Zeitung Heute : Spur des Terrors

23 Tote und 59 Verletzte: Wie gefährlich ist ein Ägyptenurlaub nach den Anschlägen von Dahab?

Andrea Nüsse[Kairo] Juliane Schäubl

Wer steckt hinter den Anschlägen?

Bekannt hat sich bisher niemand. Aus ägyptischen Sicherheitskreisen verlautete, dass zwei der drei Explosionen von Selbstmordattentätern ausgelöst worden sein könnten. Bestätigt ist das allerdings nicht. Am Dienstag wurden zehn Ägypter festgenommen. Während der ägyptische Innenminister, Habib al Adli, vor voreiligen Schlussfolgerungen warnte, wurde in der dortigen Presse über Parallelen zu früheren islamistischen Anschlägen auf der Sinai-Halbinsel spekuliert. Erste Ermittlungsergebnisse wiesen auf eine „mögliche Verbindung“ zu den Anschlägen von Scharm al Scheich im vergangenen Jahr und von Taba im Jahr 2004 hin. Für diese Anschläge war die Gruppe Al Tawhid wal Dschihad verantwortlich. Drei Mitglieder der Organisation hätten in Verhören Pläne für weitere Anschläge auf Urlaubsorte zugegeben, berichtete die Zeitung „El Ahram“. Auffällig ist, dass alle drei Anschläge an symbolträchtigen Tagen stattfanden – der jetzige erfolgte einen Tag vor dem ägyptischen Feiertag, der den Abzug Israels aus dem Sinai 1982 zelebriert. Der Islamistenexperte des Al-Ahram-Zentrums für Strategische Studien in Kairo, Dia Raschwan, sieht darin Hinweise auf eine „ägyptische Agenda“ der Täter. Eine Beteiligung der Al-Qaida-Führung schließt er aus. Weder Osama bin Laden noch sein ägyptischer Stellvertreter Aiman al Zawahiri hätten sich zu den Anschlägen der vergangenen zwei Jahre bekannt.

Wer sind die Opfer?

Das Seebad Dahab ist vor allem bei Ägyptern als Reiseziel sehr beliebt. Unter den mindestens 23 Getöteten sollen aber auch drei ausländische Touristen sein, darunter ein zehnjähriger Junge aus dem Raum Tübingen. Zwei weitere deutsche Staatsbürger, nach Angaben von Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Mutter des getöteten Jungen und deren Lebensgefährte, zählen zu den 59 Verletzten. Insgesamt sollen sich laut Deutschem Reiseverband (DRV) derzeit 300 Urlauber aus Deutschland in der Region um Dahab aufhalten. Pro Jahr würden fast eine Million Bundesbürger ihren Urlaub in Ägypten verbringen.

Wie gefährlich ist es jetzt, nach Ägypten zu reisen?

Das Auswärtige Amt in Berlin hat noch in der Nacht zum Dienstag seine Sicherheitshinweise aktualisiert. Auf der Homepage wird wie schon zuvor von einer „erhöhten Gefährdung“ im ganzen Land gesprochen. Zu „besonderer Vorsicht“ wird beim Besuch von touristischen Einrichtungen, Märkten und Einkaufszentren geraten. Und: Mit weiteren Anschlägen sei zu rechnen. Die Hinweise seien „klar und eindeutig“, so dass sich jeder überlegen könne, ob er das Risiko einer Reise auf sich nehmen wolle, sagte ein Sprecher des Amtes. Dennoch ist dies keine offizielle Reisewarnung. Die gibt es derzeit nur für sieben Länder, darunter Krisengebiete wie den Irak und Somalia. Nur bei einer offiziellen Warnung besteht das Recht auf kostenlose Stornierungen oder Umbuchungen einer Reise. Die führenden Veranstalter zeigen sich aber kulant und bieten ihren Kunden, die auf die Sinai-Halbinsel reisen wollen, kostenlose Umbuchungen. Diese Regelung gilt vorläufig bis zum 7. Mai.

Allein 2005 sind in ägyptischen Urlaubsorten drei Anschläge verübt worden. Warum ist der Terror in dem Land so verbreitet?

Aus Ägypten stammen sehr viele Terroristen des weltweiten Dschihad, des heiligen Krieges – zum Beispiel Mohammed Atta, einer der „Todespiloten“ des 11. September 2001. „Das Land hat eine lange Geschichte des Terrors“, sagt Guido Steinberg, Nahostexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Nach der Niederschlagung eines Aufstands islamistischer Extremisten in den 90er Jahren habe es zwar gedauert, bis eine neue Generation von Dschihadisten herangewachsen war. „Aber die sehen wir nun am Werk.“

Was bezwecken die Attentäter?

Die Bomben erfüllten gleich zwei Ziele, sagt Nahostexperte Steinberg. „Zum einen treffen die Islamisten damit die ägyptische Regierung, indem sie den wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes angreifen.“ Am Fremdenverkehr verdient Ägypten jährlich mehr als sieben Milliarden Dollar. „Zum anderen sollen die Anschläge demonstrieren, dass Ausländer dort nicht sicher sein können“ – und zwar so lange, wie der beschworene Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen nicht gelöst sei.

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