STADIONROCKHYMNENColdplay : Schwiegermuttis Lieblinge

Viele Menschen halten Coldplay für die langweiligste Band der Welt. Biederer Bombastrock, den man auch der popmusikalisch unbeleckten Verwandtschaft zum Fest unterjubeln kann, weil: Das ist so aalglatt, das stört garantiert niemanden. An dieser oberflächlichen Einschätzung werden auch die neuen Promofotos mit bunt besprühten Betonruinen im Hintergrund, die Chris Martins noch relativ junges Interesse an Graffiti und anderen Formen der Street Art bekunden, nichts ändern. Doch vermutlich dürfte Martin und seinen Bandmates Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman weniges gleichgültiger sein, sind Coldplay doch nicht nur eine der am häufigsten geschmähten, sondern auch eine der erfolgreichsten Bands der Gegenwart. Vielleicht sogar die erfolgreichste, denn mit rund 50 Millionen verkauften Alben in nur zwölf Jahren gehört man zu den ganz Großen und muss höchstens noch U2 als ernsthafte Konkurrenz in den Fußballstadien der Welt fürchten.

An deren Thron wird jetzt allerdings eifrig gesägt, denn das aktuelle, fünfte Coldplay-Album mit dem sinnfreien Titel „Mylo Xyloto“ klingt mehr noch Bono und Konsorten als alles Bisherige im Werk der um eine Popgeneration jüngeren Londoner. Was schade ist, denn die bräsige Hymnenseligkeit von – sich sofort im Ohr festkrallenden – Songs wie „Every Teardrop Is A Waterfall“ oder „Paradise“ fällt hinter den deutlich komplexeren Artrock des Vorgängeralbums „Viva la Vida“ zurück. Da hatten sich Coldplay, unterstützt von Brian Eno als Produzent, mal von ihrer experimentierfreudigen Seite gezeigt. Und trotzdem das mit Abstand meistverkaufte Album des Jahres 2008 vorgelegt. Warum tun sie also jetzt so brav?Jörg Wunder

O2 World, Mi 21.12., 20 Uhr, ausverkauft

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