Zeitung Heute : Staatsfeind im Gummiboot

Der Tagesspiegel

Von Michaela Maxwell-Haas

Der Täter. Die ruchlosesten Terroristen lauern hinter den Fassaden des Normalen. Auch Tom Knappe macht da keine Ausnahme: Der Mann tarnt sich mit unauffälligen beigen Cordhosen, einem Lächeln, freundlichen blauen Augen und einem Fünf-Tage- Bart. Doch mag der Mann noch so sehr beteuern, er sei ein aufstrebender Unternehmer, Inhaber einer Veranstaltungs-Agentur und eines Cafés in Dresden, also eine ökonomische Stütze der Stadt – den amerikanischen Staat konnte er damit nicht täuschen; und wenn ihn Amerika jetzt doch wieder aus Dresden einreisen ließ, dann nur, um ihm den Prozess zu machen. In der Nacht zum Samstag sollte vom Kalifornischen Bundesgericht in Los Angeles das Urteil über den 34 Jahre alten Knappe verkündet werden. Damit geht einer der bizarrsten Terrorismus-Prozesse zu Ende, der in den Vereinigten Staaten je ausgetragen wurde.

Am 14. Juli 2001 ist im kalifornischen Luftwaffenstützpunkt Vandenberg ein Raketen-Test geplant – ein wichtiger Schritt in George W. Bushs Star-Wars- Plan. Und Greenpeace will an diesem Tag gegen das atomare Wettrüsten und gegen die Aufkündigung des Abrüstungsabkommens mit Russland protestieren. Knappe ist seit eineinhalb Jahren bei Greenpeace aktiv und nicht nur aus engagierter Ablehnung der Atomwaffen dabei, sondern auch aus Begeisterung für diese Form des Protestes. Er sei ein passionierter Taucher, „ein Meeresfreak“, sagt er, während er im Backsteinbau der deutschen Greenpeace-Zentrale in Hamburg sitzt und sein Blick durchs Fenster auf den Hafen geht.

Eine helle Explosion

Die Tat. Der 14. Juli ist – ungewöhnlich für den kalifornischen Sommer – ein stürmischer, kalter Tag, das Meer ist rau, der Seegang hoch. Gegen 14 Uhr besteigen Knappe, der Hamburger Mathias Pendzialek und 13 weitere internationale Greenpeace-Aktivisten samt Presseteam drei Schlauchboote im kalifornischen San Luis und nehmen Kurs auf den Luftwaffenstützpunkt Vandenberg, der auf einer Halbinsel liegt. Die Küstenwache beobachtet die Boote, bald kreist ein Hubschrauber über ihnen. Als zwei Greenpeace-Schwimmer im militärischen Sperrgebiet vor Vandenberg an den Strand kraulen, landet der Hubschrauber, und die beiden schaffen es gerade noch, ein Banner zu hissen, bevor sie verhaftet werden: „Star Wars starts Wars.“

Gleichzeitig rollen sich Knappe und Pendzialek in ihren Tauchanzügen rückwärts von den Schlauchbooten, pflanzen eine Boje mit einem Abrüstungs-Slogan und gehen auf Tauchstation. Solange sich Menschen in der Sicherheitszone aufhalten, glauben sie, darf der Raketensprengkopf nicht gezündet werden. Aber noch während sich Knappe und sein Kollege in sieben Metern Tiefe bei heftigen Wellen und starken Strömungen am Meeresgrund festkrallen, zündet auf Vandenberg die Rakete. Knappe bekommt davon nichts mit. Erst später sieht er die helle Explosion auf den Bildern eines mitgereisten Fotografen.

Die Schlauchboote sind noch auf dem Rückweg zum Hafen von San Luis, da vermeldet das Pentagon schon den Erfolg des Tests. Greenpeace ist es lediglich gelungen, ihn um 40 Minuten zu verzögern – ein Routine-Protest also, mehr nicht.

Die Verhaftung. 15 Öko-Aktivisten in den Schlauchbooten denken sich nichts Böses wegen der Verhaftung ihrer beiden Kollegen: Normalerweise werden da routinemäßig die Personalien festgestellt und die Protestler gegen eine geringe Geldstrafe wieder entlassen. Die Stimmung im Boot ist gut. Erst bei der Ankunft im Hafen gegen elf Uhr nachts ändert sich das. Am Pier warten mehrere Dutzend FBI-Agenten in Zivil und Polizisten in Uniform. „Wir mussten das Boot mit erhobenen Händen verlassen, uns bis auf die Unterhose ausziehen, und es wurden bei jedem intensive Leibesvisitationen gemacht“, erzählt Knappe. „Wir waren seit vielen Stunden auf See und unterkühlt, aber wir mussten uns auf den Boden setzen und wurden festgekettet. Da saßen wir über zwei Stunden. Ich dachte, die verwechseln uns mit der Roten Armee.“ Gegen drei Uhr morgens fahren Gefängnisbusse vor, „innen Einzelzellen mit Gittern wie bei einem Raubtiertransport. Wir bekamen Ketten an die Knöchel, die Hände in Handschellen waren an der Bauchkette festgemacht, so dass man sich auf der Fahrt nicht festhalten konnte.“ Sie fahren die ganze Nacht durch, und im Morgengrauen sieht Knappe einen Schriftzug hinter dem Fenster, den er kennt: Das Wort „Hollywood“ steht da, viele Meter hohe weiße Lettern an einem Berghang. Er ist also in Los Angeles.

Der Bus fährt zu einem Hochsicherheitsgefängnis in der kalifornischen Wüste, und anders als in Hollywood-Filmen, sagen die Öko-Aktivisten, hätten sie keine Möglichkeit erhalten, einen Anwalt oder ihre Botschaften anzurufen.

Die Untersuchungshaft. Tag und Nacht brennt das Neon-Licht, zwei Fernseher plärren unermüdlich, einer auf Spanisch, der andere auf Englisch; das Trinkwasser ist mit Schwefel versetzt, „um den Sexualtrieb zu dämpfen, eine widerliche Brühe, die riecht wie faule Eier“. Die Privatsachen werden einbehalten, stattdessen bekommen die neuen Häftlinge eine Zahnbürste und orangefarbene Anzüge. Knappe wird ein Bett in einer Massenzelle mit 30 Mann zugewiesen, „die meisten tätowiert wie Litfasssäulen“. Geweckt werden sie jeden Morgen um 3 Uhr 30, „ohne ersichtlichen Grund, es gibt ja nichts zu tun“. Die unwirtliche Situation ist nicht ohne komische Momente: Sie könnten sehr wohl einen Anwalt anrufen, habe der Wärter erklärt und auf ein Karten-Telefon verwiesen – Telefonkarten gebe es allerdings nur samstags zu kaufen. Da ist es Sonntagmorgen.

„Wenn die Greenpeace-Anwälte nicht von sich aus gekommen wären“, sagt Knappe, „hätten wir eine Woche warten müssen. Aber was haben wir gemacht? Wir haben ein paar Banner in die Luft gehalten und waren ein bisschen tauchen.“

Die Anklage. Erst da erfährt Knappe, was man ihm und den anderen vorwirft: schwerer Landfriedensbruch, Verletzung einer militärischen Sperrzone und eine „Verschwörung gegen den amerikanischen Staat“, also einen terroristischen Akt. Darauf steht eine Höchststrafe von zwölf Jahren Gefängnis. Der Vorwurf ist ein Novum in der 30-jährigen Geschichte der Öko-Organisation.

Der Prozess. Die junge, ehrgeizige Staatsanwältin glaubt an einen Coup. Aus der guten Organisation des Greenpeace-Protestes leitet sie die Verschwörungs-Theorie ab. Von der Notiz eines Fotografen, wie er sich im Fall einer Verhaftung verhalten solle, schließt sie auf kriminelle Strukturen. Aus der internationalen Herkunft der Greenpeace-Leute folgert sie Fluchtgefahr und lehnt deshalb eine Haftverschonung ab. Sie dringt auf ein Eilverfahren, in dem die Verteidiger nicht einmal die Gelegenheit haben sollen, dem Gericht zu erklären, was Greenpeace ist und dass Greenpeace bisher niemals zu gewalttätigen Mitteln gegriffen hat.

Wären wir jetzt in Hollywood, müsste eine furchtlose Rechtsanwältin auf den Plan treten, und die gibt es auch hier: Katya Komisaruk, sie hat selbst schon einmal Vandenberg lahmgelegt und dafür zwei Jahre im Gefängnis abgesessen. Wütend über die Rechtssprechung studierte sie anschließend Jura in Harvard und legte fortan eine steile Karriere als Anwältin hin. Sie wird als brillante Verteidigerin beschrieben. „Gewaltloser Protest ist ein Grundrecht jeder Demokratie“, sagt sie. Zunächst einmal erreicht sie, dass die Gefangenen nach einer Woche aus dem Gefängnis dürfen – gegen Zahlung von 10000 bis 20000 Dollar Kaution pro Kopf und das Verbot, Kalifornien zu verlassen.

Dann beginnt für Knappe ein „endloser Nerventerror, wann wir nach Hause können. Immer wieder wurden Gerichtstermine am Vorabend abgesagt und verschoben auf unbestimmte Zeit.“ Der Umsatz in seiner Firma daheim bricht in dieser Zeit um die Hälfte ein. Nach dem 11.September wird der Verhandlungs-Termin endgültig vertagt. „Wir wussten, wenn die uns wirklich für Terroristen halten, dann buchten die uns auf Jahre hin ein“, sagt Knappe. „Andererseits hofften wir, vielleicht erkennen sie ja jetzt, dass sie sich besser um die echten Terroristen kümmern, als uns festzuhalten.“

Rückkehr nach 83 Tagen

Katya Komisaruk, die Anwältin, holt Spezialisten einer renommierten Kanzlei hinzu, die schon O. J. Simpson vertreten haben. Sie verhandeln mit dem Oberstaatsanwalt, erfolgreich. Der Terrorismus-Vorwurf, ohnehin nicht mit Fakten zu unterfüttern, soll fallengelassen, bloß der Landfriedensbruch im militärischen Sperrgebiet als Vergehen geahndet werden. Darauf stehen sechs Monate Gefängnis, im Regelfall aber eher ein Jahr auf Bewährung.

Knappe darf nach 83 Tagen wieder nach Hause. Gerade durch die Erfahrung, wie massiv der Staat ihn mundtot machen wolle, sei er seitdem „noch mehr bei Greenpeace als zuvor“. Bloß nach Amerika würde er freiwillig nicht mehr fahren. Wenn jetzt bei der Urteilsverkündung alles läuft wie abgemacht, dann wird die Strafe nicht spektakulär ausfallen.

Das eigentliche Urteil aber lautet anders. Und ist längst vollstreckt: Welcher ehrenamtliche Umweltschützer nimmt künftig schon das Risiko in Kauf, monatelang festgehalten zu werden? Der Prozess hat Kosten in noch ungeklärter Höhe verursacht, für Flüge, Anwälte, Unterkünfte. Und wenn Greenpeace-Leute sich in den nächsten fünf Jahren wieder einmal Vandenberg oder einem der anderen Stützpunkte nähern, wird ihnen eine Strafe von 500000 Dollar angedroht. Das ist auch für eine globale Organisation wie Greenpeace nicht zu verkraften. Die Öko-Aktivisten bekräftigen zwar, sie wollten die Kampagne mit legalen Mitteln wie etwa angemeldeten Demonstrationen weiterführen, aber vorerst ist der Protest gegen Star Wars gestorben. Und das war es, was hier eigentlich zu verhandeln war.

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