Zeitung Heute : Spurensuche zwischen Leiden und Haarlem

Franz Lerchenmüller

"Vielleicht hatte er Tulpen einfach satt", sagt Stans van der Veen lachend. Die quirlige Holländerin führt Besucher durch den Botanischen Garten von Leiden. "Im ersten Winter fraßen ihm die Mäuse einen ganzen Schwung Zwiebeln weg. Später kamen Leute und klauten wie die Raben. Da dachte er wohl: Dann nehmt doch auch den Rest!"

Mag sein. Verwunderlich ist es jedenfalls, dass der Schöpfer des "Hortus botanicus", der Pflanzenforscher Carolus Clusius, das Beet mit den Tulpen nicht im streng umzäunten Extrabereich mit den übrigen Zwiebelblumen - Narzissen, Krokusse, Hyazinthen - angelegt hatte. Sondern daneben, als eines jener Dutzende anderer ganz gewöhnlicher ziegelumrandeter Rechtecke.

Und doch: Der Meister seiner Lieblinge überdrüssig - fast klingt das wie Blasphemie. Schließlich gilt der 1593 angelegte Clusius-Garten als die Wiege des Tulpenzwiebelanbaus in Holland. Es war Clusius, der viele seiner Zwiebeln verschenkte und so dafür sorgte, dass die kostbare Blume, die seit Mitte des 16. Jahrhunderts ihren Weg aus der Türkei und Persien nach Europa gefunden hatte, in Gärten heimisch wurde.

So weit, so grün, so flach - und am Horizont klebt wie ein langgestreckter Scherenschnitt die Silhouette eines Dorfes samt Kirchturm und Windmühle: Das Gebiet zwischen Leiden und Haarlem an der Nordseeküste war und ist Tulpenland, auch wenn der Schwerpunkt der Zwiebelproduktion sich inzwischen weiter nach Norden verlagert hat. Und es bietet dem Besucher einen breitgefächerten Einblick in die Geschichte und Bedeutung der unscheinbaren Knolle.

"Bollenrasernie", Zwiebelwahn, nannte man die Erscheinung, die das Land im Winter 1636 in einen wahren Spekulationstaumel versetzte: Ochsen, Schiffe, Getreide, Backpflaumen, Ölgemälde wurden gegen ein paar "Semper Augustus"- oder "Generalissimo"-Zwiebeln verschoben, gewaltige Reichtümer im Verlauf von zwei Monaten angehäuft, ehe der aufgeblähte Markt über Nacht in sich zusammenfiel und Hunderte von Züchtern, Händlern und Hasardeuren bankrott zurück ließ. Für den Spott sorgten Maler wie Hendrick Gerritsz Pot oder Jan Breughel II: Im Frans-Hals-Museum in Haarlem hängen ihre Bilder, in denen etwa Göttin Flora samt närrischer Anhängerschaft im Karnevalswagen fröhlich dem Untergang im Meer entgegenzieht, oder eine Bande von Affen um ein paar Zwiebeln feilscht und lärmt und um sich schlägt.

Nach dem Zusammenbruch wurde aus dem Spekulationsobjekt bald ein normales Handelsgut. "Die Küste mit ihrem kalkhaltigen und durchlässigen Sandboden war der ideale Standort für die empfindlichen Blumen", sagt Max Koldenhof im Museum "De zwarte Tulp" in Lisse. Der pensionierte Wegebauer ist einer der zahlreichen Freiwilligen, die das hübsche kleine Museum am Laufen halten. Sie haben Fräsen, Karren und kurzstielige Gabelnzusammengetragen, einen alten Trockenschuppen hingestellt sowie ein ganzes Kontor und die Wohnküche einer Arbeiterfamilie aufgebaut.

Pflüge, Traktoren und Sortiermaschinen zeigt auch das "Panorama Tulip Land". Blickfänger aber ist das vier Meter hohe und 25 Meter lange Halbrundbild des Malers Leo van den Ende, an dem der Künstler tagtäglich weiterpinselt. Unter den Augen des Publikums entsteht eine Landschaft mit behäbigen Bauernhöfen, mächtigen Kirchen und jenen karmesinroten, lachsrosa, dottergelben und eierschalfarbenen Streifen, die an manchen Stellen immer noch die Landschaft färben. "Aber sie werden immer weniger", sagt Besucherbetreuer Herman van Amsterdam. "Die Züchter wollen ihre Tulpen möglichst früh köpfen, damit der ganze Saft in die Zwiebel zieht.

Die Touristikfachleute möchten, dass die blühenden Felder möglichst lange stehenbleiben." 63 Meter Länge soll das farbige Patchwork des Leo van den Ende am Ende messen. "Noch rund zwölf Jahre", schätzt der Mann im grauen Arbeitskittel, werde er wohl daran arbeiten. "Aber es hält dann auch für 150 Jahre." Doch "Tulip Land" feiert nicht nur nostalgische Erinnerung. Eine Fotoausstellung zeigt die Anlage moderner Tulpenfelder. Ein bis zwei Meter unter der Erdoberfläche werden kokosfaserummantelte Drainagerohre gelegt. Der Sand ausgelaugter Tulpenbeete wird bis zu fünf Meter tief umgeschaufelt. Und in den Hallen trocknen riesige Ventilatoren die frisch geerntete Ware. Rund zehn Milliarden Blumenzwiebeln wachsen pro Jahr in Holland heran - da ist nicht mehr viel Platz für Handarbeit.

Züchter wie Leo Roozen von "Frans Roozen" präsentieren ihren Betrieb mittlerweile als eigene Sehenswürdigkeit. Die lebensgroßen Figuren eines Sultans, holländischer Kaufleute und eine Dame im Rokkoko-Kostüm symbolisieren historische Stationen der Tulpenbegeisterung, ein rasant geschnittenes Video zeigt die Arbeitsschritte moderner Tulpenzucht - wobei so manchem Blumenfreund das Herz bluten dürfte, angesichts der Tausende und Abertausende wunderschöner Tulpenköpfe, die unter den Messern der Schneidemaschine daniedersinken und schnöde auf dem Kompost enden.

Auch der "Keukenhof" wurde 1949 als eine Art Schaufenster holländischer Blumenzüchter gegründet. 15 Kilometer Fußwege unter ausladenden Bäumen, eine Dünenlandschaft, hinter der sich eine alte Poldermühle dreht, Springbrunnen, Skulpturen und vier große Pavillons mit Orchideengarten, Floristenschau und Blumenprämierung - insgesamt 32 Hektar Grund umfasst die Anlage mittlerweile.

Beete über Beete voller Hyazinthen, Anemonen, Krokusse - und, versteht sich, immer wieder Tulpen: rot-weiß geflammt, grün-gelb gekräuselt, rosa-violett gefranst. Sieben Millionen Zwiebeln strecken ihre grünen Fühler aus der Erde: Frühlingsblumen bis zum Abwinken. Das Prinzip heißt Überfluss - doch der führt bekanntlich manchmal auch zum Überdruss.

Die Blumenauktion in Aalsmeer geizt ebensowenig mit Superlativen. Im mit 755 000 Quadratmeter größten Handelsgebäude der Welt, in dem 1800 Frauen und Männer arbeiten, wechseln täglich rund 18 Millionen Blumen und zwei Millionen Zierpflanzen den Besitzer. Eine eigene Besuchergalerie führt durch die 800 Meter lange Halle. In fünf hörsaalartig ansteigenden Sälen sitzen Männer hinter ihren Pulten, während sich unten in nicht abreißendem Zug Stellagenwagen mit Kartons voller Rosen, Fresien, Gerbera - und Tulpen! - durchschieben. Auf einer Uhr läuft ein Lichtpunkt im Kreis und zeigt den Preis der gerade angebotenen Partie. Will ein Händler kaufen, drückt er einen Knopf, die Uhr bleibt stehen. In der Halle rollt Wagen auf Wagen mit Chrysanthemen, Gladiolen, Orchideen und Tulpen an, Elektrokarren kurven durcheinander, Züge biegen um die Ecke wie buntschillernde Raupen. Eine logistische Meisterleistung!

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