Zeitung Heute : Spurensuche in Berlins Gewässern

Wissenschaftler entwickeln Verfahren, um die hohe Qualität des Trinkwassers auch zukünftig zu sichern.

Paul Janositz
Im Fluss. Auch in der Spree finden sich Schadstoffe und Medikamentenrückstände. TU-Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sich die Belastung in Zukunft entwickelt und was dagegen getan werden kann. Foto: TU Pressestelle/Dahl
Im Fluss. Auch in der Spree finden sich Schadstoffe und Medikamentenrückstände. TU-Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sich...

Das Loblied auf die Berliner Luft ist weltberühmt. Vielleicht hätte Paul Lincke einen ähnlichen Ohrwurm auf das Berliner Wasser komponieren sollen, dann gäbe es keinen Zweifel an dessen hoher Güte. Martin Jekel braucht dafür keinen Song. „Das Berliner Leitungswasser ist besser und wertvoller als viele Mineralwässer aus Flaschen“, sagt der Professor am Institut für Technischen Umweltschutz, Fachgebiet Wasserreinhaltung, an der TU Berlin.

Damit das so bleibt, arbeiten Wissenschaftler und Praktiker im Projekt „Askuris“ (Anthropogene Spurenstoffe und Krankheitserreger im urbanen Wasserkreislauf) zusammen. An dem auf drei Jahre angelegten Projekt sind auch die TU-Fachgebiete „Methoden der empirischen Sozialforschung“ sowie „Ökologische Wirkungsforschung und Ökotoxikologie“ beteiligt. Koordiniert wird das Vorhaben vom TU-Innovationszentrum „Wasser in Ballungsräumen“, dessen Sprecher Jekel ist. Ebenfalls beteiligt sind die Berliner Wasserbetriebe (BWB) und das Kompetenzzentrum Wasser Berlin. Als auswärtige Kooperationspartner fungieren das Umweltbundesamt mit der Außenstelle Bad Elster, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig und der Zweckverband Landeswasserversorgung Stuttgart.

Sie reagieren auf Szenarien, die die Qualität von Gewässern und Trinkwasser beeinträchtigen könnten. So könnte der Klimawandel zu längeren Trockenzeiten führen und den Abfluss von Spree und Havel um etwa 40 Prozent reduzieren, sagt Jekel. Dadurch würde sich die Konzentration von Schadstoffen stark erhöhen. Hinzu kommt der Zuwachs an Medikamentenrückständen im Wasser. Denn die Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten weiter altern und wird rund 20 Prozent mehr Medikamente verbrauchen. Das geht aus einer Berechnung des Umweltbundesamtes hervor.

Nach Ansicht Jekels führen diese potenziellen Entwicklungen zu einer Verdoppelung der Konzentration an Arzneimittelrückständen in Berliner Gewässern. Der Fokus liegt auf Schmerzmitteln. Der Gesetzgeber, auch die EU, denke über Regelungen für Diclofenac nach. Der Wirkstoff des beliebten Mittels gegen Gelenkentzündungen und rheumatische Erkrankungen reichert sich in Fischen an und schädigt möglicherweise deren Nieren. „Bei diesem Schmerzmittel würden wir den möglichen Grenzwert im Gewässer nicht einhalten können“, sagt der Experte. Allerdings braucht man sich um das Berliner Trinkwasser keine Sorgen zu machen, da es aus Grundwasser gewonnen wird. „Im Untergrund wird Diclofenac abgebaut“, erklärt Jekel. Auch die Rückstände weniger anderer Arzneimittel, die sich im Wasser nachweisen lassen, seien heute unterhalb des vom Umweltbundesamt festgelegten Grenzwerts.

„Die Hauptsorge liegt beim Gewässerschutz“, resümiert der Chemieingenieur. Es geht um vom Menschen gemachte Schadstoffe, die in winzigen Mengen im Wasser sind. Wie wirken sich die Chemikalien aus, die als Alltagsprodukte in die Gewässer gelangen? Dazu zählen neben Medikamenten auch Kosmetika sowie Waschmittel. Auch krankmachende Keime, Bakterien oder Viren, finden sich im Wasser.

Die Konzentrationen betragen nur Millionstel oder gar Milliardstel Gramm pro Liter. Dennoch können die Substanzen gefährlich wirken, vor allem wenn sie über längere Zeit aufgenommen werden und sich im Körper etwa von Fischen anreichern. Obwohl die Spurenstoffe nur in winzigen Konzentrationen vorliegen, lassen sie sich mit modernen Methoden sicher nachweisen. „Für bekannte Stoffe ist die Analytik kein Problem“, betont der TU-Forscher. Anders sieht es bei unbekannten Substanzen aus, die beim Abbau der Arzneimittel entstehen. Hier kommen Kooperationspartner wie die Berliner Wasserbetriebe und die Landeswasserversorgung Stuttgart ins Spiel. „Dort gibt es hervorragende Geräte für die Messung“, sagt Jekel.

Viel neues Wissen darüber, was Spurenstoffe und Krankheitskeime bei Mensch, Tier und Fauna anrichten können, erhofft sich auch BWB-Sprecher Stephan Natz von dem mit insgesamt 4,4 Millionen Euro geförderten Projekt. Hauptsponsor ist das Bundesforschungsministerium. Eine Million Euro steuern die Berliner Wasserbetriebe bei. „Wir versprechen uns durch die Ergebnisse, dass die Diskussion über Rückstände im Wasser sachlicher wird“, sagt Natz.

Um die richtige Technik zur Entfernung von Spurenstoffen kümmert sich Alexander Sperlich. Der Umweltingenieur hat in Jekels Team promoviert und arbeitet jetzt als Forschungskoordinator bei den Wasserbetrieben. Zwei Verfahren, die Behandlung des Oberflächenwassers mit Ozon oder mit Aktivkohle, sollen in Versuchsanlagen verglichen werden. Es geht um technische Machbarkeit, um Kosten und die Auswirkung auf die Umwelt. „Wir fragen uns, was passiert, wenn sich bestimmte Spurenstoffe weiter im Wasser konzentrieren“, sagt Sperlich. Derzeit gebe es aber keine Gefahr, betont er.

Doch es kommt nicht nur auf das technische Know-how an. Genauso wichtig ist eine offene Diskussion mit der Öffentlichkeit. Deshalb warten die Beteiligten gespannt auf die Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Begleitforschung unter Leitung der TU-Professorin Nina Baur. Dabei geht es auch um den Zusammenhang zwischen der objektiven Größe von Risiken, wie sie etwa durch naturwissenschaftliche Messungen nachgewiesen sind, und der subjektiven Wahrnehmung durch die Konsumenten. Die Resultate will die Sozialforscherin in einem Leitfaden „Risikokommunikation“ zusammenfassen.

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