Zeitung Heute : Spurensuche im All

Der Wiedereintritt in die Atmosphäre ist ein heikler Moment bei jedem Weltraumflug. Es entsteht gewaltige Hitze. Experten rätseln: Haben sich die Schutzkacheln gelöst? Oder wurde die Raumfähre schon beim Start beschädigt?

Thomas de Padova

„Das ist eine Tragödie!" Gerhard Neukum, Planetenforscher und Raumfahrtexperte der Freien Universität Berlin, hat bereits viele Raumfahrtunglücke miterlebt. Im November 1996 war er beim Start der Raumsonde Mars ’96 in Baikonur zugegen, als nach anfänglicher Euphorie die Zündung der vierten Stufe versagte. Die Rakete explodierte – und mit ihr die Kamera, die Neukum gebaut hatte, um den Roten Planeten in allen Einzelheiten studieren zu können.

Als die Raumfähre Columbia am Sonnabend kurz vor ihrer Rückkehr explodierte, waren sieben Astronauten an Bord. Es war das erste Mal, dass die amerikanische Weltraumbehörde Nasa eine bemannte Raumfähre beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verloren hat. „Dabei gilt der Space-Shuttle als viel sicherer als unbemannte Raketen", sagte Neukum dem Tagesspiegel.

Der Eintritt in die Lufthülle der Erde ist allerdings zweifelsohne eine der heikelsten Phasen jeder Space-Shuttle-Mission. Der Shuttle hat nämlich keine Bremsraketen, die stark genug wären, ihn von einer Geschwindigkeit von rund 28000 Kilometern pro Stunde auf die Landegeschwindigkeit von 350 Kilometern pro Stunde abzubremsen.

Die in die Jahre gekommene „Columbia" nutzte daher bei ihrer Rückkehr vor allem die bremsende Wirkung der immer dichter werdenden Atmosphäre aus: Je mehr Luftmoleküle, je mehr Masse sich ihr in den Weg stellt, desto langsamer wird sie – aber desto heißer wird sie auch. Auch bei einem optimalen Eintrittswinkel in die Erdatmosphäre von etwa 34 Grad erwärmt sich die Raumfähre während des Sinkflugs auf mehr als 1600 Grad Celsius.

Das Space-Shuttle ist durch einen Hitzeschild aus zirka 30 000 Keramik- und Kohlenstoffkacheln gegen diese extreme Reibungswärme geschützt. Die 20 bis 30 Quadratzentimeter großen Kacheln werden mit einem speziellen Klebstoff auf die Außenhaut der Raumfähre geklebt. Sie können Temperaturen bis zu zirka 2000 Grad Celsius aufnehmen, während die darunter liegende Hülle des Orbiters nicht einmal 200 Grad aushält.

Durch die außerordentlichen Belastungen beim Wiedereintritt in die dichte Atmosphäre hätten sich in der Vergangenheit schon oft Kacheln von der Raumfähre gelöst, sagt Volker Liebig, Programmdirektor beim Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt. Das habe aber bisher nie zu ernsthaften Beschädigungen geführt.

„Es sind schon mehrfach Kacheln von der Außenhaut des Shuttles abgefallen", sagt auch Gerhard Neukum. Und das ist seiner Ansicht nach die plausibelste Erklärung für das jetzige Unglück. Denn in 60 Kilometern Höhe, bei einem Luftdruck von vielleicht ein paar Millibar, sei die Reibungshitze bereits nahe an ihrem maximalen Wert. Und in dieser Höhe explodierte die Columbia, wie die Video-Aufzeichnungen zeigen, die immer bei solchen Landeanflügen gemacht werden, um die Rückkehr des Shuttle zu verfolgen und live im Fernsehen zu übertragen.

Womöglich heizte sich der Flugkörper dadurch auf, der Funkkontakt zur Bodenstation ging verloren, und die Columbia explodierte kurz darauf. Für die Besatzung gab es keine Rettungsmöglichkeit, die glühenden Trümmer rasten als Feuerbälle zu Boden.

Die Nasa äußerte sich am Sonnabend nicht zu den Ursachen. Nasa-Chef Sean O’Keefe sagte jedoch, er werde unverzüglich eine unabhängige Untersuchungskommission einrichten, um den Hergang der Katastrophe zu klären .

Es gibt bisher auch keine Angaben dazu, inwieweit die Explosion mit einem Unfall beim Startmanöver in Verbindung stehen könnte. Die Columbia hatte offenbar schon beim Start einen Teil der Isolierung eines Außentanks verloren, der vermutlich gegen die linke Tragfläche gestoßen war. Der für den Start zuständige Nasa-Direktor Leroy Cain hatte jedoch am Freitag erklärt, dass der Schaden als gering eingestuft werde. Den Wiedereintritt in die Atmosphäre sah er dadurch nicht gefährdet.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben