Zeitung Heute : Spuren der Angst

Wenn es um den Al-Qaida-Chef geht, hält sich Washington auffällig zurück. Präsident Bush spielt die Bedeutung bin Ladens sogar herunter. Dabei scheint längst klar zu sein: Die USA haben ihn entkommen lassen. Wo er ist, weiß niemand. Dass er lebt, ist nun wohl bewiesen.

Malte Lehming[Washington]

Ein knappes Jahr ist es her. Die Amerikaner sind mit sich und ihrem Krieg in Afghanistan zufrieden. Die Intervention war exakt geplant, erste Erfolge sind zu verzeichnen. Eine Stadt nach der anderen wird von der Herrschaft der Taliban befreit. Eigene Opfer sind fast keine zu beklagen. Al Qaida ist auf der Flucht. Nur von Osama bin Laden, dem Terrorfürsten selbst, fehlt jede Spur. Tot oder lebendig, so hatte es Präsident George W. Bush angekündigt, werde man den Verantwortlichen für die Terroranschläge vom 11. September bekommen. Auf dessen Kopf werden 25 Millionen Dollar ausgesetzt. Einer solchen Verlockung, das glauben die Amerikaner, könne kein Afghane widerstehen.

Am 30. November beginnen die Luftangriffe auf Tora Bora. Die Bergregion liegt im Nordosten Afghanistans an der Grenze zu Pakistan. Sie wird von einem Höhlensystem durchzogen. Hier soll sich der Al-Qaida-Chef mit einer großen Anzahl von Getreuen verschanzt haben. Funksprüche werden abgefangen. B-52-Flieger bombardieren das Gebiet. Modernste Kampfhubschrauber fliegen ihre Einsätze. Am Boden riegeln afghanische Verbündete die Fluchtwege ab. US-Spezialeinheiten greifen ein. Scharfschützen gehen in Stellung. Ihre Zielinformationen erhalten sie per Funk von den afghanischen Kämpfern. Im Pentagon ist man sich sicher, Osama bin Laden habe keine Chance.

Sehr viel kleinlauter

Heute ist klar: Die Schlacht um Tora Bora war ein Reinfall, ein gigantisches Debakel. Wahrscheinlich ist es Osama bin Laden mitsamt einem beträchtlichen Teil der Al-Qaida-Führung und etwa tausend Kämpfern gelungen, innerhalb der ersten zehn Bombardierungstage aus Tora Bora zu entkommen. Seitdem hält er sich vermutlich in Pakistan oder anderen Unterschlupf-Orten auf: Die Liste reicht von Jemen bis zu den Philippinen. Die US-Regierung jedenfalls ist seit langem sehr viel kleinlauter. Bush spielt die Bedeutung bin Ladens herunter. „Terror ist mehr als eine Person, ich bin wirklich nicht beunruhigt über ihn", sagte er im April. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wiederum bekannte im Juli vor dem Kongress: „Die Vereinigten Staaten wissen einfach nicht, wo er ist.“

Allerdings wird öffentlich nur selten über die Verantwortung für das Desaster diskutiert. Die schwersten Vorwürfe wurden vor einem guten halben Jahr in der „Washington Post“ erhoben. Die Zeitung berief sich auf anonyme Geheimdienstkreise. Demzufolge war es ausgesprochen naiv, sich auf die afghanischen Verbündeten zu verlassen. Viele sollen korrupt gewesen sein. Einer von ihnen, Hajji Zaman, soll sogar eine kurze amerikanische Feuerpause ausgehandelt haben – angeblich, um die Zivilbevölkerung zu schonen, in Wahrheit, um bin Laden zur Flucht zu verhelfen. Außerdem habe das US-Militär zu spät und zu zögerlich agiert, kritisieren Geheimdienstexperten. US-Bodentruppen hätten viel früher eingesetzt werden müssen. Oberbefehlshaber Tommy Franks, der die Kämpfe von Florida aus geleitet hat, habe die Lage vollkommen falsch eingeschätzt.

Die Erwartungen hoch geschraubt

Zu spät, zu zögerlich, zu naiv. Die Schlappe von Tora Bora nagt am Selbstbewusstsein der US-Regierung. Um das Versagen zu kaschieren, werden die Erfolge des Anti-Terror-Kampfes überbetont. In nur drei Monaten sei die Herrschaft der Taliban gebrochen und Al Qaida seiner zentralen Basis beraubt worden. Seitdem hat es, zumindest in Amerika, keine Anschläge mehr gegeben. Offenbar kommen wichtige Informationen über das Terrornetzwerk von Gefangenen, die auf Guantanamo verhört werden. Bei zwei Zugriffen in Pakistan konnten hochrangige Al-Qaida-Mitglieder gefasst werden, unter ihnen Abu Zubayda, der Planungschef.

Doch die US-Regierung weiß auch, wie hoch sie die Erwartungen geschraubt hat und wie peinlich daher das Entwischen bin Ladens ist. Trotz geballter Bombenkraft und fortschrittlichster Satellitentechnologie konnte der gefährlichste Mann der Welt auf dem Rücken eines Pferdes entwischen. Das festigt den Heldenmythos.

Hinzu kommt, dass sein Netzwerk immer noch intakt ist. Al Qaida mag in Afghanistan seine logistische Territorialbasis abhanden gekommen sein, aber die Gefahr, die von der Terrororganisation ausgeht, ist kaum kleiner geworden. In einem UN-Bericht der „Monitoring Group on Al Qaida“ hieß es Ende August, weiterhin würden mehrere Millionen Dollar monatlich an Al Qaida fließen. Deren Gesamtvermögen wird derzeit auf 300 Millionen Dollar geschätzt. „Al Qaida kann jederzeit nach Belieben erneut zuschlagen", lautet das deprimierende Resümee.

Kommt angesichts dessen ein Irak-Krieg nicht zur Unzeit, weil er Kräfte bindet, die bei der Suche nach bin Laden fehlen? Die US-Regierung weist eine solche Unterstellung vehement zurück. Amerika sei in der Lage, zwei Gegner gleichzeitig zu bekämpfen. Außerdem wäre es grotesk, wenn ausgerechnet bin Laden mit seinen regelmäßigen Al-Dschasira-Auftritten das Rampenlicht von Saddam ablenken könne. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Tonband just zu dem Zeitpunkt auftaucht, wo es ernst wird für den irakischen Diktator. Vielleicht will bin Laden dadurch Hussein aus der Bedrängnis helfen. Wie man es auch dreht und wendet: Auf den Irak bleibt die US-Regierung fokussiert. Wer zwei Teufel bekämpft, hat die Chance, wenigstens einen zu besiegen.

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