Zeitung Heute : Stadt der offenen Rechnungen

Milizen beherrschen Nablus. Ob mit oder ohne Arafat, hier regieren die Waffen

Andrea Nüsse[Nablus]

Eigentlich ist Abed im Dienst. Der hagere 35-Jährige arbeitet als Polizist der Autonomiebehörde in Nablus. Aber er hat viel Zeit. Das mag daran liegen, dass es völlig egal ist, ob er durch die Straßen der ehemaligen Handelsmetropole der Westbank patrouilliert oder nicht. „Ich darf keine Waffe tragen“, sagt Abed, „aber was ist ein Polizist ohne Waffe, wenn alle anderen Gruppen in der Stadt bewaffnet sind?“ Weil sich palästinensische Sicherheitskräfte an anti-israelischen Aktionen beteiligt haben sollen, betrachtet Israel sie wie alle anderen bewaffneten Palästinenser als potenzielle Gefahr, auch auf sie darf geschossen werden. Und deshalb tragen die Polizisten vorsichtshalber keine Waffen mehr, zumindest nicht öffentlich. „Ich kann allenfalls den Verkehr regeln“, sagt Abed über seine Arbeit. „Mit den Milizen legen wir uns ohnehin nicht an, die müssen ihre Streitigkeiten unter sich regeln.“

Und das tun sie in Nablus auch. Die zweitgrößte Stadt der Westbank, etwa 65 Kilometer nördlich von Jerusalem gelegen, ist seit der israelischen Offensive vom Frühjahr 2002 weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Die Stadt hat nur zwei Ausgänge, von israelischen Soldaten kontrolliert. Im Osten und Westen schließen hohe Bergketten die Stadt ein, eine Art natürliche Gefängnismauer.

Seit der osmanischen Zeit war die Stadt eine stolze, unabhängige Handelsmetropole und zugleich ein Zentrum des palästinensischen Nationalismus. Und in den letzten Jahren auch immer mehr das Zentrum der Chefplaner von Terroranschlägen. Diese Strukturen wollte Israel mit seiner Militäraktion zerstören. Die israelische Armee besetzte die Stadt mit den mehr als 200000 Einwohnern wieder vorübergehend. Bis zu 50 Tagen am Stück bestanden die Ausgangssperren, nur für wenige Stunden durften die Bewohner hin und wieder ihre Häuser für Einkäufe oder Arztbesuche verlassen. Die palästinensischen Sicherheitskräfte zogen damals ihre Uniformen aus und blieben zu Hause, erinnert sich Abed. „Was sollten wir auch tun gegen diese Übermacht?“ Damals hätten die Bewohner jeden Respekt vor den Polizisten der Autonomiebehörde verloren.

„Zumindest zahlt die Behörde in Nablus ihren 4000 bis 5000 Angestellten noch ihr Gehalt aus“, sagt ein ausländischer Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Deshalb ist Nablus auch noch nicht völlig zusammengebrochen. Das Geld für die Gehälter kommt von ausländischen Geldgebern, darunter die EU.

Für Nablus macht es keinen Unterschied, ob Arafat eingesperrt in Ramallah sitzt, außer Landes ist oder stirbt. „Wir in Nablus haben Arafat nie gebraucht“, sagt Bassam Schaka unverblümt. Der Mann im traditionellen weißen Gewand war der letzte gewählte Bürgermeister der Stadt. Das war 1976. Er wurde jedoch später von der israelischen Militärverwaltung abgesetzt, weil er ihr zu nationalistisch und unnachgiebig war. „Wir haben uns immer selbst organisiert, die Stadt hat ein funktionierendes Netz sozialer Beziehungen, viele hielten das Autonomieabkommen für einen Fehler“, sagt er. Sein Cousin, der von Arafat ernannte Bürgermeister der Stadt, ist vor wenigen Monaten zurückgetreten. Er verlor den Machtkampf gegen den lokalen Fatah-Führer, der mit Teilen der militanten Al-Aksa-Brigaden kooperiert. Die Brigaden führen regelmäßig Terroranschläge in Israel aus. Die teilweise rivalisierenden Milizen beherrschen die Altstadt mit ihren verschlungenen Gassen und das größte Flüchtlingslager Balata. Die persönliche Nähe Schakas zu Palästinenserführer Arafat war auf dieser lokalen Ebene unwichtig.

Balata ist ein heruntergekommenes Viertel, in dem die grauen, unverputzten Häuser eng aneinander gebaut sind, so dass die Sonne fast nie in die Zimmer scheint. Die Straßen sind ungeteert und staubig. Die einzigen Farbpunkte sind die Plakate mit Fotos der „Märtyrer“, der von Israelis getöteten Palästinenser und Selbstmordattentäter.

Auch der jüngste Selbstmordattentäter kam aus Nablus. Der 16 Jahre alte Amer el Fahr sprengte sich am Montag auf einem Markt in Tel Aviv in die Luft. Außer dem Attentäter starben drei Menschen, 35 wurden schwer verletzt, einige von ihnen werden ihr Leben lang behindert sein. Kurz darauf, in der Nacht zum Dienstag, kam die israelische Armee, wie fast jede Nacht, in die Stadt. Auf der Suche nach militanten Palästinensern. Drei wurden in der Altstadt erschossen, unter ihnen ein zwölfjähriger Junge. Zu einem Ende der Anschläge werden diese Aktionen nicht führen. Im Juni gelang es Israel sogar, auf einen Schlag die Anführer von Al-Aksa, Hamas und Dschihad zu töten und die Organisationen damit ihrer lokalen Führung zu berauben. Und selbst danach gingen die Anschläge weiter. Die Gruppen in Nablus folgen ihrer eigenen Agenda. Eigentlich schien ein stillschweigendes Abkommen zwischen Palästinensern und Israelis zu gelten, sich während der Abwesenheit Arafats mit der Gewalt zurückzuhalten.

Die Menschen im Lager Balata, wo mindestens 70 Prozent arbeitslos sind, haben notgedrungen gelernt, ihr tägliches Leben selbst zu organisieren. Die politischen und militärischen Fraktionen von Fatah, Hamas und Dschihad haben Lagerkomitees gebildet. „Sie kaufen Medikamente und verteilen sie kostenlos an die Leute“, sagt Ahmed, der in seinem provisorisch zusammengezimmerten Lebensmittelladen sitzt. Wird ein Palästinenser von den Israelis getötet, übernimmt jede Fraktion für einen Tag die Organisation der mehrtägigen Trauerfeiern. Sie besorgen Süßigkeiten, Tee und Kaffee, die den Kondolenzbesuchern gereicht werden. Wird ein Haus von der israelischen Armee zerstört, sucht das Lagerkomitee eine Ersatzunterkunft für die Familie. Das UN-Flüchtlingswerk bezahlt teilweise den Wiederaufbau des Hauses. Darauf wird auch die Familie des Attentäters von Tel Aviv zählen, die am Montag mit Hilfe der Nachbarn ihr Haus ausräumte. Am Dienstag wurde es dann zerstört.

Manchmal muss auch das Versöhnungskomitee, in dem Mitglieder wichtiger Familien des Lagers sitzen, aktiv werden. „Einmal wurde ein Mann getötet. Seine Familie nahm daraufhin einen Verwandten des Täters als Geisel“, erzählt Lebensmittelhändler Ahmed. „Das Komitee regelte die Affäre auf seine Weise, mit Blutgeld und Entschuldigungen, bevor der Fall die Autonomiebehörde erreichte.“

Die Fatah-Abgeordnete Dalal Salama aus Nablus ist über die Lage nicht glücklich. „Natürlich wünsche ich mir staatliche Gesetzlichkeit, aber unter den besonderen Umständen verhindern die Mechanismen in Nablus eine Explosion der Lage“, sagt sie in einem Telefoninterview von Ramallah aus. „Ansonsten würde totales Chaos herrschen.“ Jetzt, da sich alle an den Gedanken gewöhnen müssen, dass es irgendwann ohne den historischen Führer Arafat weitergehen muss, scheint ihr Nablus besser gewappnet als andere Städte. Andere Beobachter fürchten dagegen, dass die Machtkämpfe innerhalb der Fatah, die die Stadt noch immer dominiert, offener ausbrechen könnten. So hat der Ex-Chef der präventiven Sicherheit in Gaza, Mohammed Dahlan, ein von den USA favorisierter Politiker, angeblich in den letzten zwei Monaten zahlreiche Kontakte nach Nablus aufgenommen und auch Gelder fließen lassen, um einige Fraktionen auf seine Seite zu ziehen.

Die Milizen nutzen ihre Waffengewalt immer mehr zur Begleichung offener Rechnungen. Der Polizist Abed hat mehrfach erlebt, wie Milizangehörige in das Büro des Bürgermeisters stürmten und durchsetzten, dass eine Familie zum Beispiel keinen Strom mehr bezahlt. Auch der Arzt und Mitbegründer des Privatkrankenhauses „Arabische Spezialklinik“, Jassir Abu Safir, hat seine Erfahrungen mit dieser Form von Gesetzlosigkeit. „Einmal stürmten bewaffnete Männer in unsere Klinik und beschuldigten einen Kollegen, er habe eine Frau unsittlich behandelt.“ Man habe sofort alle Ärzte zusammengetrommelt und den Eindringlingen erklärt, es gebe eine Ärztekammer, die sich mit solchen Vorwürfen beschäftige. Sonst hätten sie den Kollegen womöglich gleich mitgenommen. Und wer weiß, was dann mit ihm geschehen wäre.

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