuser wie von Geisterhand berührt zusammensacken. Jüngere Videos zeigen Männer in feuerfesten Anzügen, die an Kraterrändern herumkraxeln. Andere halten Stöcke in das flüssige Gestein und freuen sich offenbar höllisch darüber, Zeugen der naturgewaltigen Spektakel zu sein.

Ilana Halperin war selbst 2001 auf Sizilien, als der Ätna Feuer spuckte. Abends beobachtete sie, wie sich die Anwohner aus sicherer Entfernung von den leuchtenden Lavaströme faszinieren ließen: „Die Menschen dort bewunderten ihren Vulkan als Teil ihres Lebens. Das war sehr aufregend.“

Eine Welt voller Vulkan-Liebhaber oder Nerds, von der man für gewöhnlich ausgeschlossen bleibt. Genau wie aus dem faszinierenden Universum jener Körpersteine, die das Medizinhistorische Museum auf dem Campusglände der Charité besitzt: Sie gilt als größte der Welt und wurde im 18. Jahrhundert mit wissenschaftlichem Ehrgeiz begonnen. Man sieht Steine in Eiform, perfekt gerundet und mit samtig weißer Oberfläche. Andere haben Ausformungen, die dem Körper echte Schmerzen bereiten. Sie heißen nicht ohne Grund „Morgensterne“, genau wie die mittelalterlichen Waffen. Manche sind wie Edelsteine aufgeschnitten, um ihr leuchtend farbiges Innenleben zu offenbaren. Und dann gibt es jene, die gelblich speckig schimmern und tatsächlich leisen Ekel erregen.

Ilana Halperin ließ sich davon dann allerdings nicht mehr abschrecken. Aus der Erkenntnis, dass diese Körpersteine viel mit den geologischen Formationen verbindet, denen sie sonst nachspürt, wuchs der Wunsch nach einer künstlerischen Auseinandersetzung. Auch mit Blick auf Halperins eigene Vergangenheit: „In New York, wo ich aufgewachsen bin, haben wir ganz in der Nähe des Naturkundemuseums gewohnt. Als Kind bin ich dort oft gewesen. Die Steine waren für uns keine toten Ausstellungsstücke, sondern gehörten zum normalen Leben.“

Diese frühe Faszination teilt sich nun in der Ausstellung mit. Die Künstlerin hat eigene Arbeiten mit Schaustücken aus dem Medizinhistorischen Museum vermischt. Kalkabsonderungen des menschlichen Körpers werden für die Dauer der Schau zu Artefakten. In einer Vitrine treffen Steine und Schneckenhäuser auf kleine Tafeln mit abstrakten Zeichnungen.

Schließlich ist Halperin während der zweijährigen Vorbereitungen für das Projekt nach Island gereist, um dort selbst geologische Formen zu produzieren. Dafür hat sie Schablonen aus Holz in die salzreiche Quelle der Badeanlage Blue Lagoon gehängt und gewartet. Bis die Salzkristalle ihre Schablonen komplett umschlossen hatten.

Die fragilen Objekte hängen ebenfalls in der „Steine“-Schau und machen deutlich, wie viel Geduld man mit der Natur als Kooperationspartner haben muss. Nervig findet die Künstlerin das nicht, sondern begreift es als Teil des Entstehungsprozesses: „Steine haben schließlich eine lange Geschichte, sie waren vor mir da und werden es noch in Jahrhunderten sein.“

Das hat sie letztlich auch an den Körpersteinen interessiert – neben ihrem ästhetischen Reiz, den man entdecken muss. Dass sie ihren Produzenten um eine halbe Ewigkeit überleben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben