Staatsopern-Skandal : Ene, Mene, Tekel

Rüdiger Schaper

Worum geht es in der Oper? Um Gefühl, Glamour und Geld. Und wenn die Mischung stimmt, kann daraus sogar Kunst entstehen. Wie im Fußball. Große Oper gibt es nur im (inter-)nationalen Wettbewerb. München zum Beispiel: Klaus Bachler, der neue Intendant der Bayerischen Staatsoper, will sein Haus zur ersten Musiktheaterbühne Deutschlands machen und in die „Big Five“ der Welt vorstoßen. Von der Berliner Staatsoper haben die Bayern im Moment nicht viel zu befürchten. Denn Unter den Linden geht es nur um eines: um Geld.

Die Situation ist so skandalös wie unverständlich. Seit der Erhöhung des Staatsopern-Etats um zehn Millionen Euro haben sich die Granden dort endgültig zerstritten. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim schweigt und schaut, ob sich die Dinge nach seinem Geschmack entwickeln. Der Vertrag des ungeliebten Intendanten Peter Mussbach wurde nicht verlängert, der Geschäftsführende Direktor Georg Vierthaler hat das Haus fluchtartig verlassen. Mussbachs Vertrag läuft bis 2010. Mit ihm werden, wie man hört, Auflösungsverhandlungen geführt. Bis es aber dahin kommt, revanchiert sich der tödlich gekränkte Intendant bei Barenboim und dem Regierenden Kulturmeister Klaus Wowereit. Daniel Barenboim wiederum hat, aus rein privaten Gründen selbstverständlich, im April fünf „Don Giovanni“-Dirigate abgesagt. Regisseur der Mozart-Oper: Peter Mussbach.

Eine Künstlerfehde mit desaströsen Folgen. Die Staatsoper präsentiert sich als nicht mehr handlungsfähig, man intrigiert erbittert um die Verteilung der zusätzlichen Mittel. Es existiert kein konsensfähiger Wirtschaftsplan, die nächste Spielzeit liegt auf Eis. Komplett absurd. Während die drei Berliner Opernhäuser in den letzten Jahren deutliche Subventionskürzungen ausgehalten haben, produziert die Staatsoper ausgerechnet mit wieder mehr Geld eine beschämende Havarie. Geld beruhigt eben doch nicht, und manchmal stinkt es gewaltig. Es sind auch gar nicht wirklich zehn Millionen Euro, an denen der Opernbetrieb (Mussbach) und die Staatskapelle (Barenboim) zerren, als wären sie zwei getrennte, einander spinnefeinde Fürstentümer. Wegen der Renovierung des Hauses und des Umzugs ins Schillertheater müssen Rücklagen gebildet werden, außerdem gibt es Altlasten. Dieser unglaubliche Krach, der das Ansehen der gesamten Berliner Kulturszene beschädigt, entzündet sich an schätzungsweise läppischen vier Millionen Euro! Man sollte sie ihnen wieder wegnehmen.

Heute trifft sich der Stiftungsrat der Berliner Opernstiftung – mit Wowereit und Mussbach –, um das Schlimmste zu verhindern und endlich einen Wirtschaftsplan zu verabschieden. Und womöglich den amtierenden Intendanten obendrein. Wowereit erlebt seine erste schwere Krise als Kulturchef der Hauptstadt. Das schlappe Dach der Opernstiftung kann dabei schnell davonfliegen. Barenboim muss sich umgehend erklären, wer unter ihm die Staatsopern-Intendanz ausfüllen kann. Hier liegt das Dilemma: Die Staatskapelle ist ein Orchester von Weltrang, und Barenboim gehört zu den Weltstars der Klassik. Das ist viel, sehr viel sogar. Aber nicht genug für einen florierenden, international konkurrenzfähigen Opernbetrieb.

Als nächste Premiere steht der Lindenoper wunderbarerweise Händels „Belshazzar“ ins Haus – die Geschichte des Herrschers von Babylon, dem die Flammenschrift an der Wand den Untergang verkündet. Händel! Hybris! Menetekel! Überliefert im biblischen Buch Daniel.

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