Zeitung Heute : Spurensuche in Minsk

Der Historiker Michael Wildt will Schicksale Berliner Juden erforschen

Constanze HaaseD
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Zug in den Tod. 956 Berliner Juden wurden im November 1941 vom Bahnhof Grunewald aus ins Ghetto Minsk deportiert. Eine...dpa

„Wussten Sie, dass Goebbels schon von 1926 an Gauleiter in Berlin-Brandenburg war?“, fragt Michael Wildt zu Beginn des Gesprächs. „Viele kennen ihn nur als Reichspropagandaminister.“ Es wäre doch spannend zu erfahren, wie die damals kleine NSDAP in einer sozialdemokratischen, roten Stadt wie Berlin innerhalb von nur sechs Jahren zu solch einer bestimmenden Größe werden konnte.

Michael Wildt hat mit dem Sommersemester den Lehrstuhl Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität übernommen. Zuvor war er elf Jahre lang am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig. Kritiker, die ihm vorwerfen, die NS-Geschichte sei doch schon vollständig erforscht, lädt der Historiker und Kulturgeschichtler gerne in eine seiner Vorlesungen ein, in der sich stets mehrere hundert Studenten drängen: „Das Interesse am Thema ist keineswegs erloschen. Ich sehe meine Aufgabe darin, die systematische Alltagsgeschichte Berlins zur NS-Zeit zu erforschen.“ Dies gemeinsam mit seinen Studierenden zu tun, ist Michael Wildts Anspruch. „Wir wissen beispielsweise sehr wenig darüber, wer die 956 Berliner Juden waren, die im November 1941 von Grunewald aus ins Ghetto Minsk verschleppt wurden. Diese Biografien und Familiengeschichten zu rekonstruieren, ist sehr spannend.“

Viele der Deportierten machten sich fatale Illusionen über das, was sie erwartete. Da sie annahmen, sie würden zur Hilfe bei der Siedlungsarbeit geholt, brachten die Deportierten sogar Schaufeln mit, erzählt Wildt. Unter ihnen waren die Wirtschaftsexpertin und Berliner Regierungsrätin Cora Berliner und Bankier Karl Löwenstein, der durch glückliche Umstände überlebte.

In einem Projekttutorium sollen Berliner im gemeinsamen Austausch mit Minsker Studenten Berichte Überlebender auswerten und mit Zeitzeugen sprechen, um mehr über die Deportierten zu erfahren. Gegenseitige Besuche der Studentengruppen mit Besichtigungen authentischer Orte sind ebenso geplant. Erste Kontakte zur Universität Minsk bestehen bereits. Bisher seien die Reaktionen auf das Projekt durchweg positiv. In Minsk hat sich eine Geschichtswerkstatt zum ehemaligen Ghetto gebildet. „Dort hat man verstanden, dass Erinnerungspolitik die Voraussetzung für eine europäische Annäherung und Integration ist“, sagt Wildt.

Der 55-Jährige, der nach dem Abitur eine Lehre als Buchhändler beim Rowohlt-Verlag absolviert hat, bevor er seine wissenschaftliche Karriere begann, sieht nach zwei Jahrzehnten an Forschungsinstitutionen in seiner neuen Lehrtätigkeit eine Herausforderung: „Es macht mir Spaß, immerhin sind es die zukünftigen Lehrer und Journalisten, die wir ausbilden.“ Constanze Haase

Am 11. November hält Michael Wildt um 18 Uhr seine Antrittsvorlesung im Senatssaal der HU – zur Alltagsgeschichte Berlins im Nationalsozialismus.

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