Zeitung Heute : Stadt der verlorenen Töchter

Sogar der Teufel hat hier Angst, sagen die Leute aus der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez. 320 Frauen wurden in den letzten zehn Jahren ermordet. Und es werden immer mehr. Aber niemand findet die Täter – oder will sie nicht finden. Auf den Spuren eines Justizskandals.

Annabel Wahba[Ciudad Juárez]

Von Annabel Wahba,

Ciudad Juárez

Wo sie die toten Mädchen fanden, stehen acht rosafarbene Kreuze. Claudia, Brenda, Lupita, Esmeralda, Veronica, Berenice, Barbara, auf einem Kreuz steht „Desconocida“, unbekannt. Unter der schwarzen Schrift hat jemand künstliche Blumen ins Holz genagelt, die in der Hitze nicht welken.

Ein Bauarbeiter entdeckte dort am Morgen des 6. November 2001 den Leichnam einer Frau. Er war auf dem Weg zur Arbeit und hatte die Abkürzung durch ein brachliegendes Baumwollfeld genommen, als ihm ein eigenartiger Geruch auffiel. In einem Bewässerungskanal sah er den Körper, er lag mit dem Gesicht nach unten in der Erde, ohne Hose, ohne Schuhe, inmitten von Plastiktüten und leeren Flaschen. Obwohl von der Frau kaum mehr als ein Skelett übrig war, identifizierte sie ihre Schwester später als Claudia Ivette González.

Als die Polizei kam, fand sie noch sieben weitere Leichen. Junge Frauen zwischen 15 und 20 Jahre alt, sie waren verschleppt, vergewaltigt und erwürgt worden: Fünf von ihnen hatten die Täter die Haare abgeschnitten, bei zwei Leichen waren die Arme mit Schnürsenkeln auf dem Rücken zusammengebunden. An Claudias Handgelenken entdeckten die Ermittler tiefe Einschnitte, auch sie war vermutlich mit Schnürsenkeln gefesselt worden. Claudia Ivette González ist Opfer Nummer 232, seitdem das Morden vor zehn Jahren begonnen hat. So stand es in der Zeitung.

Rosafarbene Kreuze sind das Wahrzeichen von Ciudad Juárez. Sie stehen gegenüber der Polizeiakademie, im Armenviertel Lomas de Poleo und an der „Bridge of the Americas“, dem Grenzübergang zwischen Mexiko und den USA. Die Brücke über den Rio Grande verbindet Juárez, wie die Bewohner ihre Stadt nennen, mit dem texanischen El Paso. Die Familien der ermordeten Frauen haben die Kreuze aufgestellt, damit die Stadt ihre verlorenen Töchter nicht vergisst.

Stadt ohne Seele

Niemand weiß genau, wie viele Tote es sind. Es gibt keine offizielle Statistik. Und so streiten sich die Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Chihuahua und Menschenrechtsgruppen, ob es nun 233 oder über 320 Frauen sind, die in den letzten zehn Jahren ermordet wurden. Zwischen 70 und 90 von ihnen waren Opfer von Sexualverbrechen. Vor fünf Jahren hat die Staatsanwaltschaft eine „Sondereinheit zur Untersuchung von Frauenmorden“ eingerichtet, 21 Männer wurden bisher verhaftet. Das Morden geht weiter.

Es gibt ein Sprichwort: Wenn Juárez eine Stadt Gottes ist, dann nur, weil selbst der Teufel Angst hat herzukommen.

Vielleicht ist alles nur Einbildung. Aber es sind nicht nur die rosa Kreuze, die an den Tod erinnern. Juárez ist eine Stadt, die keine Seele hat. Die Wüste schließt die Menschen ein, im Westen erhebt sich das Gebirge der Sierra de Juárez, im Norden der Grenzzaun. Wenn man die Stadt durchquert, hat man das Gefühl, eine große Vorstadt zu passieren, ohne je im Zentrum anzukommen. Breite Straßen verbinden Lagerhallen mit Fabriken und Einkaufszentren, am Horizont nichts als Werbetafeln und Sand.

In Juárez gibt es zwei Arten von Waren, mit denen man viel Geld verdienen kann: Drogen und Menschen. Die Stadt hat 1,5 Millionen Einwohner, jeden Tag kommen 300 neue dazu. Es sind Menschen aus dem Süden des Landes, auf der Suche nach Arbeit oder einem Weg in die USA. Bis sie ihn gefunden haben, zimmern sie sich Behausungen aus Obstkisten in den Wüstengrund. Der Himmel strahlt hier stets in einem hoffnungsvollen Blau, aber die Hütten sind auf Sand gebaut.

„Tortilla-Vorhang“ nennen die Amerikaner den Grenzzaun, er trennt Arm und Reich. Mit der Grenze in Juárez ist es eine eigenartige Sache: Sie ist da, man sieht den Zaun, und gleichzeitig ist sie nicht da. Durch keinen anderen Ort werden so viele Drogen geschmuggelt. Señor de los cielos, Herr der Himmel, nannte man den Chef des Juárez-Kartells. Angeblich wurde er vor sechs Jahren ermordet, während er in Narkose lag und sein Gesicht umoperieren ließ. Jeder in Juárez weiß, dass die bunten Häuschen mit Türmen und Kuppeln den „narcos“, den Drogendealern, gehören.

Irgendwann hat die Regierung dann entdeckt, dass Mexiko etwas anderes hat, das sich ganz legal verkaufen lässt: Arbeitskraft. Heute gibt es in Juárez 400 Maquiladoras, so heißen die amerikanischen und europäischen Firmen, die hier Elektro-und Autoteile produzieren lassen. Sie zahlen den Arbeitern nicht mehr als 50 Dollar die Woche.

Viele der ermordeten Mädchen waren wie Claudia Arbeiterinnen in einer Maquiladora. Sie verschwanden morgens auf dem Weg zur Fabrik oder abends auf dem Weg nach Hause. Mehrere hundert Frauen gelten bis heute als vermisst. Die Frauen sind leichte Opfer. Sie kommen aus den untersten Gesellschaftsschichten, außer ihrer Familie kümmert es keinen, wenn mal eine verschwindet.

Im Wohnzimmer ihres kleinen Hauses hat Josefina González ein großes Bild ihrer Tochter Claudia aufgehängt. Ein Fotostudio hat das Original mit Farbe nachbearbeitet, um den Kopf des Mädchens einen Strahlenkranz gelegt, er leuchtet weiß wie das grelle Licht der Wüste.

Claudia hatte lange, kastanienbraune Haare, die sie sich immer zu einem hohen Zopf zusammenband. „Am liebsten zog sie bauchfreie T-Shirts an“, sagt ihre Mutter, „um ja nicht zuzunehmen, machte sie jeden Tag in ihrem Zimmer Aerobic-Übungen.“ An einer Wand hängt ein Wimpel der Dallas Cowboys aus der National Football League. Claudia hatte ihn dort aufgehängt. Ihr Traum war es, irgendwann in die USA auszuwandern.

Die Mutter verwahrt die wenigen Fotos ihrer Tochter in einer Plastikhülle. Es gibt nur ein Foto auf dem Claudia lacht. „Sie war sehr still und hat nie von der Arbeit erzählt“, sagt ihre Mutter. Ihre Freizeit verbrachte Claudia zu Hause oder bei einer ihrer beiden Freundinnen in der Nachbarschaft. Einmal, erzählt ihre Mutter, ist sie mit einem Kollegen zum Essen ausgegangen. Als sie nach Hause kam, soll Claudia geschimpft haben: „Die Männer sind doch immer besoffen, und sie riechen schlecht.“

Josefina González ist Witwe, die 49-Jährige lebt mit ihrer anderen Tochter, ihrem Schwiegersohn und Enkelkind in einem staubigen Vorort von Juárez. In ihrem Wohnzimmer glänzen die grünen Bodenfliesen, der Tisch ist leer. Sie trägt einen Jeansrock, an ihren Ohren baumeln große, goldfarbene Kreolen. Die Mutter sieht selbst wie ein Mädchen aus. Drei Mal ist Josefina González dem Tod begegnet. Erst kam ihr Mann bei einem Autounfall ums Leben, dann verschwand Claudia und kurz darauf starb Josefinas Sohn an Krebs. „Ein Unfall oder eine Krankheit, damit kann man irgendwann fertig werden“, sagt sie. „Aber der Mord an Claudia ist etwas völlig anderes, weil der Mörder noch frei herumläuft.“

Óscar Máynez wollte ihn finden. Zwei Jahre lang war er forensischer Gutachter für den Norden Chihuahuas. Er leitete im November 2001 die Spurensicherung im Baumwollfeld – und kündigte sechs Wochen später. Aus Protest gegen die schlampigen Ermittlungen der Sonderstaatsanwaltschaft.

Etwas läuft katastrophal schief

Máynez sitzt im Café des Holiday Inn von Juárez, draußen streichen sie gerade den Pool in leuchtendem Blau. Eine mexikanische Schulklasse bahnt sich ihren Weg in den Frühstücksraum. Máynez ist ein Mann von 37 Jahren, mit einem Mund, größer als der von Mick Jagger. Er hat glatte, weiße Haut und ist so etwas wie der Kronzeuge gegen die Regierung.

Máynez hat in den USA mit einem Fulbright-Stipendium Psychologie studiert und war auf dem besten Weg, im Justizapparat von Chihuahua Karriere zu machen. Aber er ist ein Mann, der den Dingen auf den Grund geht. So kommt man in Juárez nicht weit. Als er im Baumwollfeld stand und die Spuren an den Handgelenken der Frauen sah, war ihm klar: „Das habe ich schon einmal gesehen.“

Er ist sich sicher, zwischen den Toten im Baumwollfeld und anderen Morden besteht ein Zusammenhang. „Mindestens 60 Frauen wurden nach demselben Muster getötet“, sagt Máynez, und es war sein Ehrgeiz, den oder die Serienmörder zu finden. Aber man ließ ihn nicht. Denn dann hätte er aufgedeckt, dass in dieser Stadt etwas katastrophal schief läuft. Womöglich hätte er herausgefunden, dass die Männer die verhaftet worden waren, gar nicht die Täter sind. Womöglich hätte er einen Justizskandal aufgedeckt, wie ihn das Land noch nicht gesehen hat.

Juárez ist mittlerweile bekannt dafür, dass man hier als Frauenmörder gute Chancen hat, ungestraft davonzukommen. Und über die Täter gibt es fast so viele Theorien, wie es Morde gibt. Jeder hat eine andere Erklärung, wer dahinter steckt: Organhändler, Satanisten, Snuffvideo-Produzenten, die die Sexmorde filmen und die Videos dann im Ausland verkaufen. Andere sagen, es seien Banden von Drogendealern, die als Initiationsritus den Mord an einer Frau verlangen. Oder die so genannten „Juniors“, die Söhne der einflussreichen Familien, die aus Lust morden. Oder Männer aus Texas, die nach der Tat hinter der Grenze untertauchen.

Solange man nichts weiß, ist alles denkbar.

„Wenn Sie verstehen wollen, was in dieser Stadt passiert“, sagt Máynez am Ende des Gesprächs, „dann sehen Sie sich den Mord im Baumwollfeld an. Das ist der Tiefpunkt einer Entwicklung, die vor zehn Jahren begann.“

Die Leiche vor der Tür

Damals tauchten die ersten Toten auf. Später fand man in einem Wüstenstreifen, im Viertel Lote Bravo, zehn halb nackte Leichen. Junge Frauen aus armen Verhältnissen, schlank, braune Haut und lange Haare. Sie waren vergewaltigt und erwürgt worden. Ihre Hände waren mit Schnürsenkeln auf dem Rücken gefesselt, ihre Schuhe standen aufgereiht neben den Körpern. Bis heute haben die Behörden nicht untersucht, ob zwischen den Toten im Baumwollfeld und denen in Lote Bravo ein Zusammenhang besteht.

Der Fall Lote Bravo gilt längst als gelöst. Ein ägyptischer Chemiker wurde wegen des Mordes an einer Frau zu 20 Jahren Haft verurteilt, sie soll eine der zehn Toten gewesen sein. Der Mann beteuert seine Unschuld. Die Staatsanwaltschaft sagt, er sei der Serienmörder, obwohl die Beweise nicht zu einer Verurteilung in den neun anderen Fällen gereicht haben.

Als man 1996 weitere Frauenleichen in dem Armenviertel Lomas de Poleo fand, verhaftete die Polizei eine Gruppe von Männern und behauptete, der Ägypter habe sie vom Gefängnis aus bezahlt, damit sie die Frauen umbringen. Er habe so den Verdacht von sich ablenken wollen. Eine Behauptung, die der Direktor des Gefängnisses absurd nennt.

Ein Jahr später hat man den Ermittlern eine Leiche quasi vor die Tür gelegt. Nur 200 Meter von der Polizeiakademie entfernt, wo auch die Sonderstaatsanwaltschaft für Frauenmorde ihren Sitz hat, fand man ein 15-jähriges Mädchen. Die Mörder wollten der ganzen Stadt eine Botschaft hinterlassen: Ihr könnt uns nichts anhaben.

Den Mord an Claudia und den anderen Frauen erklärte die Staatsanwaltschaft vier Tage nach dem Fund der Leichen für gelöst und präsentierte die Täter: zwei Busfahrer.

Sie sprachen ihr Geständnis in eine Kamera, das Video führte die Staatsanwaltschaft der Presse vor. Obwohl die Busfahrer die Frauen im Drogenrausch ermordet haben sollen, konnten sie nicht nur die Namen der Mädchen nennen, sondern auch deren Kleidung zur Tatzeit detailliert beschreiben. Nur, wie viele Sexualmörder kennen den vollständigen Namen ihrer Opfer? Und wie können sie sich Monate später noch an die Farbe der BHs erinnern, zumal die Männer doch angeblich nicht nüchtern waren?

Im Büro der nationalen Menschenrechtskommission in Mexiko-Stadt kann man sich Fotos der Busfahrer ansehen, die nach den Verhören von Journalisten gemacht wurden. Auf der Haut sind Verbrennungen zu erkennen, wie sie bei Elektroschocks entstehen. In den Akten liegt auch ein Gutachten des Gefängnisarztes von Juárez, der die Verletzungen bei Einlieferung der Männer bestätigt. Außerdem hat ein DNS-Test später ergeben, dass die meisten Frauenleichen nicht mit den Namen aus dem Geständnis übereinstimmen. Bei Claudia war die dem Leichnam entnommene Probe nicht verwertbar.

Der Gutachter Máynez sagt, die Staatsanwaltschaft habe die Namen der Frauen und die Beschreibung der Kleidung einfach den Listen vermisst gemeldeter Frauen entnommen und in das Geständnis geschrieben. Der Fall sollte so schnell wie möglich abgeschlossen werden. Einer der beiden Angeklagten ist mittlerweile tot, er starb unter mysteriösen Umständen bei einer Operation in der Haft. Sein Anwalt war zuvor von Polizisten erschossen worden – aus Versehen, wie es heißt.

Die Sonderstaatsanwaltschaft zur Untersuchung von Frauenmorden hat ihren Sitz in der Polizeiakademie, weit außerhalb der Stadt. Was hinter den verspiegelten Glasscheiben geschieht, entzieht sich neugierigen Blicken. Mit drei Stunden Verspätung kommt der Sprecher der Sonderstaatsanwaltschaft, Manuel Esparza Navarrete, zum Gespräch. Seine Strategie ist, so zu tun, als wären die Frauenmorde nichts Besonderes. „Früher hatten wir hier einmal Probleme mit Serienmorden, aber die Schuldigen sitzen im Gefängnis.“ Die Zahl von 233 Morden umfasse Taten aus Eifersucht, Familienstreitigkeiten, Morde im Drogen- und Prostituiertenmilieu. Alles in allem sei die Zahl für eine Grenzstadt mit derartigen sozialen Problemen nicht ungewöhnlich hoch, sagt Esparza. Er hat für alles eine Erklärung. „Die beiden Busfahrer sind nicht gefoltert worden, das beweist das medizinische Gutachten. Jeder Gefangene wird in Mexiko sofort bei Einlieferung ins Gefängnis untersucht.“

„Aber ich habe das Gutachten gesehen, Herr Esparza. Der Arzt diagnostiziert Schläge und Verbrennungen.“

„Wissen Sie, wenn ich mich richtig erinnere, wurde das Gutachten, von dem Sie sprechen, erst einige Tage nach Einlieferung der beiden ins Gefängnis erstellt.“

Für Claudias Mutter sind die beiden Busfahrer unschuldig. „Wenn die tatsächlichen Täter gefunden werden sollen, muss ich selbst nach ihnen suchen. Von der Staatsanwaltschaft erwarte ich gar nichts.“ Deshalb hat sie sich mit anderen Müttern zusammengetan. Mit ihren rosa Kreuzen sind sie letztes Jahr nach Mexiko-Stadt gereist, um für die Einführung einer Untersuchungskommission zu demonstrieren. Aber Präsident Vicente Fox sagt, die Morde seien Angelegenheit des Staates Chihuahua.

Wer schützt die Täter?

In der Frauengruppe hat Josefina González eine Mutter kennen gelernt, deren Tochter Lilia neun Monate vor Claudia ermordet worden war. Die Frauen entdeckten erstaunliche Übereinstimmungen. Sie glauben – ebenso wie Gutachter Máynez –, dass die Täter in beiden Fällen dieselben sind. Den tatsächlichen Mörder aus dem Baumwollfeld wird man also wohl erst finden, wenn auch der andere Fall aufgeklärt ist.

Passanten hatten Lilias Leiche im Februar 2001 entdeckt. Die 17-Jährige lag auf einem Feld, direkt gegenüber der Firma, in der sie gearbeitet hat, den nackten Körper in eine Decke gewickelt, als wollten die Mörder sagen: Da habt ihr euren Müll. Untersuchungen ergaben, dass Lilia nach ihrer Entführung noch mindestens drei Tage gelebt hat, in dieser Zeit wurde sie gefoltert und vergewaltigt. An ihren Handgelenken entdeckte man dieselben Einschnitte, vermutlich von Schnürsenkeln, wie neun Monate später an den Leichen aus dem Baumwollfeld. An Lilia fanden die Ermittler außerdem Samenspuren, sie wurden analysiert, aber nie mit denen von möglichen Verdächtigen verglichen. In Chihuahua gibt es zwar keine Datenbank mit Informationen über Sexualstraftäter, aber im benachbarten El Paso.

Im Fall von Lilia hatte das FBI sogar konkrete Hinweise über den Täter bekommen. Zeugen aus Juárez sagten in der texanischen Stadt aus – weil sie den mexikanischen Behörden nicht trauten –, sie hätten gesehen, wie Männer das Mädchen in einen weißen Thunderbird zerrten, einen der Männer identifizierten sie als Raúl, einen stadtbekannten Drogendealer. Die Staatsanwaltschaft in Juárez tat die Hinweise als Unsinn ab.

Es gibt ein Buch über Juárez, das in Mexiko für Aufsehen sorgte. Es heißt „Knochen in der Wüste“. Der Autor Sergio González Rodríguez hat versucht, das nachzuweisen, was viele denken: Gegen die Serienmörder gibt es keine Ermittlungen, weil einflussreiche Männer sie schützen. Männer, die Verbindungen sowohl zum Drogenhandel, als auch in höchste Regierungskreise haben. Der Journalist zitiert unterschiedliche Informanten: Phil Jordan, Ex-Direktor des „El Paso Intelligence Center“, das US-Geheimdienste berät, außerdem Quellen aus dem staatlichen mexikanischen Geheimdienst. Demnach ermorden Drogenhändler die Frauen auf Wüsten-Ranches, sie veranstalten dort Sex-Orgien und töten aus Lust. Für ihre Taten würden sie nicht belangt, weil Politiker und Unternehmer in ihre Drogengeschäfte verwickelt sind.

Letztes Lebenszeichen

Tatsächlich hat man im Umkreis dieser Ranchs immer wieder tote Frauen gefunden. Die Täter haben sich gar nicht erst die Mühe gemacht, ihre Spuren zu verwischen. Die Leichen waren nur spärlich mit Sand bedeckt, der Wind hat sie freigelegt. Der Informant, ein Ex-Polizist, nannte auch die Namen von Mördern und von Politikern, die sie schützen. Aber das hat nie zu Ermittlungen geführt. Es gibt die Namen, aber es fehlen die Beweise.

Josefina González glaubt, dass ihre Tochter von Polizisten entführt und ermordet wurde. Claudia hatte ihr einmal erzählt, zwei Streifenwagen hätten sie verfolgt. „Die Beamten sind ihr hinterhergefahren und beobachteten sie“, sagt Josefina González. Polizisten aus einem anderen Wagen hätten Claudia sogar einmal aufgefordert, zu ihnen einzusteigen. „Sie hat mir die Nummern der Streifenwagen gesagt: 238 und 348.“

Die Staatsanwaltschaft hat sich auch für diese Aussagen nie interessiert. Jetzt arbeitet Josefina González mit den anderen Müttern an einer Klageschrift, die sie beim interamerikanischen Gericht für Menschenrechte in Washington D.C. einbringen wird. Sie will wissen, wer ihre Tochter am 10.Oktober 2001 vor ihrer Fabrik gekidnappt und dann ermordet hat. „Es war am helllichten Tag. Wie kann es sein, dass das niemand gesehen hat?“ Die Leute in Juárez haben Angst, sagt die Mutter.

Der letzte Tag im Leben von Claudia Ivette González. Zum ersten Mal kam sie zu spät zur Arbeit. Sie hatte schon vier Jahre lang für den US-Konzern „Lear“ Bezüge für Autositze genäht. Claudia war eine zuverlässige Angestellte, sie arbeitete mit ihren schlanken Fingern so flink, dass ihre Kollegen in der Fabrik sie „araña“ nannten, Spinne.

Am 10. Oktober 2001 begann ihre Schicht um 15 Uhr 30, als sie zwei Minuten später am Werkstor stand, ließ der Pförtner sie nicht mehr hinein. 120 Sekunden, die ein Leben bedeuten. Claudia musste unterschreiben, dass sie zu spät gekommen war, dann schickte man sie wieder weg. Im Nachhinein erscheint es einem so, als habe Claudia da ihr eigenes Todesurteil unterzeichnet. Der Name unter dem Protokoll ist ihr letztes Lebenszeichen.

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